Wirtschaft
13.04.2017

Zinsen & Co.: Zehn Jahre bis zur Normalität

Die Krise begann vor 10 Jahren. Ebenso lang wird es es zurück zur Normalität brauchen, sagt ein Investmentexperte.

Im April 2007 kollabierte der US-Immobilienmarkt, die ersten großen Hypothekenfinanzierer gingen Pleite. Damals schien es noch, als bliebe das Problem auf die USA beschränkt. Im August 2007 kolllabierte allerdings die Kreditvergabe der Banken untereinander. Und ein Jahr später, im September 2008, war die Finanzkrise nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers endgültig zum globalen Phänomen geworden. Die Notenbank reagierten weltweit, indem sie die Zinsen auf Rekordtiefs drückten und den Finanzmarkt mit billigem Geld fluteten.

Zehn Jahre danach hat der Ausstieg aus dem Krisenmodus in den USA begonnen. Das bedeutet einen Schwenk von der Notenbank zum Staat: Bisher sollte die Geldpolitik das Wachstum stützen, künftig werde das wieder die Aufgabe der Fiskalpolitik sein. Bis zur Rückkehr zur Normalität werde es aber weitere zehn Jahre brauchen, erwartet Robert Michele, Chief Investment Officer des Vermögensverwalters JP Morgan Asset Management, in einer Aussendung.

Auch Fed braucht zehn Jahre

Die Zentralbanken würden nämlich noch viel Zeit benötigen, um dem System die Liquidität zu entziehen - also die Geldspritzen wieder einzufangen: "Die US-Notenbank wird unseres Erachtens nach bis zur vollständigen Normalisierung der Geldpolitik etwa eine Dekade benötigen, nicht zuletzt zum Abbau ihrer aufgeblähten Bilanz." Zudem hätten die Europäische Zentralbank (EZB), die Bank of England (BoE) und die Bank of Japan (BoJ) noch nicht einmal wirklich damit begonnen. Besonders die Japaner seien von der Normalität noch weit entfernt.

Das hat freilich auch ein Positives, schreibt Michele: Der allmähliche Entzug ermöglicht es den Regierungen, sich auf die steigenden Zinsen vorzubereiten. Eine zu rasche Straffung könnte nämlich entweder neuerliche Schuldenkrisen auslösen - oder einen Rückfall der Wirtschaft in die Rezession verursachen. Diese Gefahr hält JP Morgan Asset Management aktuell nur für "äußerst gering", mit einer Wahrscheinlichkeit von fünf Prozent.

Wachstum besser synchronisiert

Der Grund für die optimistische Einschätzung: Das Wachstum habe nun auch in Europa und Japan angezogen. Das verringert die Gefahr, dass sich die Zins-Kluft zu den USA dramatisch ausweitet, der Dollar immer stärker wird und die Dollar-Schulden der Schwellenländer explodieren. Die Geldpolitik sollte durch die anziehende Konjunktur weltweit besser synchronisiert werden. Michele prognostiziert für die nächsten drei bis sechs Monate ein globales Wachstum über dem Trendniveau.

Als Risiken werten die Experten die bevorstehenden Wahlen in Europa und das Risiko eines "politischen Fehltritts, der die globale Stabilität gefährden würde". Die Gefahr von drastischen Handelsbarrieren in den USA oder enttäuschten Erwartungen durch die Trump-Politik wertet Michele jetzt geringer als noch vor einem Quartal - und zwar mit 20 Prozent gegenüber zuvor 25 Prozent Wahrscheinlichkeit.