Wirtschaft
10.06.2017

Warum wir gerne die Raunz-Kultur pflegen

Nörgeln, raunzen, schlechtreden: Trotz positiver Prognosen ist vielerorts die Stimmung mies. Dabei ist gerade dieser Blues schlecht fürs Business.

Dunkelgrau – nicht selten ist das die Stimmungslage der Österreicher. Und die vergangenen neun Jahre passten perfekt dazu: schlechte Wirtschaftsdaten, ein angeschlagener Arbeitsmarkt, die Konjunktur dümpelte vor sich hin. Genügend Stoff für trübe Laune. Man musste erst gar nichts schlechtreden, man konnte sich ungeniert über die vorhandenen miesen Leistungen von Wirtschaft und Politik auslassen.

Und jetzt? Die Wirtschaftslage bessert sich, erstmals seit Langem zeigen alle Prognosen deutlich nach oben. Wie geht’s der österreichischen Seele damit? Sie kann dieses Glück nur schwer ertragen. Denn wir Österreicher, wir lieben den Blues.

Löcher im Käse

Die Österreicher hätten geradezu einen Zwang, die Löcher im Käse zu sehen, sagt Unternehmensberater Matthias Prammer, der sich mit seinem Unternehmen "Die Umsetzer" unter anderem mit der Stimmung in Organisationen beschäftigt. Er sieht den Grund im Nörgeln darin, dass es Organisationen in Österreich heute schlicht zu gut gehe. "Sie sind verwöhnt. Wir alle haben nie einen richtigen Mangel erlebt. Wenn du richtigen Mangel erlebt hast, hast du einen gewissen Hunger – und der fehlt uns." Er bestreitet nicht, dass es in der heimischen Wirtschaft noch vieles zu tun gäbe und dass nicht alles perfekt sei. "Aber es ist uns noch nie so gut gegangen, wie jetzt."

Das Raunzen im Job und in der Wirtschaft konzentriere sich seiner Ansicht nach auf einen ganz besonderen Bereich: auf das, was wir gar nicht beeinflussen können: "Wir verschwenden viel Energie auf Dinge, die wir nicht verändern können. Man begibt sich zu gerne in die Opferrolle, anstatt sich mit Dingen zu beschäftigen, die man selbst verändern könnte." Vor allem große Organisationen würden Mitarbeiter dazu verleiten, leicht in eine Opferrolle zu schlüpfen. Warum? "Alle sind gern arm, in der Rolle fühlt man sich wohl. Es ist ein selbstnährender Kreislauf, keiner muss Verantwortung übernehmen."

Stress

Auch Neuropsychologe, Stress-, und Verhaltenstherapeut Karl Kriechbaum sieht ein Problem im Geraunze in den heimischen Unternehmen. Die Ursachen für das Gejammer auf hohem Niveau sieht er vor allem in der kollektiven Reizüberflutung. Er holt aus: Dank der schnellen Verfügbarkeit von (negativer) Information wirkten schlechte Nachrichten von Finanzkrisen, Terror oder unberechenbarer Politik heute emotional "wesentlich stärker und nachhaltiger, als sachliche Statistiken." Auch, wenn diese positiv seien.

Er nennt drei Faktoren, warum schlechte Stimmung schlecht fürs Ergebnis ist: "Raunzer und Nörgler sind in der Regel nicht besonders attraktiv für ihre Mitmenschen, sie wirken weniger kompetent, leistungsfähig und erfolgreich, was sich auf ihre Arbeit und auf die Zusammenarbeit schädlich auswirkt." Faktor zwei: Miese Stimmung beeinträchtige die persönliche Leistungsbereitschaft und -fähigkeit. Und Grund Nummer drei: "Raunzen, Nörgeln und die daraus resultierende Missverständnisse und Konflikte stören die Kommunikation, die Kooperation und die Arbeitsprozesse. In Summe wirken sich negative Gedanken und Emotionen als sich selbst erfüllende Prophezeiungen nachteilig auf die individuelle und kollektive Produktivität aus".

Steckt es in den Genen?

Es gebe zahlreiche notorische Nörgler, die auch bei guten Lebensumständen aufgrund ihrer kindlichen Neurotisierungen hadern, jammern und schwarzmalen. "Und das oft völlig unbewusst, ohne Vorsatz, ohne es überhaupt zu merken", erklärt Psychologe Kriechbaum. Es seien die Opfer der Kinderstube, die, überspitzt gesagt, später zu "Tätern am Arbeitsplatz" werden.

