In this July 17, 2013, aerial photo is the city of Detroit. On Thursday, July 18, 2013, Detroit became the largest city in U.S. history to file for bankruptcy when State-appointed emergency manager Kevyn Orr asked a federal judge for municipal bankruptcy protection. (AP Photo/Paul Sancya)

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USA
07/19/2013

Detroit meldet offiziell Bankrott an

18,5 Milliarden Dollar Schulden: Die größte US-Stadt die jemals Bankrott angemeldet hat.

von Hermann Sileitsch-Parzer

Die Welthauptstadt der Autoproduktion hat kein Geld mehr. Seit Donnerstag ist das aktenkundig: Das zuständige Gericht stempelte um 16.06 Uhr Ortszeit Detroits Insolvenzantrag ab. „Das ist schwierig und schmerzhaft, aber unausweichlich“, sagte Richard Snyder, Gouverneur des Bundesstaates Michigan.

Er zeichnet ein Horrorbild der Stadt. Detroit habe „60 Jahre Niedergang“ hinter sich und sei nun am Tiefpunkt: Die Mordrate ist auf dem höchsten Stand seit 40 Jahren. Wer die Polizei noch rufen kann, wartet auf sie durchschnittlich 58 Minuten (Rest der USA: 11 Minuten). Aufgeklärt werden aber ohnehin nur 8,7 Prozent der Fälle (US-weit: 31 Prozent).

Anfang 2013 war gerade einmal ein Drittel der Rettungswagen einsatzbereit. Dafür ist jede zweite Straßenleuchte kaputt. „Die Bürger haben Besseres verdient“, so Snyder. Binnen zehn Jahren sollen 1,25 Mrd. Dollar in die Infrastruktur fließen.

Detroit: Bilder aus der Geisterstadt

Detroit

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verfallenes gebäude

Tausende Gläubiger

Vorausgesetzt, Detroit wird entschuldet. Zuletzt fraßen die Ausgaben für Zinsen, Pensionen und Gesundheit schon 38 Prozent des Stadtbudgets auf. Bis 2017 wären es 65 Prozent geworden. Die Steuern hatten das gesetzliche Limit erreicht. Die Pleite ist das Eingeständnis, dass die Stadt ihre Schulden von gut 18 Mrd. Dollar (14 Mrd. Euro) nicht zurückzahlen kann.

Jetzt muss über einen Schuldenschnitt oder längere Rückzahlungsfristen verhandelt werden. Das kann jahrelang dauern. Direkt treffen wird die Pleite Investoren, die der Stadt über Schuldverschreibungen Geld geborgt haben. Theoretisch könnte aber jeder Bürger Forderungen haben, sagte Rechtsexperte Douglas Bernstein zu Detroit News: „Vom Unternehmen, das der Stadtverwaltung Bleistifte geliefert hat, bis zu Angestellten, Pensionisten oder Gewerkschaften.“ Das US-Insolvenzrecht („Kapitel 9“) räumt Kommunen starke Rechte gegenüber Gläubigern ein. Detroits Sanierungsmanager Kevyn Orr muss sich bei seinen Finanzplanungen nicht an Richteranweisungen halten. Die Stadt kann auch nicht zu Verkäufen gezwungen werden.

Blühende Metropole

Detroit war einst die viertgrößte US-Metropole: In den 1950ern lebten 1,8 Millionen Menschen hier. Der Spitzname „Motown“ stand für das Herz der US-Autoindustrie: In der Region haben General Motors (GM), Chrysler und Ford bis heute ihre Zentralen. „Motown“ hieß auch das stilbildende Plattenlabel, das Soul-Größen wie Marvin Gaye oder den jungen Stevie Wonder unter Vertrag hatte. Parallel zum Niedergang der Autogiganten ergriff jedoch die Bevölkerung die Flucht. Heute wohnen hier nur noch 700.000 Menschen. 78.000 Gebäude stehen leer und verfallen. Die Arbeitslosigkeit ist doppelt so hoch wie im Rest der USA. GM ist aus seiner eigenen Insolvenz von 2009 aufgetaucht, aber nur ein Schatten seiner selbst.

Detroits Pleite ist die größte einer Stadt in der US-Historie. Zwar wandelten auch New York, Cleveland und Philadelphia am Rande des Bankrotts. Zahlungsunfähig meldeten sich aber nur kleinere Städte wie Stockton oder San Bernardino in Kalifornien. Die Schockwellen könnten bis zur Wall Street reichen. Anleihen von US-Städten, Gemeinden und Staaten („municipal bonds“) sind steuerlich begünstigt und sehr beliebt. Der Markt ist riesig: Ende 2012 waren 3715 Mrd. Dollar (2800 Mrd. Euro) ausständig.

USA sind Meister im Aufräumen

Es klingt wie Hohn: Zeitgleich mit der Detroit-Pleite zeichnet die Agentur Moody’s ein positives Bild der Kreditwürdigkeit der Vereinigten Staaten. Der Ratingausblick für die USA verbesserte sich von negativ auf stabil. Somit droht bei Moody’s derzeit kein Verlust der Bestnote (AAA). Die US-Wirtschaft wachse nur moderat, aber rascher als etwa Deutschland, das auch ein Triple-A hat, erklärte Moody’s. Washingtons Schuldenpolitik sei auf Kurs: Das Defizit sinke 2013 von 7 auf 4 Prozent der Wirtschaftsleistung. Auf längere Sicht sei aber eine weitere Schuldenreduktion nötig.

Konkurrent Standard & Poor’s bewertet die USA mit AA+ (Ausblick stabil), Fitch vergibt die Note AAA (Ausblick negativ). Wie kommt es, dass die USA im Jahr sechs der Krise ein solides Wachstum aufweisen, Europa aber gegen die Rezession kämpft?

„Kultur des Scheiterns“Anfangs tauchten beide Seiten des Atlantiks gleich rasch aus der Krise auf. Der Wendepunkt war vor etwa zwei Jahren, sagt Christian Helmenstein, Chefökonom der Industriellenvereinigung. Die Kurve des US-Wachstums verläuft weiter wie mit dem Lineal gezogen; Europa fiel in negatives Terrain zurück.

Teilweise ist daran die Eurokrise schuld: Die Märkte zweifelten an der Schuldentragfähigkeit von Griechenland & Co. Europa schwenkte auf Sparkurs um. Die bessere US-Performance habe aber noch weitere Gründe, sagt Helmenstein: Die Energiekosten sind in den USA um 60 Prozent niedriger als bei uns. Unternehmensgründer bezahlen für Grundstücke nichts oder nur ein Zehntel europäischer Preise. Die Produktion ist billiger, die Lohnstückkosten gehen sogar zurück. Die Kapitalkosten sind ebenfalls geringer.

Ergibt einen 4:0-Sieg bei allen wichtigen Standortfaktoren. Und: „Die USA haben eine Kultur, die aufrichtiges Scheitern ermöglicht“, so Helmenstein. Bei Banken, Immobilien, der Autoindustrie wurde rascher ein Strich gezogen und aufgeräumt. Das lässt auch Detroit hoffen.

Die Häuser der Krise

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