Wissen 08.12.2011

Angst vor "Supervirus" aus dem Labor

Forscher haben das tödliche Vogelgrippe-Virus im Labor so verändert, dass es zusätzlich auch hoch ansteckend ist.

Mehr als jede zweite Infektion verläuft tödlich: Das Vogelgrippe-Virus H5N1 ist extrem gefährlich für den Menschen. Trotzdem sind seit 2003 weltweit erst 571 Fälle bekannt. Denn die Infektion erfolgt nur durch direkten Kontakt mit Exkrementen von Vögeln und Hühnern. Eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung – so wie bei der Schweinegrippe und allen jährlichen saisonalen Influenza-Viren – gibt es nicht. Doch jetzt haben Forscher am Erasmus Medical Center in Rotterdam ein Vogelgrippe-Virus geschaffen, das auch durch Tröpfchen beim Niesen und Husten weitergegeben werden kann – was weltweite Diskussionen ausgelöst hat.

Was haben die Forscher in Holland genau gemacht?"In einem ersten Schritt haben sie in einem Hochsicherheitslabor drei genetische Veränderungen im Erbgut des H5N1-Virus durchgeführt", erklärt der Virologe Univ.-Prof. Franz X. Heinz von der MedUni Wien. Diese allein haben die Ansteckungsgefahr noch nicht erhöht. Anschließend haben die Wissenschafter mit diesem genetisch modifizierten Virus Frettchen infiziert, das Virus dann aus der Nasenschleimhaut isoliert und auf weitere Frettchen übertragen. Nach zehn solcher Passagen von Tier zu Tier sind zwei weitere Mutationen entstanden: "Erst alle fünf Mutationen machten das Virus von Frettchen auf Frettchen, die in verschiedenen Käfigen sitzen, übertragbar." – Dass sich das Vogelgrippe-Virus durch Tröpfcheninfektion auch von Mensch zu Mensch verbreiten kann, sei "leichter möglich als bisher angenommen", sagt Studienleiter Ron Fouchier.

Was ist der Nutzen dieser Forschung?

"Sie könnte eine schwere Pandemie verhindern", ist Fouchier überzeugt. "Influenza-Viren werden weltweit regelmäßig analysiert", sagt Heinz: "Die Rotterdamer Forscher argumentieren: Entdeckt man dabei H5N1-Viren mit bereits drei oder vier der jetzt bekannten fünf Mutationen, könnte man rechtzeitig zum Beispiel mit der Produktion von Impfstoffen beginnen. Ob das dann tatsächlich passiert, ist aber letztlich eine politische Frage." – "Der Nutzen unserer Forschung ist größer als die Risiken", meint Fouchier.

Kann das Virus aus dem Labor "entkommen"?
Die Forschung wird in einem Hochsicherheitslabor durchgeführt. "Ich sehe deshalb diese Gefahr nicht, aber hundertprozentige Sicherheit gibt es nie", so Heinz.

Können Bioterroristen das Virus "nachbauen"?
Die Wissenschafter wollten ihre Ergebnisse im Fachmagazin Science veröfffentlichen. Derzeit prüft ein Komitee (NSABB) der US-Gesundheitsbehörde NIH (sie hat die Studie mitfinanziert), ob eine Publikation eine Gefahr für die Sicherheit bedeuten würde. "Bis jetzt liegt keine Entscheidung vor, wir wissen auch nicht, wann sie kommt", hieß es Donnerstag in Rotterdam. Unter Wissenschaftlern ist umstritten, ob der genetische Bauplan des neuen H5N1-Virus veröffentlicht werden soll. "Wobei die Daten so und so nicht mehr geheim sind", sagt Heinz: "Es gibt eine gar nicht so kleine Zahl von Menschen, die diese Mutationen bereits kennen." Es wäre besser gewesen, all diese Fragen vor der Durchführung der Studie zu klären und internationale Ethik- und Sicherheitsgremien vorher stärker einzubinden: "Außerdem hätte man vorher in Fachkreisen überlegen können, ob es nicht auch andere Wege gegeben hätte, sich den Voraussetzungen einer Mensch-zu-Mensch-Übertragung anzunähern."

Ist ein Virus aus dem Labor wirklich so gefährlich?

"Die Gefahr, die von einem natürlich vorkommenden Virus ausgeht, ist weitaus höher als von einem Virenstamm aus dem Labor", meinen manche Experten. – Heinz: "Das sehe ich nicht so. Denn das Virus wurde gezwungen, alle jene Eigenschaften anzunehmen, die wir nicht haben wollen."

Jährlich bis zu 1200 Grippe-Tote

Pro Jahr sterben in Österreich 1000 bis 1200 Menschen an den Folgen einer Influenza-Infektion. Bei dieser Grippe-bedingten "Übersterblichkeit" handelt es sich um Todesfälle, die ohne erhöhte Influenza-Aktivität nicht zu erwarten gewesen wären. Dies geht aus einer Studie der AGES hervor. Bisher wurden für Österreich höhere Zahlen – bis zu 6000 – angenommen.

Höchstwerte gab es in den Saisonen 2002/2003 (1060 mehr Todesfälle), 2004/2005 (1102) sowie 2008/2009 (1192 Fälle). Der ansteigende Trend erklärt sich mit der zunehmenden Alterung der Bevölkerung. Alarmierend eine Studie von Thomas Dorner vom Institut für Sozialmedizin der MedUni Wien: Nur 30 Prozent der Diabetikerinnen sind gegen Influenza geimpft, bei den Diabetikern sind es 39 Prozent. Diabetiker haben ein höheres Risiko für Komplikationen wie Herzprobleme.

( Kurier ) Erstellt am 08.12.2011