Wirtschaft
01.03.2018

Wolfords Zerreißprobe im Strumpfgeschäft

Chinesen übernehmen Vorarlberger Wäschehersteller. Luxuswäsche hat Glanz verloren, der Preiskampf tobt.

Chinesen haben künftig das Sagen beim österreichischen Traditionskonzern Wolford. Die Fosun Industrial Holdings Limited übernimmt die Mehrheit am Vorarlberger Strumpfhersteller. Donnerstagabend wurde in Wien der Vertrag unter Dach und Fach gebracht, die Kartellwächter müssen noch zustimmen.

Der künftige Mehrheitseigentümer Fosun und die Wolford-Mehrheitsaktionäre schlossen einen Kaufvertrag um 12,80 Euro je Aktie ab. Der Kaufpreis beträgt damit 32,6 Mio. Euro, Fosun kommt auf 50,87 Prozent der Anteile (29 Prozent Streubesitz). Zudem wollen die Investoren aus China über eine Kapitalerhöhung 22 Millionen Euro neues Eigenkapital zuschießen. Der Kurs der Wolford-Aktie legte am Donnerstag um 10,2 Prozent zu.

Wolford-CEO Axel Dreher freut sich über einen „finanzstarken Ankeraktionär“, der den Zugang zum asiatischen Markt erleichtern wird. Finanzvorstand Brigitte Kurz ergänzte: "Durch die Kapitalerhöhung wird die Eigenkapitalbasis und Liquidität unseres Unternehmens nachhaltig gestärkt. Das versetzt uns auch in die Lage, den Ausbau des zukunftsträchtigen Online-Geschäfts und die Neugestaltung unseres Marktauftritts zu beschleunigen."

Gründer verkaufen

Dass die Gründerfamilien Palmers und Wilhelm verkaufen wollen, war seit langer Zeit bekannt. Sie halten über zwei Privatstiftungen und zusätzliche Aktienpakte die Mehrheit am Unternehmen, das seit Jahren mit roten Zahlen kämpft. Das hatte eine Reihe von Gründen, viele davon hausgemacht.

Teils lagen die Kollektionen wie Blei in den Regalen, dann verhagelten ungünstige Wechselkurse das Ergebnis des international aufgestellten Wäsche-Unternehmens. So litt der Strumpfkonzern, der 270 eigene Standorte hat (davon viele auf Flughäfen rund um den Globus) unter ausbleibenden Shopping-Touristen aus China und Russland.

Der Konzern hat eine Reihe an Umbauten hinter sich. Die Bademoden-Linie ist längst wieder eingestampft, Vertrieb und Marketing hat das Management zuletzt neu aufgestellt, in Schanghai setzt Konzern-Chef Axel Dreher neuerdings auf Master-Franchiseverträge.

Markt im Umbruch

Das dicke Geschäft mit feinen Spitzen scheint zum Auslaufmodell geworden zu sein. Der Markt hat sich geändert. Dafür sind vor allem die internationalen Modeketten verantwortlich, die sich ihre T-Shirts, Hosen und Wäsche selbst schneidern lassen und so extrem schnell auf Trends reagieren können. In diese Gruppe gehört unter anderem das spanische Modehaus Inditex (Zara, Bershka), das zur Nummer eins der Textil-Welt aufgestiegen ist. Daneben positionieren sich Ketten in Nischen, wie der holländische Wäsche-Spezialist Hunkemöller.

Wäsche gibt es heute fast überall, vom Drogeriemarkt bis zur Textilhandelskette. Containerweise wird sie aus Asien angekarrt, die Preise sind auf Talfahrt. Wolfgang Richter, Chef des Standortberaters RegioPlan, schätzt, dass das Preisniveau binnen fünf bis sechs Jahren um bis zu zwanzig Prozent gesunken ist.

Gut und teuer

Das bringt Luxusmarken wie Wolford unter Druck. Die Konsumenten sind untreu geworden, greifen einmal zur Billigware und leisten sich trotzdem das nächste Mal ein exklusives Stück zum entsprechenden Preis. Allerdings nur, wenn sich dieser argumentieren lässt.

Wolford hat sich einen Namen mit Innovationen gemacht, etwa mit der nahtlosen Strumpfhose. "In den letzten Jahren ist es bei den Innovationen aber ruhig geworden. Wolford ruft vor allem Assoziationen wie ’teuer’ hervor", meint Richter. Die Modewelt dreht sich immer schneller, globaler, unter höherem Preisdruck.

