Wissen und Gesundheit
29.09.2017

"Wir sind aussterbende Dinosaurier"

Vor 60 Jahren wurde das vermeintlich harmlose Schlafmittel Contergan am Markt eingeführt. Wie geht es den Opfern des Pharmaskandals heute? Eine Betroffene aus Österreich erzählt.

Mit fast 57 Jahren bezeichnet sich Michaela Moik immer noch als Contergan-Baby – "und das, obwohl ich mittlerweile ein bisschen überwuzelt bin", lacht die eloquente Wienerin. Ihre Arme sind etwa halb so lang wie normal, an beiden Händen hat sie vier Finger, die Gelenke sind deformiert. Moik, geboren am 5. Jänner 1962, ist eines von etwa 45 österreichischen Opfern des Contergan-Skandals (siehe unten). Am Sonntag jährt sich die Markteinführung des vermeintlich harmlosen Schlaf- und Beruhigungsmittels zum 60. Mal.

"Meine Mama wusste noch nicht, dass sie schwanger war. Wegen einer eitrigen Zahnfistel schluckte sie die Tablette", erzählt die ehemalige Sozialarbeiterin. In Österreich wurde das Medikament unter dem Namen Softenon vertrieben und war nur mit Rezept erhältlich – ein Umstand, dem die vergleichsweise niedrige Opferzahl zu verdanken ist. Michaela Moik erfuhr erst mit 18, warum sie anders aussah als die anderen. Freunde der Familie brachten ihre behinderte Tochter zur Therapie nach Heidelberg, wo auch das Zentrum der Contergan-Forschung war. "Sie riefen uns an und sagten: Dort hängen überall Fotos von Leuten, die so ausschauen wie die Michi." Sie fuhr hin, ließ sich untersuchen – und wurde, knapp nach ihrem 18. Geburtstag, als Contergan-Geschädigte anerkannt.

"Beeinträchtigt war ich eigentlich nie", beteuert Moik. "Einen Handstand hab ich halt nicht machen können, Tennisspielen war auch nicht mein’s – dafür war ich eine sehr gute Fußballerin. Ich hab maturiert, studiert und drei Kinder erzogen. Alles ist gegangen." Beim 25. Jahrestag der Markteinführung habe sie auch ein Interview gegeben, erinnert sie sich. "Das wurde dann nicht gedruckt, mit der Begründung, dass mein Leben viel zu normal sei. Na ja, das ist heute nicht mehr so."

Folgeschäden

Denn wie viele "Conterganer" leidet Michaela Moik mit zunehmendem Alter unter den Folgeschäden ihrer Behinderung. Die vielen Verrenkungen aufgrund ihrer kurzen Arme haben ihren Gelenken zugesetzt, Küche, Bad und WC musste sie mittlerweile behindertengerecht umbauen lassen. "Meine Elastizität lässt rapide nach. Laut Physiotherapeutin ist meine Halswirbelsäule 71 Jahre alt." Studien der Universität Heidelberg von 2012 und 2016 bestätigten, dass Contergan-Geschädigte schneller altern: Sie sind jetzt Mitte 50, ihre körperliche Verfassung entspricht jedoch jener von 70- bis 80-Jährigen. Viele kämpfen mit Arthrosen, Bandscheiben- und Augenschäden. Zudem treten Schlaganfälle und Herzinfarkte häufiger auf als beim Rest der Bevölkerung.

Die Leiterin der Selbsthilfegruppe der Contergan- und Thalidomidgeschädigten Österreichs möchte etwas für die Nachwelt hinterlassen – auch, wenn es in einigen Jahrzehnten keine Contergan-Überlebenden mehr geben wird. "Als ich mir die Schulter brach, waren die Ärzte total überfordert. Mein Ziel ist es, ein Expertennetzwerk für Menschen mit Dysmelien (Fehlbildungen der Gliedmaße, Anm.) aufzubauen. Wir sind Dinosaurier, die vom Aussterben bedroht sind. Aber in Europa kommen jedes Jahr 300 bis 350 Kinder mit Fehlbildungen zur Welt. Die Folgeschäden sind für uns alle gleich."

Von den 45 österreichischen Opfern – Moik schätzt die Dunkelziffer auf 80 bis 90 – wurden 20 in Deutschland anerkannt und beziehen eine Rente aus der Contergan-Stiftung. Die restlichen 25 kämpften lange um ihre Sichtbarkeit. Seit 2015 erhalten sie 14-mal pro Jahr 426 Euro vom österreichischen Staat. Doch mit fortschreitendem Alter steigen die Bedürfnisse: So sind etwa immer mehr Contergan-Geschädigte auf Assistenz angewiesen, deren Kosten nicht abgedeckt werden. "Sie brauchen sich nicht entschuldigen", sagt Moik über die Herstellerfirma Grünenthal, "sondern uns geben, was wir brauchen – unbürokratisch. Wir leben nicht in Saus und Braus. Es geht darum, dass wir unseren Alltag bewältigen können."

Natürlich habe sie manchmal eine Wut auf das Unternehmen, sagt Moik: "Aber ich bin ambivalent." Als ihr Vater eine Lungentransplantation hatte, ermöglichte ihm ein Medikament der Firma Grünenthal noch vier schöne Lebensjahre. Ihre Mutter, die heuer verstarb, hatte eine Chemotherapie, deren Hauptbestandteil ebenfalls von Grünenthal stammte. "Hätte es die Firma nicht gegeben, hätte es diese Medikamente nicht gegeben", sagt Moik. "Man kann nicht alles verdammen."

Contergan-Skandal

Am 1. Oktober 1957 stellten sich die Weichen für den größten Arzneimittelskandal nach dem Zweiten Weltkrieg: Der Aachener Pharmahersteller Grünenthal brachte das Beruhigungsmittel Contergan auf den Markt, das wegen seiner Wirkung gegen Übelkeit von vielen Schwangeren genommen wurde. Was niemand wusste: Der Wirkstoff Thalidomid griff in den Entwicklungsprozess der Embryos ein – ca. 10.000 Babys kamen mit Fehlbildungen an Armen und Beinen zur Welt, die meisten in Deutschland. Ende 1961 wurde das Medikament vom Markt genommen. Das Verfahren gegen Grünenthal wurde 1970 eingestellt.