Wirtschaft
07.06.2017

Was das Roaming-Aus wirklich bringt

Ab 15. Juni fallen die Gebühren fürs Telefonieren und Surfen im EU-Ausland. Nicht ohne Wenn und Aber.

Telefonieren und Surfen im EU-Ausland wie zu Hause: Seit zehn Jahren arbeitet die EU an ihrem Prestigeprojekt Roaming-Aus, ab 15. Juni ist es Realität. Ersten Jubelmeldungen folgt jedoch Ernüchterung, denn viele Handy-Kunden kennen sich ob der vielen Wenn und Aber gar nicht mehr aus – und profitieren kaum davon.

"Der Großteil der privaten Handy-Kunden nutzt nicht länger als acht Tage im Jahr Roaming", sagt Michael Krammer, Chef des Mobilfunk-Diskonters ventocom ("HoT"). Außer vielleicht "ein Achterl Wein mehr im Urlaub" bringe das Roaming-Aus den meisten Österreichern wenig. Auch weil viele Inlandstarife wieder steigen würden. Krammer rechnet trotzdem mit einer Verdreifachung der Handy-Nutzung im EU-Ausland und einer Verdoppelung des Datenvolumens. Was bringt das Roaming-Aus jetzt wirklich? Der KURIER fasst die wichtigsten Fragen zusammen:

Was genau bedeutet das Roaming-Aus?

Zusatzgebühren fürs Telefonieren, SMS verschicken oder Surfen mit dem Handy (Datenroaming) fallen bei einem zeitweiligen Aufenthalt in einem anderen EU-Land mit 15. Juni komplett weg.

Wo gilt die Regelung, wo nicht?

Das Roaming-Aus gilt EU-weit, in Liechtenstein, Norwegen und Island. Für alle anderen Länder, z.B. Schweiz, fallen hohe Auslandstarife an. Ausgenommen sind auch Kreuzfahrtschiffe und Flugzeuge, wo zum Teil hohe Aufschläge verrechnet werden.

Wird auch das Telefonieren von Österreich ins EU-Ausland billiger?

Nein, ein großes Missverständnis. Anrufe ins EU-Ausland gelten nicht als Roaming, Auslandstarife sind daher nicht betroffen und wurden zuletzt zum Teil sogar angehoben.

Können die im Smartphone-Tarif inkludierten Freiminuten, SMS und Datenguthaben im EU-Ausland genutzt werden?

Ja, inkludierte Freiminuten und SMS gelten auch im EU-Ausland, beim verfügbaren Datenguthaben gibt es jedoch verordnete Limits. Dieses Limit muss vom Netzbetreiber je nach Tarif berechnet und bekannt gegeben werden. So können z.B. bei einem inkludierten Datenvolumen von 5 Gigabyte 2 Gigabyte auch im EU-Ausland verbraucht werden. T-Mobile und HoT gaben bereits bekannt, ihren Kunden etwas mehr Datenvolumen zu gewähren als vorgeschrieben.

Wie erfahren die Handy-Kunden, dass ihr Datenvolumen verbraucht ist, und was müssen sie dann tun?

Sie erhalten vom Betreiber eine Hinweis-SMS, sobald 80 Prozent bzw. 100 Prozent des Datenvolumens verbraucht sind. Danach können sie zusätzliche Datenpakete erwerben oder je nach Verbrauch abrechnen lassen.

Ist eine dauerhafte Nutzung im Ausland möglich?

Nein, um Preisdumping in einem EU-Land zu verhindern, ist die roamingfreie Nutzung zeitlich limitiert ("Fair-Use-Politik"). Wer sich innerhalb eines Beobachtungszeitraums von vier Monaten mehr als zwei Monate im EU-Ausland aufhält und dort überwiegend Roamingdienste nutzt, wird vom Netzbetreiber verwarnt und muss innerhalb von zwei Wochen "faire Nutzung" (überwiegende/r Aufenthalt oder Nutzung im Inland, Anm.) nachweisen, sonst drohen Aufschläge. Diese Aufschläge müssen aber kostenneutral sein, schreibt die EU vor. Krammer hält die Regelung für praxisfern. "Eigentlich muss jemand nur nach zwei Monaten wieder ausreisen und dann wieder einreisen, dann beginnt die Zwei-Monatsfrist von vorne."

