Das "Unternehmen Welt" ist heillos überschuldet: Dirk Solte ist der Ansicht, unser Finanzsystem steuere auf einen Kollaps zu.

© KURIER/Gilbert Novy

Nachhaltigkeit
03/21/2015

Zukunftsforscher: "Der Planet fliegt uns um die Ohren"

Fehlgeleitetes Wirtschafts- und Finanzsystem: Zukunftsforscher Dirk Solte wälzt düstere Szenarien.

von Hermann Sileitsch-Parzer

KURIER: Müssen wir uns Sorgen um unser Wirtschafts- und Finanzsystem machen?

Dirk Solte: Das kann man wohl sagen. Unsere Produktions- und Konsumkultur verbraucht momentan eineinhalb Planeten. Wir können also nicht den Hunger von immer mehr Menschen stillen, ohne dass uns der Planet um die Ohren fliegt. Wobei Hunger von der Gesellschaft abhängig ist: Meine Tochter hungert nach einem Smartphone, und ich kann ihr deshalb nicht einmal böse sein.

Wie kann man da von Hunger sprechen, solange Menschen tatsächlich hungern?

Wenn ein Smartphone nötig ist, um am sozialen Leben teilzunehmen, ist das legitim. Wir sind aber dabei, diesen Lebensstil zu globalisieren. Und das, wo seit 40 Jahren die Wertschöpfungslücke wächst – also die Lücke zwischen dem Hunger der Welt und dem, was wir an Produktion schaffen. Deshalb produziert unser globales Finanzsystem Gutscheine. Diese Versprechen auf künftige Wertschöpfung machen das sechs- bis siebenfache Volumen dessen aus, was wir in einem Jahr produzieren. Wie realistisch ist es, dass diese Versprechen je eingelöst werden können?

Das heißt: Wir leben über unsere Verhältnisse, und das Wachstum war auf Schulden gebaut?

Das ist so, definitiv. Seit über 40 Jahren. Und zwar nicht etwa nur in Griechenland, sondern weltweit.

Wie sieht also die Zukunft aus?

Es gibt drei Szenarien. Erstens: Wir geben die Devise "mit Wachstum aus der Krise" aus und interessieren uns nicht für die ökologische Dimension. Wenn Sie die Ansicht vertreten, die Spezies Mensch habe wie die Dinosaurier ohnehin nur begrenzte Zeit, brauchen Sie nichts weiter zu tun.

Die Ansicht vertrete ich nicht. Was ist das zweite Szenario?

Dass die Anzahl jener Menschen reduziert wird, die Zugriff auf unseren hohen Lebensstandard haben. Derzeit sind das etwa 1,3 Milliarden Menschen. Da wir mit diesem Lebensstil eineinhalb Planeten verbrauchen, muss die Zahl sinken.

Wie soll das geschehen?

Das passiert schon. Es müssen ein paar Hundert Millionen Menschen aus der Mittelschicht in prekäre Verhältnisse überführt werden. Sie dürfen es nur nicht merken. Die einfache Variante wäre, dass die Finanzvermögen entwertet werden. In 25 Jahren leben dann nur noch 600 Millionen Menschen wie wir und 9,2 Milliarden ganz ressourcenarm: Sie fahren Fahrrad, wohnen in Zelten, essen Kartoffelsüppchen oder hochkalorisches Joghurt. Die Eliten könnten auf die Idee kommen, das als das grüne Leben zu vermarkten.

Höchst zynisch. Das betrachten Sie als unsere Realität?

Es gibt Menschen, die halten es für gottgewollt und vorbestimmt, welche Rolle jedem Einzelnen zugedacht ist. Wenn Sie so ticken, dann ist das nicht zynisch, sondern völlig in Ordnung. Ich halte das nicht für wünschenswert.

Was ist das dritte Szenario?

Wir müssten global eine faire Teilhabe hinbekommen im Sinne der ökosozialen Marktwirtschaft. Die oberen 50 Prozent sollten jeweils nicht mehr vom Ganzen haben als zwei Drittel. Damit sind die reichen Länder in der Vergangenheit unheimlich gut gefahren: Es hat nicht jeder das Gleiche, Leistung soll sich lohnen. Aber wer noch mehr verdienen will, erhält Lob und Anerkennung der Gesellschaft.

Wir schaffen doch nicht einmal, ein globales Klimaabkommen.

Das ist eben nicht trivial. Wie hat es die EU geschafft, Umwelt- und Sozialstandards verbindlich zu machen? Indem sie Kofinanzierungen bereitstellt, für die der Partner Vorgaben akzeptieren muss. Das könnten wir global anbieten und in der Welthandelsorganisation WTO oder in Abkommen wie TTIP und CETA verankern.

Wir sollen dafür zahlen, dass Länder wie Indien und China Umweltnormen einhalten?

Es wird kofinanziert. Aber nicht nur für diese Länder. Die USA könnten eine Billion Dollar aus dem globalen Strukturfonds erhalten, wenn sie als Sozialstandard ein faires Gesundheitssystem umsetzen.

Wo kommt das Geld dafür her?

Aus einer Finanzproduktsteuer. Vorsicht, das ist etwas anderes als die Finanztransaktionssteuer. Das wäre quasi eine Geburtssteuer, die der zahlt, der ein Produkt in die Welt setzt. Spekulative Investments und Steuer-Umgehung würden so teurer und unattraktiv.

Das gilt aber auch für Kredite. Ist das ebenfalls gewollt?

