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Berufsausbildung
12/03/2013

Warum die Lehre ein Imageproblem hat

Jugendforscher Heinzlmaier: "Oberschicht fürchtet sozialen Abstieg" durch falsche Berufswahl.

von Anita Staudacher

Seit Jahren klagen Politiker und Wirtschaftsbosse über die Qualität der Lehre und das schlechte Image der Lehrausbildung. Ein Gejammere, das der Jugendkultur-Forscher Bernhard Heinzlmaier für ziemlich verlogen hält. „Fragen Sie einmal, was die Kinder dieser Politiker oder Bosse machen? Sicher keine Lehre“, betonte Heinzlmaier beim Lehrlingsforum des BusinessCircle am Dienstag.

Fakt sei, dass in den Städten Lehrlinge „aus der untersten Sozialschicht“ kommen und die Oberschicht nichts mehr fürchte als den sozialen Abstieg. „Sozialer Aufstieg hat immer noch mit Vermeidung von Handarbeit zu tun und Eltern wollen ihre eigenen Kinder nicht an der Supermarkt-Kassa sitzen sehen“, analysierte Heinzlmaier. Das schlechte Image der Lehre könne nicht einfach mit irgendwelchen Kampagnen verbessert werden, sondern sei „tief in der Sozialstruktur verankert“.

Pragmatismus

Von den Lehrlingen selbst zeichnete der Jugendforscher anhand von Sinus-Milieus ein eher nüchternes Bild. Die jetzige Lehrlingsgeneration sei eine „pragmatische Generation ohne Werte und Ideale“, die nach dem Motto „minimaler Input, maximaler Output“ arbeite. Die Hälfte der Jugendlichen sei in Lehrberufen, die sie nicht aktiv angestrebt haben, sondern vom AMS vermittelt bekommen hätten.

Das Freizeitleben, „das Saturday Night Fever“, habe für diese Altersklasse oberste Priorität. Heinzlmaier warnt Betriebe vor Lehrlingscastings nach Vorbild diverser Model-Shows im TV. Die Leistungserbringung verkomme dadurch zum reinen Leistungsverkauf, bei dem „hochgradige Selbstdarsteller“ gewinnen, die sich später nicht selten als Nieten herausstellen würden. Den Lehrlingsausbildnern rät er: „Lehrlinge brauchen klare Ansagen und klare Aussagen.“ Wer Jugendliche als Lehrlinge anwerben möchte, müsse mehr auf Bilder als auf Worte setzen.

Reformbedarf

Großen Reformbedarf bei der heimischen Lehrlingsausbildung sieht IHS-Arbeitsmarktexperte Lorenz Lassnigg. Anders als von Politikern gerne behauptet, sei nämlich die Lehre nicht der Grund für die im EU-Vergleich niedrige Jugendarbeitslosigkeit in Österreich. "Wir vermeiden hohe Arbeitslosenzahlen durch die Arbeitsmarktpolitik", so Lassnigg. Der relativ hohe finanzielle Aufwand für die betriebliche und überbetriebliche Lehrlingsförderung täusche über die Schwachpunkte des Systems hinweg. Der Experte fordert eine Umorientierung der Lehrausbildung in Richtung "Kompetenzentwicklung" und Höherqualifizierung. Derzeit habe man das an die höherbildenden Schulen delegiert.

Kritik gab es am Lehrlingsforum auch am mangelnden Reformwillen der Sozialpartner bei der Etablierung neuer, moderner Lehrberufe und Ausbildungsschienen. "Bei der Weiterentwicklung der Berufsbilder geht null weiter. Aber unser Betrieb konkurriert mit der ganzen Welt. Wenn wir in Zukunft nicht die nötige Qualität im Inland ausbilden, müssen wir woanders produzieren", warnte Bernhard Reisner, Lehrlingsbeauftragter beim Autozulieferer Miba vor Reformstau. Renate Römer von der Wirtschaftskammer musste zugeben: "Im Ausland ist die duale Ausbildung ein Exportschlager, aber im Inland geht nix weiter".