Also doch kein rein österreichisches Phänomen? "Raunzen steckt nicht in den Genen", beruhigt Kriechbaum. Es entwickle sich durch Lernen. "Das Verhalten von Bezugspersonen wie Eltern und Verwandten werde unbewusst kopiert und sukzessive verinnerlicht. Die österreichische, insbesondere die Wiener Raunz-Kultur wird somit von Generation zu Generation sehr erfolgreich weitergegeben."

Kriechbaum resümiert: " Österreicher liegen in den weltweiten Rankings immer noch ganz gut. Und: Etwas weniger negative Einstellung und etwas mehr Selbstregulierung und Erfolgsorientiertheit würde uns wohl in diversen Disziplinen auch wieder sehr gut werden lassen.

Wirtschaft: die Stimmung spielt mit

WIFO-Chef Christoph Badelt über das BIP und die Stimmung

KURIER: Die Wirtschaftsforschungsinstitute konnten endlich wieder eine überraschend gute Prognose abgeben. Macht das für Wirtschaftstreibende einen Unterschied?

Christoph Badelt: Ja, weil es zum Wirtschaftsklima beiträgt.

Wie kann eine Prognose wirken?

Prognosen haben einen selbsterfüllenden Charakter. Sie können auch selbstzerstörend wirken. Aber wenn sich alle sicher sind, dass es aufwärts geht, verhalten sich die Menschen auch im Ausdruck dieses Optimismus. Sie investieren eher, kaufen eher, agieren offensiver.

Wie sehr hängen Prognosen, Stimmung und Wirtschaft zusammen? Was beeinflusst was?

Es ist sicherlich ein Kreis und es gibt doppelte Kausalitäten, also in beide Richtungen. Wir haben etwa zehn Faktoren, die für den WIFO-Frühindikator zusammengezogen werden. Ein Teil unserer Konjunkturprognosen beruht auf Einschätzungen. Da werden Unternehmer und Konsumenten befragt. Eine Prognose ist also immer eine Kombination aus Fakten und Einschätzungen.

Hilft es der Wirtschaft, wenn Manager in guter Stimmung sind?

Ja, sicherlich. In diversen Standortrankings spielen auch immer Stimmungseinschätzungen eine Rolle. Allerdings betreffen die eher die grundsätzliche Lage. Der Wirtschaftsstandort wird eher von längerfristigen Gesichtspunkten beurteilt, etwa, wie stabil ein Land ist. Die konjunkturelle Entwicklung ist da nur das Tüpfchen auf dem i.

Können Optimisten oder Pessimisten tatsächlich eine Volkswirtschaft treiben?

Ich würde sagen, sie können eine Entwicklung verstärken. Ich glaube nicht, dass sie sie ins Gegenteil verkehren können. Das ist aber keine wissenschaftliche Antwort, sondern meine Erfahrung.

Man sagt: ein Fußball-WM-Titel oder Olympia-Gold könnten eine Wirtschaft positiv beeinflussen. Glauben Sie das und wie lange hält sowas an?

Ich glaube, dass die Haltung, die man gegenüber einem Land hat, von vielen Faktoren abhängt. Eine gewonnene WM trägt sicher zum Image eines Landes bei. Ich bin davon überzeugt, dass sich das indirekt in den Exportchancen oder im Tourismus niederschlägt. Es kommt nicht von ungefähr, dass gerade der Tourismus solche Großereignisse gerne ins Land holt.

Die Stimmung der Wirtschaftstreibenden in Österreich: Wie würden Sie die einschätzen?

Ich weiß aus unseren Konjunkturindikatoren, dass die Wirtschaftslage aktuell grundsätzlich positiv eingeschätzt wird. Ich persönlich bekomme Stimmungen auch direkt mit. Und da höre ich: Ja, es geht aufwärts, aber es braucht dringend die Strukturreformen, die nachhaltig den Standort verbessern. Die Wirtschaft wünscht sich dringend, dass aus dieser positiven Stimmung Reformen entstehen.

Ist ein gewisser Grundpessimismus in der österreichischen Seele verankert oder faktenbasierend?

Naja, ich bin kein Psychologe. Aber viele sehen im heimischen Wirtschaftsstandort strukturelle Nachteile. Die kann man auch nicht durch eine gute Konjunktur übertünchen. Also etwa: die hohe Steuerlast, eine Überregulierung, zu geringe Investitionen in die Bildung. Der Faktor Humankapital wird als ganz zentral eingeschätzt. Und Sie dürfen nicht vergessen, dass wir trotz einer erstmals sinkenden Arbeitslosenrate immer noch zu viele Arbeitslose im Land haben. Da können die Prognosen noch so positiv sein, das prägt die Stimmung mit.