Brigitte Ederer ist ein richtiger "Multi".

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Wirtschaft
05/17/2015

Gesucht: Frauen-Power im Aufsichtsrat

Konzerne haben es nicht leicht, geeignete Frauen zu finden. Headhunter helfen.

So ändern sich die Zeiten. "Wir suchen dringend Frauen für Aufsichtsräte. Das ist derzeit wirklich schwierig", klagt Peter Malanik, Ex-AUA-Vorstand und Chef des Headhunters Neumann & Partners. Immer öfter beauftragen Unternehmen die Führungskräfte-Jäger mit dem Aufspüren weiblicher Aufsichtsräte. Heute ist es allerdings schon nicht mehr einfach, Männer zu finden. Die Suche nach Frauen ist noch mühsamer.

Frauen im Aufsichtsrat bringen Imagepunkte. "Schaut her, wie frauenfreundlich wir sind", wollen Unternehmen bei ihren Kundinnen und in der Öffentlichkeit gut dastehen. Dafür sollten die Managerinnen aber auch entsprechend bekannt sein.

Die wenigen Promi-Frauen sind bereits bestens ausgelastet. Ein richtiger Multi ist Brigitte Ederer. Sie stellt die Weichen als ÖBB-Aufsichtsratschefin, sitzt beim Pharmakonzern Boehringer-Ingelheim, in der Wien Holding, bei Infineon Austria und dem Ölfeldausrüster Schoeller Bleckmann. VW-PatriarchFerdinand Piëch wollte die ehemalige SPÖ-Politikerin auch in den deutschen Autokonzern holen.

Ex-Bankerin Regina Prehofer, Vize-Rektorin der WU Wien, ist bei AT&S, Spar, Wienerberger und bauMax sowie der Essl-Stiftung engagiert. Ex-Infineon-Chefin Monika Kircher beaufsichtigt beim Technologiekonzern Andritz, der AUA, Kärntner Kelag und Siemens Österreich. Gertrude Tumpel-Gugerell, ehemalige Nationalbank- und EZB-Direktorin, sitzt in ÖBB, Fimbag, Vienna Insurance Group (VIG) und zieht am Dienstag in den Öl- und Gaskonzern OMV ein.

In Deutschland nennt man die Multi-Aufsichtsrätinnen übrigens putzig "Goldröckchen". "In Österreich hat sich das Bewusstsein geändert. Da kommt Bewegung hinein, das ist eine riesige Chance für Frauen", konstatiert Lydia Ninz, Sprecherin des Aufsichtsratsforums Inara. Das Problem dabei: "Wir haben keine Kultur bei der Suche. Anstatt systematisiert und mit Headhuntern zu arbeiten, wird nach dem Motto besetzt: Wen kenne ich, wem vertraue ich."

Die Frauen, die man auf dem engen österreichischen Parkett eben so kennt, haben aber keine Kapazitäten mehr. Mehr als vier, fünf Mandate trauen sich auch pensionierte Top-Managerinnen nicht zu.

"Es gelingt heute nicht mehr, die Gremien mit ein paar Alibifrauen zu besetzen", konstatiert Malanik. Die Klagen, es gebe zu wenig Managerinnen, lässt er nicht gelten: "Völlig falsch, das zu glauben." Ebenso wie Wiens SP-VizebürgermeisterinRenate Brauner: "Mir werden ständig bestens qualifizierte Frauen vorgeschlagen", sagt Brauner, die jetzt die Kapitalmandate der Wiener Stadtwerke mehrheitlich weiblich besetzte.

Detail am Rande: Der Betriebsrat delegiert immer noch, ebenso wie bei Post, OMV und Telekom, nur Männer. Die Herren Belegschaftsvertreter haben offenbar noch viel Nachholbedarf.

Während Frankreich, Norwegen, Spanien und Italien bereits gesetzliche Frauenquoten haben und Deutschland ab 2016 so weit ist, traut sich die Politik in Österreich nicht über Quoten, außer im Staatsbereich. Kein Wunder, dass die Alpenrepublik mit einem Frauenanteil von 20 Prozent im EU-Mittelfeld dahin grundelt. Ohne die staatsnahen Unternehmen würde Österreich noch schlechter abschneiden. Die 36 Prozent im öffentlichen Bereich heben den Durchschnitt.