Wie wird verhindert, dass jemand den billigsten Handytarif in der EU im teuersten EU-Land verwendet?

Um Verwerfungen in den preislich höchst unterschiedlichen Mobilfunkmärkten zu verhindern, sieht die EU-Verordnung eine "stabile Bindung" zu einem Land vor. Das heißt, der Kunde muss dem Netzbetreiber auf Anfrage nachweisen, wo er wohnt, ansonsten drohen Aufschläge. Wie der Nachweis der "stabilen Bindung" erbracht wird, bleibt den Netzbetreibern überlassen, etwa durch eine Meldebestätigung.

Werden durch das Roaming-Aus die Inlandstarife steigen?

Die heimischen Netzbetreiber müssen auf hohe Roaming-Einnahmen verzichten. Bestehende Inlands- sowie Auslandstarife wurden bereits zum Teil angehoben. T-Mobile stellte schon im Mai einige Tarife um, bei A1 treten bereits angekündigte Preiserhöhungen pünktlich zum Ferienbeginn Anfang Juli in Kraft. Die Mobilfunker sind nicht verpflichtet, ihren Kunden kostenloses Roaming anzubieten. Vor allem Diskontanbieter könnten davon Abstand nehmen und nur Inlandstarife anbieten.

Wer sind die Gewinner und Verlierer des Roaming-Aus auf Anbieterseite?

Gewinner sind große, in mehreren EU-Ländern tätige Netzbetreiber, weil sie auf eigene Infrastruktur zugreifen und so Kosten sparen können. Verlierer sind die vielen kleinen Handy-Anbieter ohne Netz. Sie dürfen zwar keine Roaming-Gebühr mehr verlangen, müssen die Datenpakete bei Netzbetreibern aber weiter teuer einkaufen. Auch für HoT ist das Roaming-Aus ein Verlustgeschäft. Krammer will es durch neue Kunden wettmachen.

Wichtige Fragen und Antworten finden sich auf der Homepage der Telekom-Regulierung RTR

Kommt das Aus für anonyme Wertkarten?

Wertkarten-Handys sollen im Kampf gegen Terroristen in der Europäischen Union (EU) schon bald nicht mehr anonym verkauft werden dürfen. In Deutschland und in Belgien gilt ab Sommer Ausweispflicht, in Italien und Spanien ist dies schon länger der Fall. In Österreich wagte ÖVP-Innenminister Wolfgang Sobotka Anfang des Jahres einen Vorstoß in Richtung Registrierungspflicht.

Datenschützer und Mobilfunker erteilten dem Ansinnen aber eine klare Absage. HoT-Chef Michael Krammer ist froh, dass das Vorhaben durch das Platzen der Regierung nun vorerst vom Tisch ist. „Die Ausweispflicht löst überhaupt kein Problem bei der Terrorbekämpfung“, argumentiert er, „sie sagt ja überhaupt nichts darüber aus, wer mit dem Handy tatsächlich telefoniert“. Wer anonym telefonieren oder surfen will, könne dies auch via Internettelefonie machen.

4,5 Millionen Wertkarten-Handys
In Österreich sind 4,5 Millionen Prepaid-Karten im Umlauf, 3,5 Millionen davon ohne Registrierung. Die meisten davon hätten Pensionisten und Jugendliche, so Krammer, der mit seiner Marke HoT beim Diskonter Hofer von einer Registrierpflicht massiv betroffen wäre. In Belgien zog der Diskonter Aldi bereits die Konsequenzen und stellte seinen Wertkarten-Tarif Aldi Talk Belgien wegen des erhöhten Aufwandes und der Mehrkosten inzwischen wieder ein.