Wirtschaft
23.12.2011

Weltbank-Experte: "Hoffnung, dass Blase nicht platzt"

Chinas Wirtschaft steht vor erheblichen Problemen. Bekommen Regierung und Zentralbank die Risiken in den Griff? Der Weltbank-Chef in Peking im Interview.

Hausgemachte Probleme sowie die Schuldenkrise in Europa und den USA stellen für Chinas Wirtschaft gefährliche Bedrohungsszenarien dar. Klaus Rohland, Weltbank-Direktor in Peking, ist im KURIER-Gespräch trotzdem zuversichtlich.

KURIER: Der Internationale Währungsfonds hat vor wachsenden Risiken im chinesischen Finanzsystem gewarnt, vor faulen Krediten, den Schattenbanken und einer Immobilienblase. Wie schätzen Sie die Stabilität der chinesischen Banken ein?

Klaus Rohland: Das chinesische Finanzsystem wird von den großen Staatsbanken beherrscht, die mehr als 80 Prozent des Ausleihevolumens tragen. Nicht alle Geschäftsdaten sind öffentlich zugänglich, und jede Aussage über die Risiken ist deshalb mit Unsicherheiten behaftet. Vor dem Hintergrund des dramatisch gestiegenen Ausleihevolumens – seit 2009 ist das Verhältnis von vergebenen Krediten zum Bruttoinlandsprodukt von 120 auf 166 Prozent gestiegen – ist es aber realistisch, von gestiegenen Risiken auszugehen. Die große Frage ist, wie hoch sind die Risiken tatsächlich und reichen die Maßnahmen der Regierung?

Was sehen Sie als die größten Probleme?

China muss sich auf vergleichsweise niedrigere Wachstumsraten einstellen, die nicht mehr zweistellig sind. Wir gehen von einem Wachstum von 9,1 Prozent für 2011 aus und erwarten für 2012 8 bis 8,5 Prozent. China ist immer noch sehr von seinem Export abhängig, auch wenn es erfreuliche Fortschritte bei der Binnennachfrage gibt. In Europa wird schon von einer Rezession gesprochen und in den USA ist das Wachstum sehr anämisch: Dies wird Auswirkungen auf China haben.

Die Schuldenkrise in Europa beeinträchtigt somit das Wachstum in China?

Die Krise in Europa und in den USA hat Auswirkungen auf die chinesische Wirtschaft. Je länger sich die Euro-Krise hinauszieht, desto größer werden die Unsicherheiten in der Realwirtschaft. Positiv ist anzumerken, dass das Wachstum in China inzwischen stärker vom Inlandskonsum getragen wird als in der Vergangenheit.

Wie sehr sorgen Sie sich um die hohe Inflation?

Die Inflation sinkt jetzt zwar langsam, ist aber immer noch relativ hoch. Das tut der Wirtschaft auf Dauer nicht gut und beeinträchtigt den Finanzsektor. Die Zinsen für Guthaben sind niedriger als die Inflation und Banken bekommen billiges Geld. Damit werden Investitionen finanziert, die sich bei marktkonformen Zinssätzen nicht rechnen würden. Die Regierung und die Zentralbank stehen vor einem schwierigen Balanceakt: Auf der einen Seite legt der Rückgang der Wachstumsrate eine expansive Politik nahe, andererseits sind aber die Inflationsrisiken noch längst nicht gebannt. Die kürzliche Entscheidung, die Geldpolitik zu lockern, zeigt, dass China nun mehr um Wachstum besorgt ist.

Würden Sie von einer Immobilienblase sprechen und wann wird diese platzen?

Die Kosten für Eigentumswohnungen sind stark gestiegen. Eine Wohnung im Umkreis von Peking kostet derzeit mehr als das 30-fache Jahreseinkommen eines Mittelklassehaushalts mit zwei Verdienern. Die Menschen haben trotzdem Immobilien gekauft, weil sie mit weiter steigenden Preisen gerechnet haben und andere Anlagemöglichkeiten entweder weniger attraktiv oder schlicht nicht vorhanden sind. In den letzten Monaten sind die Immobilienpreise in 33 von 70 beobachteten Städten gesunken. Bauunternehmer können die hohen Preise nicht mehr durchsetzen und sind zugleich mit hohen Finanzierungskosten belastet.Da könnte manch einer in nächster Zukunft Schwierigkeiten haben.

Wie in den USA, als die Immo-Blase 2008 die weltweite Finanzkrise auslöste?

