© KURIER/Franz Gruber

Wienerberger
04/23/2014

Wienerberger-Chef: "Junge Südeuropäer sind hungriger"

Konzernchef Heimo Scheuch über Ausbildung, Mineralwolle und New Yorker Lehrer.

von Helmut Brandstätter

KURIER: Herr Scheuch, wir beide haben uns kürzlich zufällig im Bildungsministerium getroffen, haben Sie dort Klage über unser Schulsystem geführt?

Heimo Scheuch: Es ging bei Frau Heinisch-Hosek um zwei Themen: Wienerberger ist das einzige ATX-Unternehmen mit einer Frau an der Spitze des Aufsichtsrats (Regina Prehofer, Ex-Bankerin und Vizerektorin der Wirtschaftsuni). Wie kommen Frauen besser in Führungspositionen? Und dann ging es um Ausbildung der jungen Leute, da müssen wir mehr investieren.

Leidet Ihr Unternehmen unter unserem Bildungssystem?

Leiden nicht, aber der Wettbewerb nimmt deutlich zu, gerade bei Führungskräften und Spezialisten. Es kommen viele gut ausgebildete, leistungsbereite Südeuropäer zu uns.

Die Ausländer sind hungriger?

Ja, natürlich. Österreich ist ein kleiner Markt, wir müssen hinaus. Wienerberger macht neun Prozent des Umsatzes in Österreich, den Rest in der EU und in der ganzen Welt. Wir brauchen Leute, die bereit sind, anderswo zu arbeiten.

Wo ist die Ausbildung bei uns nicht gut genug?

Die Fachhochschulen haben dazu beigetragen, dass wir sehr gut ausgebildete Mitarbeiter bekommen, nahe an der Praxis. Unser Uni-System war zu theoretisch und zu verschult. Für die nächsten Jahre müssen wir jetzt in Ausbildung, Forschung und Entwicklung investieren.

Das sagen ja alle Spitzenmanager. Ist die Politik taub?

Ich möchte nicht auf die Politik hinhauen. Bei unserem hohen Steueraufkommen muss der Staat vieles leisten. Das Wichtigste ist die Sicherheit, dann das Gesundheitswesen, aber dann muss in die Generationen der Zukunft investiert werden. Wienerberger ist in seinem Bereich Marktführer, obwohl wir für deutsche Verhältnisse nur Mittelstand sind. Ein "Hidden Champion" sozusagen, davon brauchen wir mehr. Politik, Wirtschaft und Universitäten müssen sich besser absprechen.

Nur wenige Manager werden Politiker.

Es ist keine einfache Aufgabe, in einer Gesellschaft die verschiedenen Interessen auszugleichen. Ich möchte nicht den Job der deutschen Bundeskanzlerin haben.

Den des österreichischen Wirtschaftsministers auch nicht?

Ich leite ein Unternehmen und bin glücklich damit. Wir brauchen Politiker, die weniger auf die Tagespolitik hören. Diese Kritik gilt auch den Medien. Alle zwei Tage eine Umfragen zu machen, hat doch keinen Sinn.

Es wird diskutiert, dass mindestens 40 Prozent der Aufsichtsräte Frauen sein müssen. Sind Sie für Quoten?

Nein. Schon das Wort "Quotenfrau" ist erniedrigend. Ich habe zehn Jahre in Belgien gelebt, dort bleibt eine schwangere Frau ihrem Unternehmen verbunden. Es muss leichter werden, flexibel zu arbeiten. Wir setzen für 18.30 Uhr sicher keinen wichtigen Termin an. Die Gesellschaft verändert sich. Wir jungen Männer, wenn ich mich dazuzählen darf, sind im Haushalt doch auch anders als unsere Väter.

Der Aktienkurs von Wienerberger liegt ungefähr dort, wo er vor drei Jahren lag. Dazwischen gab es ein tiefes Tal.

Wir sind ein zyklisches Unternehmen und abhängig vom Wohnungsneubau. Wir haben nach der Krise von 2008 Werke geschlossen und umstrukturiert. Dann gab es die Erwartung einer Besserung. Aber die Krise hat eben länger gedauert.

Heuer schreiben Sie wieder schwarze Zahlen?

