Wolfgang Ruttenstorfer.

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Wirtschaft
10/23/2016

Wolfgang Ruttenstorfer: Genosse Kapitalist

Der Ex-SPÖ-Politiker polarisiert stark und muss viel Kritik einstecken.

von Andrea Hodoschek

Er wirkt wie ein blasser Oberbuchhalter. Doch der erste Eindruck täuscht. Wolfgang Ruttenstorfer ist einer der einflussreichsten, bestvernetzten Player dieses Landes. Sitzt in den Aufsichtsräten von vier börsenotierten Großunternehmen – und polarisiert wie kaum ein anderer Manager.

"Machthungrig" und "geldgierig" sei er geworden, ein skrupelloser Handlanger des Großkapitals, dem Österreich völlig egal sei, schimpfen die in letzter Zeit immer zahlreicher gewordenen Kritiker über den ehemaligen SPÖ-Finanzstaatssekretär. "Sehr korrekt, immer fair und anständig, es ist ihm nichts vorzuwerfen", verteidigen hingegen Wohlmeinende den 66-Jährigen.

In den vergangenen Wochen lief es nicht rund für Ruttenstorfer. Als aufflog, dass er als Aufsichtsrats-Chef der Telekom Austria mit dem Mehrheitseigentümer America Movil eine gravierende Umstrukturierung ausheckte, war Feuer am Dach. Die Mexikaner wollten auf das Kernstück, die A1, durchgreifen.

Die empörten Betriebsräte forderten Ruttenstorfers Rücktritt, die Gewerkschaft drohte mit Streik. Ruttenstorfer, der auf einem Ticket der Republik Österreich sitzt, musste sich den Vorwurf gefallen lassen, mit den Mexikanern zu packeln. Auch Finanzminister Hans Jörg Schelling empfahl Ruttenstorfer den Abgang, der aber weigerte sich. "Als Aufsichtsratsvorsitzender müssen Sie die Interessen des Unternehmens im Auge haben und nicht externe Partikular-Interessen", verteidigt sich Ruttenstorfer.

Während Gewerkschaft und Schelling einer Meinung waren, was übrigens Seltenheitswert hat, machte die SPÖ Ruttenstorfer die Mauer. Er sei einer der erfahrensten Wirtschaftsvertreter dieses Landes und habe die OMV erfolgreich geführt.

Hat er das tatsächlich?

Die Erfolgsbilanz ist durchwachsen. Zwar vergrößerte Ruttenstorfer den teilstaatlichen Öl- und Gaskonzern auf das Vierfache, verdreifachte die Reserven und kann den Erwerb der lukrativen rumänischen Petrom auf seine Fahnen heften. Andererseits geht ein großer Teil der Milliarden-Wertberichtigungen auf seine Ägide zurück. Die erbitterte Übernahmeschlacht um die ungarische MOL tat dem Image der OMV nicht gut. In einem Insider-Verfahren rund um die MOL wurde Ruttenstorfer freigesprochen, es reichte nur für eine 20.000-Euro-Strafe wegen Marktmanipulation.Anfang Oktober schlug die geplante Fusion der RHI mit dem brasilianischen Konkurrenten Magnesita zum welt-größten Feuerfest-Konzern auf. Der Sitz soll in die Niederlande verlegt werden und die RHI von der Wiener Börse nach London abwandern. Wieder geriet Ruttenstorfer, der als Aufsichtsrat kurzzeitig für den erkrankten RHI-Chef Franz Struzl einspringt, in die öffentliche Kritik. Hatte er sich doch als Politiker um die Wiener Börse sehr verdient gemacht.

Die Kleinaktionäre schäumen. Wenn es um die monetären Interessen von ausländischen Heuschrecken-Fonds und des Austro-Oligarchen Martin Schlaff (RHI-Kernaktionär) gehe, "scheint Ruttenstorfer sein volkswirtschaftliches Gewissen schnell zu vergessen", tobt Investor Rupert-Heinrich Staller. Er wirft Ruttenstorfer vor, den "reputierlichen Erklär-August" für den umstrittenen Deal zu mimen, "der vor allem einem dient: Martin Schlaff". Ruttenstorfer dürfte zwar auch keine Freude mit dem Börsewechsel haben, meint aber, man müsse eben "in jeder Situation entscheiden, was notwendig für das Unternehmen ist".

