Wissen und Gesundheit
26.02.2015

Weniger Einkommen – mehr Kilos

Migration: Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, leiden auffallend oft an Übergewicht und Diabetes.

Forscher der MedUni Wien wollten es genau wissen – und begaben sich in die Ordinationen von Wiener Internisten, um dort 442 türkisch- stämmige Patientinnen in ihrer Muttersprache zu interviewen. Ihr Befund ist alarmierend: Jede Zweite ist adipös (krankhaft übergewichtig, fettleibig). Jede Dritte ist übergewichtig. Jede Zehnte leidet unter Diabetes.

„Migranten sind häufiger chronisch krank“, erklärte dazu Primar Bernhard Ludvik am Donnerstag bei einem Symposium der Wiener Ärztekammer. Frauen mit Migrationshintergrund weisen ein drei- bis vierfach höheres Diabetesrisiko auf als Frauen, die in Österreich geboren wurden. Wichtig ist in diesem Zusammenhang der Hinweis: Ludvik, Stoffwechsel- und Diabetesspezialist, ist ein besonnener Mann, keiner von denen, die vor Überfremdung warnen.

Dass sich die Ärztekammer mit den medizinischen Aspekten der Zuwanderung beschäftigt, hat gute Gründe: In Österreich leben zurzeit rund 1,5 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund (33 Prozent aus EU-Staaten, ebenso viele aus dem ehemaligen Jugoslawien sowie 17 Prozent aus der Türkei). So wie ihre Herkunft und ihre Biografien sind auch ihre gesundheitlichen Charakteristika heterogen. Auch deshalb sahen die Mediziner beim Symposium Handlungsbedarf.

Erfolglose Kampagnen

Bernhard Ludvik kann aus mehreren Studien zum Thema Migration zitieren. Er sagt: „Wir haben ein ziemliches Gesundheitsproblem, was das Gewicht betrifft. Im Normbereich waren nur weniger als zwanzig Prozent der Interviewten.“ Während die Frauen mit Migrationshintergrund oft adipös sind, neigen ihre Männer „nur“ zu Übergewicht. Und der Arzt beeilt sich hinzuzufügen, dass die bisher betriebenen Aktivierungs- und Aufklärungskampagnen nicht angekommen sind.

Auf der Suche nach den Ursachen fanden die Forscher heraus, dass das Erlernen der deutschen Sprache für viele Migranten weiterhin eine Hürde darstellt. Und dass das österreichische Bildungssystem nicht allen, die hier auch Steuern zahlen, offensteht. Nicht nur Armut macht krank, wie dieser Tage bei der in Salzburg tagenden Armutskonferenz zu hören war, auch Migration kann die Gesundheit gefährden. Der Zugang zu effektiven Gesundheitsmaßnahmen bleibt jedenfalls vielen verschlossen.

Die Wiener Frauengesundheitsbeauftragte Univ.-Prof. Beate Wimmer-Puchinger eröffnete dazu vor den Experten der Ärztekammer eine einfache Rechnung: „Je weniger Einkommen und Bildung, desto mehr Kilos.“ Die Ausgeschlossenen bewegen sich weniger und essen ungesünder. „Daher müssen wir endlich aufhören, die Dicken zu stigmatisieren.“

Armutszeugnis

Ein Armutszeugnis für das österreichische Gesundheitssystem ergibt sich auch aus einer anderen Studie des Ludvik-Forscherteams.
Verglichen wurden in der Studie bosnisch-stämmige Diabetiker, die am Wiener AKH sowie an einer Klinik in Banja Luka behandelt werden. Dabei zeigte sich, dass die in Wien betreuten Patienten deutlich mehr Übergewicht und schlechtere Blutzuckerwerte (HbA1c-Wert im Blut) aufwiesen als ihre Landsleute in Bosnien – dies, obwohl in Wien mehr Schulungen angeboten werden als in Banja Luka.

Die Mediziner gehen davon aus, dass mehr Migranten in den Gesundheitsberufen helfen könnten.

Die Leiden der jungen Migranten

Sie putzen sich seltener die Zähne, sie betreiben weniger Sport, sie ernähren sich weniger gesund. Sie sitzen länger vor Fernseher und Computer. Sie gehen mehrheitlich in die Pflichtschule und nicht ins Gymnasium. Sie trinken jedoch auch weniger Alkohol.

Die Ergebnisse einer groß angelegten Studie des in Berlin angesiedelten Robert-Koch-Instituts mögen auf den ersten Blick wie ein Klischee klingen. Doch die Daten stammen aus einer Studie, bei der 17.000 Kinder und Jugendliche aus allen deutschen Bundesländern interviewt wurden.

Besonders von Diabetes bedroht, zitiert die Ernährungswissenschafterin Anna-Kristin Brettschneider aus der Studie, sind Kinder aus Familien, deren sozialer Status niedrig ist. Die Eltern der betroffenen Kinder sind oft selbst übergewichtig, rauchen und sind von Arbeitslosigkeit bedroht. Die deutsche Forscherin schlussfolgert, dass die Gesundheitspolitik künftig mehr auf Gruppe der Migranten zugehen muss.