Ja, davon gehen wir aus. Wienerberger ist heute ein anderes Unternehmen. Wir sind weniger auf den Wohnungsneubau angewiesen, sondern machen mehr bei Infrastruktur und Wohnungssanierung. Wir mussten 60 Werke schließen und 3000 Mitarbeiter abbauen. Aber wir sind auch nur noch zu zweit im Vorstand statt zu viert. Wir haben auch viel in Forschung und Entwicklung investiert. Da ist ein neu entwickelter Ziegel mit integrierter Dämmung, mit Mineralwolle. Damit können Sie ein energieeffizientes Haus bauen. Ein Ziegel ist heute ein hochtechnologisches Produkt aus einem einfachen Rohstoff, nämlich Lehm.

Wienerberger hat keinen Kernaktionär, das ist sicher angenehm für das Management?

Wir sind als einziges ATX-Unternehmen eine reine Publikumsgesellschaft. Zu zirka 60 Prozent sind das amerikanische Fonds, zum Beispiel der Pensionsfonds der Lehrer aus dem Staat New York. Wir leben hier eine direkte Demokratie. Ein starker Aufsichtsrat vertritt die Aktionäre.

Wie hoch ist ein gerechtes Gehalt? Sie haben im letzten Jahr zirka 1,1 Millionen Euro verdient.

Gerechtigkeit ist ein weiter Begriff, und wir können im internationalen Wettbewerb keine rein österreichische Diskussion führen.

International liegen Sie nicht im Spitzenfeld.

Ja, amerikanische Aktionäre fragen manchmal, "Warum arbeiten Sie?"

Dann könnten Sie ja sagen, "Zahlen Sie mir mehr".

Nein, wir haben eine andere Form des Kapitalismus. Ich bin zufrieden. Ein Großteil meines Gehalts ist ein Bonus, der an längerfristige Kriterien gebunden ist, er wird also nicht sofort ausbezahlt.

Wienerberger ist ja überwiegend im Ausland tätig, was würden Sie ohne Europäische Union machen?

Diese Frage stellt sich mir nicht, die EU ist eine großartige Sache, wir haben gelernt, in Frieden miteinander zu leben. Die Wirtschaft kann nur noch vernetzt arbeiten und dafür brauchen wir die EU.

Sie sind Kärntner, haben aber im Ausland studiert und gearbeitet. Verstehen Sie, warum sich so viele Kärntner schwertun mit der Öffnung des Landes?

Über Kärnten könnten wir jetzt viele, viele Stunden reden und wären noch lange nicht fertig. Österreich hat sehr von der EU profitiert, aber wir müssen sehen, dass sich ältere Leute unsicher fühlen.

Aber warum haben gerade die Kärntner die Öffnung nach dem Ostblock nicht genützt?

Auch wenn es die Kärntner nicht gerne hören, wir haben einen starken südeuropäischen Einfluss. Gleichzeitig wollen sich die Kärntner aber abschotten. Ich bin in Spittal an der Drau in die Schule gegangen und habe mich gewundert, dass Slowenisch und Italienisch keine Pflichtfächer waren. Jörg Haider hat sicher nicht zu einer Öffnung beigetragen. Und die Hypo hat das Geld leider nicht im Land investiert. Wenn Sie in Salzburg oder in Tirol um 120 Euro in ein Hotel gehen, ist das sehr schön, in Kärnten ist das Substandard. Da wurde zu wenig investiert. Kärnten muss auch noch lernen, sich ordentlich zu vermarkten. Die Kärntner leben zu viel in der Vergangenheit.

Der Herr der Ziegel

Karriere Der 47-jährige Jurist und Betriebswirt startete bei Wienerberger 1996 als Assistent des Vorstandes. Bis 2001 war er für die Tochter Terca Bricks (Belgien) verantwortlich, 2001 zog er in den Konzernvorstand ein. Seit August 2009 ist der Top-Manager Vorstandschef.

Konzern Der weltgrößte Ziegelhersteller ist in den Sparten Ziegel, Rohre Dachsysteme und Flächenbefestigungen tätig. 2013 setzte er mit knapp 13.800 Mitarbeitern 2,66 Mrd. € um. Unterm Strich gab es 7,8 Mio. € Verlust.

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