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© APA/AFP/MARK RALSTON

Angelina-Jolie-Syndrom
12/15/2015

Wenn sich alles darum dreht, Krankheiten zu verhindern

Schöner, gesünder, fitter: Ein bewusster Lebensstil wird immer öfter zur Obsession, nicht nur für Angelina Jolie.

von Laila Daneshmandi

Ein gesunder Körper will gepflegt werden – dass ausgewogene Ernährung und regelmäßige Bewegung dabei helfen können, viele Krankheiten zu verhindern, wird immer wieder durch Studien belegt und von Ärzten gepredigt. Doch während diejenigen, denen ein bewussterer Lebensstil wirklich helfen würde, gerne weghören, wird das Prinzip fitter, schöner, gesünder für andere, die das ohnehin schon leben, immer öfter zum Wahn: Neben Bio-Smoothies und einem strengen Fitnessprogramm nehmen sie sogar unnötige Operationen auf sich, um das Risiko von Krankheiten zu verhindern.

Wissenschaftler sprechen dabei vom Angelina-Jolie-Syndrom – es beschreibt Menschen, die ihren Lebensstil danach richten, mögliche Erkrankungen zu verhindern, und dabei auch nicht vor unnötigen Operationen am gesunden Körper zurückschrecken. Das Syndrom ist nicht umsonst nach der Schauspielerin benannt, zumal sie sich wegen einer genetischen Veranlagung aus Angst vor Krebs vorsorglich beide Brüste entfernen ließ.

Körperkult

Dieses neue Verständnis von Gesundheitsvorsorge und Körperkult reicht von Bio-Ernährungsplänen über den Boom bei Fitness-Gadgets bis hin zu Schönheitsoperationen. "Aber wenn das Vorausberechnen von Erkrankungen und die Idealisierung von Schönheits- und Gesundheitsstandards falsch verstanden werden, kann das zu Massenneurosen und zu einem sozialen Wahn führen", warnt die Sozialwissenschaftlerin Evgenia Golman im Journal of Social Policy Studies.

"Im modernen Gesundheitswesen verschiebt sich die Verantwortung für die Gesundheit immer mehr von den Gesundheitseinrichtungen hin zu den Einzelpersonen – und von der Behandlungs- zur Präventivmedizin." Allerdings beinhalte das auch ganz theoretische Erkrankungen, die noch gar nicht eingetreten sind.

Orthorexie

In Bezug auf Ernährung wurde schon voriges Jahr ein Begriff für Menschen geprägt, die panische Angst davor haben, ihrem Körper ungesunde Lebensmittel zuzuführen und dadurch krank zu werden: Orthorexie. So eine zwanghafte gesunde Ernährung ist ein Teil des Angelina-Jolie-Syndroms.

Golman warnt davor, dass Gesundheitsbewusstsein immer mehr zum sozialen Imperativ wird – und dass ein ungesunder Lebensstil zur Grundlage für Stigmatisierung wird. "Ein junger, schöner und schlanker Körper ist nicht mehr nur ein Trend, sondern ein Maßstab für die sozio-ökonomische Stellung eines Menschen und sogar seinen Wert für die Gesellschaft." Alles, was nicht in diesen Körperkult-Standard passt – von Übergewicht bis hin zu Gesichtsmerkmalen – könnte Grundlage für Diskriminierung werden.

Hightech-Gesundheit

Die wachsende Zahl an technischen Möglichkeiten, seine Fitness-Aktivität, Ernährung bis hin zum Schlaf über Armbänder oder Apps zu verfolgen, trägt ihren Teil zur Obsession bei. "Viele dieser Technologien versuchen, mögliche Gefahren im Vorhinein zu berechnen", sagt Golman – das führe zu immer mehr Patienten, die ohne Symptome zum Arzt gehen.

Letztendlich müsse schon in der Jugend ein stabiler Selbstwert vermittelt werden, betont die Psychologin Michaela Langer vom Österr. Psychologenverband: "So, wie du bist, bist du gut. Ja, es gibt Menschen, die sehen anders aus, sind größer, kleiner, dicker dünner, aber das ist die Vielfalt, die unser Leben bereichert."

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