SPÖ-Staatssekretärin Sonja Steßl macht Tempo. Sie ist Vorsitzende des Nominierungskomitees der neuen Staatsholding ÖBIB, das die Aufsichtsräte für die Beteiligungsunternehmen der Republik vorschlägt. Im Anforderungsprofil der ÖBIB für die Aufsichtsratsmandate ist die "Vertretung beider Geschlechter" vorgegeben. Vier von sechs neuen Aufsichtsräten für OMV, Telekom und Post sind Frauen. Bei der Post steht mit Wirtschaftsanwältin Edith Hlawati erstmals eine Frau an der Spitze.

Steßl, der die Forcierung von Frauen "sehr wichtig" ist, preschte im Komitee vor: "Mein Vorschlag stieß auf fruchtbaren Boden und wurde mitgetragen, noch bevor wir die Namen hatten". Im Komitee entscheidet VIG-Aufsichtsratschef Günter Geyer mit, der im Versicherungskonzern bereits etliche Frauen in die obersten Ebenen hievte.

Wirtschaftsminister und ÖVP-Chef Reinhold Mitterlehner hat zuletzt zwei Frauen in den Stromkonzern Verbund geholt: Die ehemalige FPÖ-Politikerin und Wüstenrot-Managerin Susanne Riess, die auch im Beirat der Signa-Holding des Immobilien-Zampano René Benko mitmischt. Sowie Fronius-Chefin Elisabeth Engelbrechtsmüller-Strauß.

Ein "Handicap" haben Frauen immer noch. "Männer nehmen Aufsichtsrats-Angebote relativ ung’schaut an, wenn sie irgendwie noch Zeit dafür haben", beobachtet Malanik. Frauen dagegen hinterfragen sehr genau, auch ihre eigene Qualifikation und Rolle. Sie sind "wesentlich sachlicher und weniger prestigeorientiert. Für viele Männer ist ein Aufsichtsratsmandat immer noch eine Prestigesache".

Wer wegen des Prestige in Aufsichtsräte will, sollte es lieber bleiben lassen. Aufsichtsrat ist heute ein aufwendiger Job mit viel Arbeit, Verantwortung und beträchtlichen Haftungsrisiken. Wenn was schief geht, sitzen nicht mehr wie früher nur die Vorstände auf der Anklagebank, sondern auch die Aufsichtsräte.

18 bis 20 Tage im Jahr sollte ein Aufsichtsrat eines ATX-Unternehmens schon investieren. Bei einem Salär von durchschnittlich 15.000 Euro im Jahr. Klingt auf den ersten Blick gut bezahlt, doch international rangiert Österreich weit hinten. Weshalb es viel Überredungskunst braucht, Top-Leute aus dem Ausland in heimische Unternehmen zu locken.

Einen provokanten Standpunkt vertritt die ehemalige Verstaatlichten-Managerin Viktoria Kickinger, die Inara aufbaute und derzeit Director’s Channel (Internet-TV für Aufsichtsräte) managt. Sie hält den gesellschaftlichen Druck, Frauen nicht mehr ständig links liegen zu lassen, für eine "ganz fatale Entwicklung. Denn man sucht nicht die Kompetenz, sondern das Geschlecht". Diversität nach Geschlechtern sei "politisch aktionistisch. Nach Berufen, Kompetenz und Alter ja, aber nicht nach Geschlecht". Nur Frau sein, argumentiert sie, "ist immer noch zu wenig. Im Vordergrund muss die Kompetenz stehen und nicht das Geschlecht". Die Position der Frauen in der Gesellschaft werde nicht verbessert, "nur weil es in den Aufsichtsräten mehr Frauen gibt".

Kickinger ist mit sieben Aufsichtsratsmandaten gut beschäftigt (darunter Burgtheater, Volksoper, Staatsoper, Polytec). Und betont: "Ich sitze dort nicht als Frauenministerin, sondern habe eine Funktion zu erfüllen."