Bei der CA Immobilien zieht sich Ruttenstorfer demnächst aus dem Aufsichtsrat zurück. Er ging noch für die Bank Austria in das Gremium und unterstützte den Einstieg des russischen Immobilien-Tycoons Boris Mints. Trotzdem kam es zwischen den beiden zum Zerwürfnis und Mints montierte Ruttenstorfer als Vorsitzenden ab. Jetzt ist der Schlagabtausch zwischen CA Immo und Immofinanz befriedet, die Russen gehen raus, und beide Unternehmen fusionieren. Mit einem Aufsichtsratsmandat im künftig größten Immo-Konzern des Landes wird es aber nichts, bei der Immofinanz scheint man über Ruttenstorfers Abgang ziemlich erleichtert.Lediglich am Flughafen Wien läuft’s für Aufsichtsrat Ruttenstorfer friktionsfrei."Ich sehe keinen Anlass zu Kritik, ich habe immer gut mit ihm zusammengearbeitet, er hat das Unternehmen gut gesteuert", ist Günter Geyer, Aufsichtsratsvorsitzender des Versicherungskonzerns VIG, von Ruttenstorfers Qualitäten überzeugt. Geyer folgte Ruttenstorfer an der Spitze des VIG-Aufsichtsrates nach und sitzt im Nominierungskomitee der Staatsholding ÖBIB, das die Aufsichtsräte für die Beteiligungen der Republik aussucht. Bei der Telekom könne man Ruttenstorfer "wirklich keinen Vorwurf machen". Er habe aber aus österreichischer Sicht "hohes Verständnis" für die Ansicht des Betriebsrates. Das Thema auf den Aufsichtsrat abzuschieben, "ist zu einfach. Das ist Sache der Eigentümer".

Als Ruttenstorfer-Fan outet sich der ehemalige AUA-Chef Alfred Ötsch. Er übernahm gemeinsam mit dem Business-Angel Hansi Hansmann Ruttenstorfers Anteile an der steirischen neovoltaic AG. Und habe mit Ruttenstorfer "sehr positive Erfahrungen gemacht. Er ist ein Umsetzer des Machbaren." Als Privatunternehmer scheint Ruttenstorfer eine Russland-Affinität zu haben. Er pflegt nicht nur freundschaftliche Beziehungen zu Alexander Medvedev, Vize-Chef der Gazprom. Ruttenstorfer sitzt in Serbien im Board of Directors des Energiekonzerns NIZ, an dem der russische Gas-Gigant die Mehrheit hält.Wäre noch die Amic Energy mit Ruttenstorfer als Aufsichtsratsvorsitzendem und 15-Prozent-Aktionär. Das Unternehmen kaufte dem russischen Ölkonzern Lukoil die zweitgrößte ukrainische Tankstellenkette (2500 Mitarbeiter, sechs Tanklager) ab. Ein Deal, den man besser auslässt, meinen Brancheninsider. Oder machen Ruttenstorfer und seine Mitaktionäre ohnehin nur die Treuhänder? Er kommentiere seine privaten Investments nicht, blockt Ruttenstorfer ab. Den Vorwurf von Machthunger und Geldgier tut er als "reinen Blödsinn" ab. Er habe sich nie aufgedrängt, sondern sei immer gebeten worden. Zugunsten seiner Work-Life-Balance denke er jetzt aber vielmehr daran, seine Funktionen zu reduzieren. Sieht sich Ruttenstorfer überhaupt noch als Sozialdemokrat? "Eindeutig. Meine persönlichen Ansichten sind unverändert, auch wenn sie nicht mit jeder Situation übereinstimmen". Eine klare Antwort.

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