Fosun schreckt das nicht ab. Erst vor wenigen Tagen hat der Mischkonzern das französische Traditionshaus Lanvin mehrheitlich übernommen – von einer Geschäftsfrau aus Taiwan. Im Verkaufspoker um den in Asien stark vertretenen italienischen Lingerie-Hersteller La Perla gingen die Chinesen aber leer aus. Den Zuschlag bekam der niederländische Investmentfonds Sapinda.

Von der Studenten-Bude zum 19-Milliarden-Dollar-Konzern

Solche Geschichten schreibt nur die Volksrepublik: 1992 beschließen fünf Studenten der Fudan Universität, sich als Unternehmer zu versuchen. Tan, Fan, Wang, Liang und Guo starten mit Meinungsumfragen, dabei bleibt es aber nicht. Rasch kommen Immobilien dazu, Finanzfirmen, internationale Beteiligungen. Der Bauchladen geht 2007 in Hongkong an die Börse.

Heute, 25 Jahre nach der Gründung, ist Fosun Chinas größtes privates Konglomerat. Forbes führt den Giganten auf Rang 448 der größten Börsenfirmen. Die Marktkapitalisierung beträgt rund 19 Milliarden Dollar.

Reich, gesund, glücklich

Eine Strategie ist schwer auszumachen. Dutzende Beteiligungen sind locker in "Ökosysteme" namens Wohlstand (Finanzen), Glück (Konsum/Lifestyle) und Gesundheit (Pharma) gruppiert. Wenn sich die Führungskräfte treffen, sitzt der Manager des japanischen Skigebiets neben dem Chef der deutschen Privatbank, der wird flankiert vom Boss der russischen Goldmine. Anteile hält Fosun auch an bekannten Firmen wie dem französischen Club Med, dem britischen Tourismus-Konzern Thomas Cook oder der deutschen Modemarke Tom Tailor.

Chinas Warren Buffett

Starker Mann ist Mitbegründer und Verwaltungsratschef Guo Guangchang (51), den Forbes mit 9 Mrd. Dollar Vermögen auf Platz 226 weltweit führt. Allerdings steht in China niemand über der Partei. Ende 2015 sorgte der Vater dreier Kinder unfreiwillig für einen Aktien-Kursrutsch, weil er tagelang verschollen war. Guo habe den Behörden bei Ermittlungen geholfen, hieß es. Tatsächlich hat ihm der Vorfall nicht geschadet. Seit Präsident Xi der Korruption den Kampf angesagt hat, verschwanden wiederholt Firmenchefs von der Bildfläche.

2017 versuchte die Regierung, den Expansionsdrang von Konzernen wie Fosun, Wanda, HNA oder Anbang zu bremsen. Mitgründer Liang Xinjun, der den Kurs verantwortet hatte, trat im März als Vorstandschef zurück – angeblich aus gesundheitlichen Gründen. Seither führt Wang Qunbin die Fosun-Geschäfte, ebenfalls einer aus der Fünfer-Bande. Sie seien "wie Brüder", betonte Guo.

Chinas Firmenjäger in Österreich

Für chinesische Firmenjäger ist Österreich ein kleiner Fisch, ganz unbemerkt ist „Audili“ (auf chinesisch) allerdings auch nicht geblieben. Mit Wolford schließt sich der Kreis: Ein Vorreiter war 2005 der Einstieg der Benger Brands Ltd. aus Hongkong bei der Vorarlberger Textilfirma Huber Tricot, die 2009 von Benger-Eigentümer Robert Ng komplett geschluckt wurde.

100 Firmen

Die Ansiedelungsagentur Austrian Business Agency (ABA) zählt im Firmenbuch aktuell 100 chinesische Unternehmen in Österreich. Das umfasst allerdings Firmen mit chinesischen Gesellschaftern und Zweigniederlassungen chinesischer Firmen. Laut Nationalbank beliefen sich die Direktinvestitionen aus China und Hongkong 2016 auf 3,4 Mrd. Euro.

Mit Wolford gibtes nach einigen kleineren Übernahmen nun wieder einen spektakuläreren Deal. Prominentestes Beispiel ist der oberösterreichische Luftfahrtzulieferer FACC, der seit 2009 mehrheitlich der staatlichen Aviation Industry Corporation of China (AVIC) gehört.

Zwei Jahre nach dem FACC-Deal ging der steirische Motorenhersteller ATB aus der ehemaligen A-Tec-Gruppe ebenfalls an Chinesen. Das Industrieunternehmen Wolong machte für ATB rund 100 Mio. Dollar locker.

