Wirtschaft
31.01.2012

Wohlverdienter Neid auf Deutschland

Luxusproblem: Dass das Merkel-Land in der Krise so gut dasteht, macht andere fassungslos.

Seit der Hoch-Zeit des deutschen Wirtschaftswunders gab es das nicht mehr: Deutschlands soziale Marktwirtschaft ist nicht nur erklärtes Vorbild für die Wirtschaftspolitik anderer Europäer, vor allem des traditionell staatsgläubigen Frankreich. Es wird auch noch richtiggehend beneidet – mit allen unschönen Nebeneffekten, die sich mit der deutschen Geschichte zuvor besonders leicht mobilisieren lassen. Deshalb lernt Deutschland erst langsam, mit seinem Luxusproblem umzugehen.

Der Neid ist wohlverdient: Die Zahlen Deutschlands sind beeindruckend und überraschen selbst das eigene, sonst so ängstliche Volk bis hin zur oft sprachlosen Opposition. Kein größeres Land der EU hat die Finanzkrise 2008/2009 so rasch weggesteckt. Und das, obwohl es damals den schärfsten Einbruch von allen erlebte. Die Kurve des Wachstums geht seither steil bergauf: 2011 lag es bei rund drei Prozent. 2012 wird zwar eine Frühjahrsdelle erwartet, danach soll es aber fröhlich weitersteigen.

Boom

Hauptverantwortlich für den Boom ist die Industrie: Sie hat ihre gut ausgebildeten Belegschaften in der Krise gehalten und sich konsequent modernisiert. Der Export nach Übersee ist seither explodiert. Deutschlands angebliche Abhängigkeit von seinen schwächeren EU-Partnern und seine von ihnen behauptete damit entstehende Bringschuld ist ein Märchen, das nur die deutsche Opposition glaubt: Der Anteil der Euro-Zone am deutschen Export schrumpfte seit dessen Einführung von 44 auf 40 Prozent.

Der Boom wirkt sich vor allem am Arbeitsmarkt aus: Seit der Wiedervereinigung waren nie so wenig Deutsche ohne Arbeit wie jetzt. Laut aktuellsten Zahlen waren es Winter-bedingt zwar wieder drei Millionen (siehe unten), mit 7,5 Prozent blieb die Rate aber niedriger als in jeder anderen großen Volkswirtschaft. Tendenz: weiter sinkend.

Noch brillanter steht Deutschland bei der politisch so sensiblen Jugendarbeitslosigkeit da: Für halbwegs ausgebildete und arbeitswillige Jugendliche gibt es Hunderttausende offene Stellen, während sie woanders vor einer Mauer für ihre Zukunft stehen. Hier wirken jetzt die Arbeitsmarktreformen des SPD-Kanzlers Schröder, die in den Problemländern Europas aber noch dringender gewesen wären.

Die gute Beschäftigung senkt die Sozialkosten und füllt die Staatskasse. Die Steuereinnahmen sind auf historischem Rekord. Auch weil die bürgerliche Koalition entgegen allen Wahlversprechen die Progression nicht gemildert und Steuern mehr erhöht als gesenkt hat. Deshalb bekommt Deutschland mitten in der Krise sein Budget in den Griff. Und weil es mit seiner Disziplin und dem Boom als sicherer Hafen gilt, kann es sich fast zum Nulltarif Geld von den verunsicherten Märkten leihen. Das senkt die Schuldenzinsen: 2012 sind sie 45 Milliarden Euro niedriger als geplant – so der Boom hält.

Schmähungen

"Neid auf Superdeutschland", konstatiert Bild, das wie kein anderes deutsches Massenblatt die Schmähungen der Auslandspresse zitiert, von denen die italienischen und griechischen über Kanzlerin Merkel als Nazi-Frau die geschmacklosesten sind. Die seriöse deutsche Presse ist da noch immer ratlos. Oder sie zeigt wie die FAZ maliziös auf, wie großspurig sozialdemokratische Ex-Ministerpräsidenten Italiens bei dessen Euro-Aufnahme taten und wie diese Mitverantwortlichen für den Mega-Reformstau dort heute auf Deutschland hetzen.

Am wenigsten lässt sich die Kanzlerin davon beirren: Sie scheint ihre unfreiwillige "Eine gegen alle"-Stellung sogar als Zeichen von Macht zu genießen. Angesichts des zumindest optischen Erfolgs vom Montag, noch mehr deutsche Hilfe nur gegen Reformversprechen zu mobilisieren, bleibt sie gelassen. Auch wenn ihr die Opposition in den Rücken fällt: Die deutschen Wähler vertrauen ihr in der Krise viel mehr.

Jobmarkt: Deutschland läuft rund, Italien schwächelt

Deutschlands Jobmarkt läuft weiter gut, doch saisonale Effekte haben die Zahl der Arbeitslosen im Jänner wieder über die Marke von drei Millionen gedrückt. Im Vergleich zum Dezember 2011 stieg die Zahl um rund 310.000 auf 3,09 Millionen.

Laut Einschätzung von Fachleuten ist der Anstieg vor allem auf die frostigen Temperaturen zurückzuführen: Auf dem Bau, in der Landwirtschaft und in Gärtnereien ruhe nun die Arbeit. Zudem streiche der Handel nach dem Ende des Weihnachtsgeschäfts Stellen.


Bankenvolkswirte und Konjunkturforscher sehen den Anstieg aber als deutlich geringer als im Vorjahr: „Es deutet sich an, dass die Konjunktur zum Jahresbeginn besser läuft als zunächst gedacht“, meint etwa Allianz-Arbeitsmarktexperte Rolf Schneider: „Viele Unternehmen sind inzwischen wieder zuversichtlicher.“ Im Jahresvergleich sei die Zahl der Arbeitslosen um 260.000 gesunken.

Von derartig guten Zahlen ist man in Italien weit entfernt: Wie am Dienstag bekannt wurde, stieg die Arbeitslosenzahl von November auf Dezember um 0,9 Prozent auf 2,24 Millionen. Im Jahresabstand gab es gar ein Plus von 10,9 Prozent. Damit hat Italien so viele Arbeitslose wie zuletzt 2004. Besorgniserregend sind die Zahlen bei der Jugendarbeitslosigkeit: 31 Prozent der Italiener im Alter zwischen 15 und 24 Jahren haben derzeit keinen Job.

Im EU-Durchschnitt liegt die Quote bei der Jugendarbeitslosigkeit bei 22 Prozent: Während Deutschland (7,8 Prozent) und Österreich (8,2) die niedrigsten Quoten verzeichnen können, kämpfen Griechenland (47,2) und Spanien (48,7 Prozent) mit Rekordwerten.

Insgesamt waren in Europa laut Zahlen von Eurostat im Dezember 23,8 Millionen Menschen ohne Job. Die durchschnittliche Arbeitslosenquote blieb mit 9,9 Prozent unverändert. Österreich hat mit 4,1 Prozent weiter die niedrigste Quote.

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