Wirtschaft 05.12.2011

Voest: Wieder Ärger mit "Schienenfreunden"

Der Stahlkonzern voestalpine könnte im Schienenkartell-Verfahren den Kronzeugenstatus verlieren. Es drohen Millionenstrafen.

Tochtergesellschaften der voestalpine haben, wie berichtet, über Jahre hinweg mittels Absprachen - etwa mit dem Konkurrenten ThyssenKrupp - die Preise für Bahn-Schienen in Deutschland hoch gehalten. Dieses Kartell (genannt "Schienenfreunde") flog im Mai dieses Jahres auf - durch Selbstanzeige beim Deutschen Bundeskartellamt, wie der Linzer Stahlkonzern beteuert. Kalkül hinter dem vordergründig reuigen Akt: Als Kronzeuge würde die voestalpine bei einer etwaigen Verurteilung wohl weitgehend straffrei ausgehen. Die kolportierte Schadenssumme beläuft sich auf bis zu eine Milliarde Euro. Dem Kartell drohen Strafen in dreistelliger Millionenhöhe.

Kronzeuge

Stahlverarbeiter: Die Voest macht mit der Herstellung von Bahn-Schienen gute Geschäfte – zuweilen auch mittels Preisabsprachen.
© Bild: APA

Der Status als Kronzeuge wackelt nun allerdings gehörig. Laut einem Bericht des Handelsblatt ist nicht die voestalpine, sondern ein ehemaliger Mitarbeiter des börsenotierten Unternehmens erstmalig bei den Wettbewerbshütern in Bonn vorstellig geworden. Darüber hinaus, so der Medienbericht, habe die Voest verschwiegen, dass Absprachen nicht nur hinsichtlich Schienenpreisen, sondern auch bei Weichen getroffen wurden. Bei letzterem Geschäft sei die Voest immerhin Weltmarktführer.

Kay Weidner, Sprecher des Deutschen Bundeskartellamtes, wollte dies gegenüber dem KURIER weder bestätigen noch dementieren und verweist auf das laufende Verfahren. Die Ermittlungen würden aber freilich auch der Frage nachgehen, ob der Weichenmarkt gänzlich eigenständig sei, oder ob er mit dem Schienengeschäft einhergehe. Will heißen: Wenn die Kartellwächter zwei voneinander unabhängige Märkte definieren, würde die Voest ihren Kronzeugenstatus zwar nicht verlieren, dem Konzern würde aber womöglich ein weiteres Kartellverfahren drohen.

Dementi

In Linz will man von dem nichts wissen. "Wir haben die Anzeige bei den Behörden eingebracht und nach wie vor den Kronzeugen-Status", sagte Voest-Sprecher Gerhard Kürner. Der Konzern rechne mit einer Bußgeldbefreiung.

An der Börse ging es mit den Voest-Aktien am Montag steil nach unten. Sie verloren zwischenzeitlich fast sechs Prozent. Dies sei aber in einem deutlich rückläufigen Gesamtmarkt (ATX -2,1 Prozent) passiert, gab Franz Hörl, Analyst der Erste Group, zu bedenken. Außerdem sei am Montag Dividendenabschlag-Tag gewesen, der für 80 Cent der verlorenen rund zwei Euro verantwortlich war. Die rechtliche Tragweite der Kartellgeschichte lasse sich von außen "nicht wirklich gut beurteilen". Raiffeisen-Analyst Klaus Küng sprach von einem "Imageschaden". Sollten sich die Untersuchungen nicht ausweiten und der Voest Milderungsgründe zugestanden werden, rechnet er mit einer Strafe "Plusminus 150 Millionen Euro."

Detail am Rande: Die Voest schlägt sich derzeit mit einem weiteren Kartellverfahren herum. Im Vorjahr wurde sie von der EU-Kommission zu 22 Millionen Euro Strafe wegen Preisabsprachen in sogenannten Spannstahlkartell verurteilt. Der Konzern beteuert seine Unschuld, die Berufung läuft noch.

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( Kurier ) Erstellt am 05.12.2011