Wirtschaft
19.01.2018

Wienwert: Hochtrabende Baupläne, tiefer Fall

Schlaflose Nächte für betroffene Anleger, Schuldenberg wird Wienwert intern mit 32,5 Millionen Euro beziffert. Haftungen, Bürgschaften und etwaige Bankschulden nicht eingerechnet.

"Eine Immobilienfirma ist nur so viel wert wie ihre Immobilien tatsächlich wert sind." Diese Branchenweisheit klingt zwar banal, hat aber ihre Gültigkeit. Das werden vor allem jene Anleger zu spüren bekommen, die 15 Anleihen des Immobilienentwicklers Wienwert AG und seiner Mutter WW Holding AG gezeichnet haben.

Laut Wienwert-Chef Stefan Gruze betragen die Anleiheverbindlichkeiten 30 Millionen Euro, andere Wienwert-Stakeholder sprechen von 32,5 Millionen Euro. Etwaige Bankschulden sind dabei nicht eingerechnet. Oder anders gesagt: Unklar ist, welche Haftungen und Bürgschaften die WW Holding AG und die Wienwert AG für Tochterfirmen, Beteiligungs- und Projektgesellschaften eingegangen sind. Detail am Rande: Im Vorjahr betrugen die Verbindlichkieten noch 40 Millionen Euro, diese wurden aber durch Erlöse aus Immobilienverkäufen auf die zuvor genannte Höhe reduziert.

Seit 2010 hat die Wienwert Holding 25 Anleihen begeben, aber nur drei wurden öffentlich mit Prospekten Kleinanlegern angeboten. Der aktuelle Basisprospekt der Wienwert AG (20 Millionen Euro Emissionsprogramm) wurde von der dafür zuständigen Luxemburger Finanzaufsicht CSSF abgesegnet.

Nachdem Wienwert eine bereits Ende Dezember fällige Anleihe (900.000 Euro) nicht zurückzahlen konnte, wie der KURIER am Donnerstag berichtete, sah Gruze offenbar keinen anderen Ausweg mehr, als in einer Nacht-und-Nebel-Aktion einen Insolvenzantrag der WW Holding anzukündigen. Die zwei Firmengründer und Kernaktionäre (66,67 Prozent) hatten angeblich andere Pläne. Das Verhältnis zu Gruze gilt als "zerrüttet".

Marke ist kaputt

"Die Marke ist kaputt", sagt ein Branchenexperte. "Wienwert hat ein paar eher rachitische Projekte. Nun kommt es darauf an, ob die noch vorhandenen Liegenschaften mit einem Ertrag verwertet werden können." Etliche Liegenschaften (Rennweg, Neubaugürtel, Getreidemarkt, Tulln) wurden bereits im Vorjahr verkauft. In der Bilanz 2016 wurde das negative Eigenkapital mit 28,63 Millionen Euro und die Verbindlichkeiten mit 69,9 Millionen Euro beziffert.

Wienwert-Chef Stefan Gruze hat für das neue Konzept "leistbares Wohnen" nicht nur heftig die Marketingtrommel gerührt, sondern auch die Nähe zur Wiener SPÖ und zur Gewerkschaft Öffentlicher Dienst (GÖD) gesucht. So konnte er zwei frühere SP-Gemeinderäte und einen früheren Vize-Chef der GÖD für seinen "Beirat" gewinnen, löste diesen nach Kritik aber auf.

Pleite-Partnerschaft mit Republik

Die NEOS haben auf die angeblich fragwürdigen Verbindungen zur SPÖ und Stadt Wien bereits vor Monaten hingewiesen. Auch die Finanzmarktaufsicht FMA wurde von NEOS-Politikerin Beate Meinl-Reisinger alarmiert. Doch die ist für die Wienwert eigentlich nicht zuständig - und auch nur, wenn es um irreführende Werbung und Ähnliches geht. Wienwert musste auf Druck der FMA unter anderem Marketingangaben ändern.

Pikant ist, dass der Luxemburger Sicav-Fonds "Wohnen Plus", der der Bundespensionskasse der Republik Österreich gehört, der Projekt- und Finanzpartner der Wienwert ist. Den Fonds und Wienwert verbinden ein Syndikatsvertrag und eine Fifty-fifty-Partnerschaft in drei Projekt- und drei Besitzgesellschaften.

Eine Menge Klauseln

Sollten diese in die Pleite schlittern, hat der Fonds ein Vorkaufs- und Aufgriffsrecht für die Wienwert-Anteile. Es gibt aber noch zahlreiche weitere Klauseln zugunsten des Luxemburger Fonds der österreichischen Bundespensionskasse (BPK). Diese betreffen auch den möglichen Abgang von Stefan Gruze aus der Wienwert-Führung. Der Fonds-Eigentümer hat sich so weit wie möglich und umfangreich abgesichert.

Doch muss sich die BPK den Vorwurf gefallen lassen, dass sie bei der Auswahl des mittelbaren Geschäftspartners Wienwert gar kein gutes Händchen hatte.

Zwei frühere Vorgänge

Ganz besonders pikant ist, dass die Wiener Gebietskrankenkasse im Herbst 2015 einen Insolvenzantrag gegen die Wiener Henero GmbH gestellt hat. Das Gericht hat laut Aktenlage deren Geschäftsführer Stefan Gruze aufgefordert, 4000 Euro Kostenvorschuss zur Abdeckung der Eröffnungskosten zu erlegen. Laut Ediktsdatei des Justizministeriums konnte das Verfahren Ende Oktober 2015 mangels Vermögens nicht eröffnet werden. Die Firma wurde im Februar 2016 gelöscht.

Auch die Larneva GmbH wurde vom Wiener Firmenbuchgericht im April 2016 gelöscht. Sie hieß früher SG & CO Capital Markets GmbH. SG stand angeblich für Stefan Gruze. Er war seit August 2014 Geschäftsführer. Im November 2015 hat das Gericht einen Konkursantrag eines Gläubigers abgewiesen. Das Verfahren konnte mangels Vermögens nicht eröffnet werden. Im Firmenbuch scheint Gruze als Liquidator beider Firmen auf. Er war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.