Ja, der Solte empfiehlt tatsächlich, Kredite zu besteuern. Der Schuldner muss eine Abgabe leisten. Das stabilisiert das Finanzsystem und ist fair. Wer einen Kredit erhält, gehört zu den Leistungsträgern, sonst würde er ihn nicht bekommen. Eine einprozentige Steuer würde 3000 bis 4000 Milliarden Dollar pro Jahr global bringen. Damit könnten sie auch den Investitionsstau in Europa lösen – ohne neue Schulden wie im Juncker-Plan.

Ist Wachstum, das die Ressourcen schont, überhaupt möglich?

Wir haben eine letzte Chance auf umweltverträgliches Wachstum. Unsere Waren und Dienste müssten aber anders aussehen, damit alle ein Stück bekommen. Die aufwendige Trüffeltorte, für die es Cognac braucht, können wir nicht vergrößern. Aber einfachen Apfelkuchen, das kriegen wir hin. Auch lecker, aber viel ressourcenärmer. Oder: Ein Maturant mit Notenschnitt 1,0 darf sich kein Cabrio wünschen, sondern eine eigens komponierte Symphonie. Sie schauen so skeptisch.

Kuchen für alle, wo nicht einmal alle Brot haben? Das klingt wie von Marie Antoinette.

Laut Welt-Ernährungsorganisation FAO könnten wir für 14 Milliarden Menschen 1800 bis 2000 Kilokalorien pro Tag produzieren. Allerdings nicht, wenn wir Nahrungsmittel zur "Veredelung" durch Tiere schleusen und Fleischkonsum aller Welt als gutes Leben vermitteln.

Wohin steuert unser Finanzsystem Ihrer Meinung nach?

Es gibt zwei Arten Vermögen: reales Geld als gesetzliches Zahlungsmittel und Geldansprüche, also Kreditverträge, die eine Rückzahlung von Geld versprechen. 2007 gab es 53,5-mal so viele Versprechen wie reales Geld. Das sind ungedeckte Schuldverschreibungen. Deshalb will jeder diese Zettel durch reale Werte ersetzen.

Deshalb steigen die Immobilienpreise und Aktienkurse?

Genau. Wenn aber die Kreditverträge nicht verlängert werden, droht das System zusammenzubrechen. Was passiert dann? Noch einmal: Das Verhältnis Zettel zu realem Geld ist 53,5 zu eins. Oder in ganzen Zahlen 107 zu zwei: Stellen Sie sich das Spiel „Reise nach Jerusalem“ vor, aber mit nur zwei Sesseln, die von 107 Mitspielern umkreist werden. Und weil es mächtige Staatsfonds und Großbanken gibt, sind darunter 7 Gorillas und 100 Kinder. Was glauben Sie, wer einen Sessel ergattert?

Wie sollte sich denn der Einzelne darauf einstellen?

Stand heute ist: Es kann sich nicht jeder retten, das ist rechnerisch unmöglich. Wenn Sie kein Gorilla sind, dann haben Sie keine Chance. Stellen Sie sich eine Gesellschaft vor, in der schlagartig alle Kredite beendet werden ...

Das ist doch nicht realistisch.

Da sind wird mittendrin! In den USA hält noch die Notenbank Federal Reserve die Illusion der Kreditgewährung aufrecht. Jetzt kauft die Europäische Zentralbank um 60 Milliarden Euro monatlich Schuldpapiere. Wollen wir so tun, als fände das nicht statt?

Sie sehen das also nur als ein Hinauszögern des Crashs an?

Richtig. Den Armen ist das egal, denen können Sie nichts wegnehmen. Dafür wird die Mitte radikal und zum Wutbürger. Sie sehen, wo das Problem ist? Auch Sie fragen, wie sich der Einzelne retten kann. Wie er also weiter Trüffeltorte kriegt.

Hätten Sie denn auch ein versöhnlicheres Szenario?

Wir brauchen eine sanfte, gemeinwohlorientierte Entschuldung als Weg in die Balance. Nur empört sein ist zu wenig, wir müssen auch Forderungen stellen und Mehrheiten für unsere Anliegen schaffen. So funktioniert das in Demokratien.

Für eine ökosoziale Wirtschaftsordnung

Dirk Solte Der Wirtschaftsingenieur und Betriebswissenschaftler ist Vorstand am Forschungsinstitut für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung (FAW) in Ulm und im deutschen Senat der Wirtschaft für „Ökonomie und Finanzmarkt“ zuständig. Im April erscheint im Wiener Goldegg-Verlag sein Buch „Wann haben wir genug? Europas Ideale im Fadenkreuz elitärer Macht“. Mit der Bank Gutmann diskutierte er in Wien über Nachhaltigkeit.

Der Krise begegnen - Denkanstoß (12 Seiten)

Weltfinanzsystem und Nachhaltigkeit. Akademie Nachhaltigkeit (Online-Vorlesungen)

Auf der Suche nach Balance – Die Weltkrise als Chance (Podcast mp3/Skript)

Bank Gutmann Eine Privatbank, die sich mit Fragen der globalen Gerechtigkeit beschäftigt? Kein Widerspruch, sagt Herbert Ritsch von der Bank Gutmann: „Ja, Performance ist überall wichtig. Wer soziale und ökologische Faktoren einbezieht, kommt manchmal zu anderen Bewertungen, weil einige Geschäftsmodelle nicht nachhaltig funktionieren.“ Ein paar Fonds zu bieten, sei zu wenig: „Wer Nachhaltigkeit als Feigenblatt sieht, verpasst den Anschluss.“