Ein Jahr später verschwand für eine gute Milliarde Euro der Mobilfunker Orange vom österreichischen Markt, als der hinter dem Konkurrenten "Drei" stehende Hongkonger Mischkonzern Hutchison zugriff. Auch die 2017 erfolgte 95 Mio. Euro schwere Übernahme von Tele2 Österreich geht auf das Konto von Hutchison/Drei.

Der oberösterreichische Spezialmotorenbauer Steyr Motors wurde 2012 zu 100 Prozent an den Hongkonger Finanzinvestor Phoenix Tree HSC Investment (Wuhan) verkauft. Hauptgesellschafter war bis dahin der frühere Minister Rudolf Streicher. Der Autobahn-Raststättenbetreiber Rosenberger gehört seit 2013 den beiden chinesischen Familien Liu und Ni. Im selben Jahr beteiligten sich der Salzburger Kranhersteller Palfinger und sein China-Partner Sany Heavy Industries mit je 10 Prozent aneinander. 2017 reduzierte Sany auf 7,5 Prozent.

In den vergangenen Jahren gab es mehrere kleinerer Übernahmen. So bekam der Flachkabelhersteller I&T 2014 nach abgeschlossenem Sanierungsverfahren in Eigenverwaltung ebenfalls einen chinesischen Mehrheitseigentümer: Die Changzhou Xingyu Automotive Lighting Systems Co. Ltd. hält seitdem 70 Prozent der Anteile des burgenländischen Automobilzulieferers.

Der Salzburger Softwareentwickler Snapshot hat seit 2015 chinesische Mehrheitseigentümer. Ebenso die P&P Industrietechnik GmbH, die zu 100 Prozent der Harbin Boao Environmental Technology Co.Ltd. gehört.

Der Kläranlagenbauer KWI mit Sitz in Ferlach, Kärnten, wird seit 2015 über eine schwedische Zwischengesellschaft von Shanghai Safbon Water Service gehalten. Der Transaktionswert der Übernahme belief sich auf 38,8 Mio. Euro, wie es vom Unternehmensberater EY unter Berufung auf ThomsonReuters-Daten heißt.

Der Autozulieferer Austria Druckguss aus Gleisdorf in der Steiermark steht seit 2016 zur Gänze im Eigentum der Anhui Zhongding Holding. Die Leobersdorfer Maschinenfabrik (LMF) ist nach mehreren Eigentümerwechseln ebenfalls bei Chinesen gelandet: Um 23 Mio. Euro übernahm Kaishan Compressor 95,5 Prozent an dem Industrieanlagenbauer.

Auch die Wiener Fondsgesellschaft C-Quadrat kommt in chinesische Hände, nämlich in die des Mischkonzern HNA Group. Bisherige Kernaktionäre haben vergangenes Jahr nämlich aufschiebend bedingte Aktienkaufverträge mit der HNA Group über den Erwerb von Aktien der C-Quadrat Investment AG abgeschlossen, wie C-Quadrat im Mai 2017 mitteilte.

Das Salzburger Skigebiet Gaißau-Hintersee ist nach der Insolvenz vergangenes Jahr von Zhonghui Wang zu 75 Prozent übernommen worden. Der Investor betreibt auch in China Liftanlagen. Allerdings sind Einheimische und das Land Salzburg nicht sehr glücklich mit dem neuen Betreiber. Erst zu Weihnachten wurden acht von neun Liften aufgesperrt.

Ebenfalls 2017 stieg die Haier Group beim Kärntner Solarunternehmen GREENoneTEC ein. In Wiener Neustadt schluckte die Wanfeng Aviation Industry Corporation den Flugzeughersteller Diamond Aircraft und in Grambach bei Graz übernahm die PIA Automation Holding (Ningbo Joyson Electronic) den Automationsspezialisten M&R Automation.

Sechstgrößte Gruppe

Chinesen (inklusive Hongkong) sind derzeit die sechstgrößte Investorgruppe in Österreich, hinter der klaren Nummer eins Deutschland, den USA, der Schweiz, Frankreich und Schweden. Allerdings: "Österreich befindet sich nach wie vor nur am Rande des Radars chinesischer Investoren" erklärte EY-Expertin Eva-Maria Berchtold kürzlich in einer Studie zu chinesischen Direktinvestitionen in Europa. Die einzelnen Transaktionen zeigten, dass Chinesen hierzulande gezielt nach stark spezialisierten Betrieben und führenden Technologien Ausschau hielten.