Das ist nicht sehr wahrscheinlich. Die Überhitzung des Marktes ist ein Problem für Bauunternehmer, nicht so sehr für die Käufer. Sie haben die Eigentumswohnungen traditionell mit einem hohen Eigenkapital-Anteil finanziert, 40 Prozent und mehr sind keine Seltenheit. Solange die Wohnungen selbst genutzt werden, ist ein Preisrückgang deshalb nicht so dramatisch. Für Zweitwohnungen wurden schon vor einiger Zeit die Eigenkapitalerfordernisse administrativ verschärft. Die Hoffnung, dass die Immo-Blase nicht platzt, sondern dass die Luft langsam rausgeht, ist durchaus berechtigt

Stichwort Shadow-Banking. Wer steht hinter diesen Schattenbanken?

Teils ganz normale Unternehmen, die Geld frei verfügbar haben. So, als wenn Sie Ihrem Nachbarn Geld leihen würden. Teilweise aber auch Investmentfirmen, die nicht lizensiert sind, nicht zum offiziellen Bankensektor gehören und nicht an die Zentralbank berichten.

Welche Ausmaße hat das Shadow-Banking bereits?

Es gibt Schätzungen von bis zu 10 Billionen Yuan (1,19 Billionen Euro). Im offiziellen Bankensystem sind 80 Billionen Yuan angelegt. Wenn bis zu 15 Prozent der Ausleihen außerhalb der Kontrolle der Bankaufsicht erfolgen, kann dies die Stabilität des gesamten Systems gefährden. Die chinesische Volkswirtschaft kann sich aber auf einen soliden Staatshaushalt stützen. Spielraum für Unterstützung des Finanzsystems ist in mehr als ausreichendem Umfang vorhanden. Das ist ein wichtiger Unterschied zu der Situation in weiten Teilen Europas und den USA.

Staatsfonds haben doch schon Bankpapiere aufgekauft.

Ja, die Kapitalbasis der Banken wurde bereits gestärkt. Die Eigenkapitalquote der Großbanken ist hoch, deshalb sehe ich kein systemisches Risiko. Es ist aber keine Frage, dass der Finanzsektor umstrukturiert werden muss. Die Schattenbanken müssen ins System integriert werden, und die Einlage- und Ausleihzinsen vom Markt bestimmt und nicht von der Regierung vorgegeben werden. Nur so kann Kapital effizient eingesetzt werden und können Investitionsentscheidungen ökonomisch rational getroffen werden.

Apropos Budget, wie hoch ist die Staatsverschuldung?

Das laufende Budgetdefizit der Zentralregierung liegt bei 2,1 Prozent und ihre Gesamtverschuldung bei 17 Prozent. Selbst wenn man die Gebietskörperschaften einrechnet, dürfte die Gesamtverschuldung der öffentlichen Hand nicht mehr als 47 Prozent betragen. Das gibt der Fiskalpolitik ausreichenden Spielraum. Ich darf in diesem Zusammenhang an die Maastricht-Kriterien für die Euro-Zone mit drei bzw. 60 Prozent Obergrenze erinnern.

Sie haben jetzt erhebliche Risikofaktoren aufgezählt. Werden Sie da nicht nervös?

Nein, die Regierung weiß, dass Wachsamkeit geboten ist. Es gibt Risiko, aber es gibt auch Umstände, die das Risiko begrenzen. Aber natürlich, der Moment der Wahrheit kommt erst dann, wenn die Wachstumsraten zurückgehen. Warren Buffett, der Nestor der amerikanischen Großinvestoren, hat das einmal drastisch, aber bildhaft so ausgedrückt: „Erst wenn die Flut zurückgeht, sieht man, wer ohne Badehose schwimmen war.“

Wie besorgt ist China über die Eurokrise?

Sehr, denn die Wirtschaftsbeziehungen sind sehr eng. Aber es gibt hier keine Schadenfreude über Europa, denn das Wohlergehen der Eurozone ist auch im Interesse Chinas. Die Weltwirtschaft ist schließlich kein Nullsummenspiel, alle können gewinnen.

Halten Sie es für realistisch, dass China den Euro-Rettungsschirm unterstützt?

Warum nicht? China ist grundsätzlich an Diversifizierung seiner Währungsreserven interessiert. Schau’n wir einmal, wie der Rettungsschirm aussehen wird!

Klaus Rohland: Für Weltbank in Peking

Karriere Der Deutsche ist seit Februar 2010 als Weltbank-Direktor für China, die Mongolei und Korea zuständig. Er begann seine Karriere bei der internationalen Institution 1981 als Berater des Deutschland-Chefs und hatte bald eine Reihe von Schlüsselpositionen inne.

Er hatte vor China die Landes-Verantwortung für Russland und Vietnam und war in die Entwicklungsarbeit in Südamerika, Osteuropa und besonders stark in Asien eingebunden. Zehn Jahre lang arbeitete der begeisterte Läufer auch mit der deutschen Regierung zusammen.