Wirtschaft
09.11.2016

US-Wahl: Europas Börsen im Trump-Schock

Nach der US-Wahl werden an Europas Börsen Erinnerungen an den Brexit wach. Die "Panik an den Märkten" könnte sich also bald legen.

Die Angst vor einem US-Präsidenten Donald Trump hat die Anleger weltweit erfasst. Sie warfen am Mittwoch Aktien und andere risikoreiche Anlagen im hohen Bogen aus ihren Depots. Einige Börsen brachen so stark ein wie zuletzt nach dem Brexit-Referendum. Gleichzeitig steuerte die "Antikrisen-Währung" Gold auf den größten Tagesgewinn seit acht Jahren zu.

"Eine Menge Panik"

"Es ist eine Menge Panik am Markt", sagte Anlagestratege Juan Carlos Alderete vom Wertpapierhändler Banorte-IXE.

In Asien fiel der japanische Nikkei-Index 5,4 Prozent. Die Börsen in Hongkong, Shanghai und Seoul verloren bis zu 2,8 Prozent. Der MSCI-Index für die Region Asien/Pazifik ohne Japan rutschte um knapp drei Prozent ab. Beim DAX erwarteten Börsianer ein Eröffnungsminus von gut vier Prozent. Die Terminkontrakte auf die US-Aktienindizes gaben zwischen 3,5 und fünf Prozent nach.

"Die Märkte reagieren, als ob die vier Reiter der Apokalypse gerade aus dem Trump Tower geritten kommen", sagte Anlagestratege Sean Callow von der Westpac Bank. Nach Einschätzung von David Hall, Leiter Devisen und Edelmetalle beim Vermögensverwalter Indosuez, sind die aktuellen Turbulenzen nur der Anfang: "In Sachen Kursausschlägen wird es mindestens zehn Tage lang Brexit hoch fünf." Das überraschende Votum zum Ausstieg Großbritanniens aus der EU löste Ende Juni ein Börsenbeben aus.

Der wegen seiner Unberechenbarkeit als Börsenschreck geltende Trump liegt der bisherigen Auszählung zufolge vor seiner Kontrahentin Hillary Clinton. Nach Berichten mehrerer US-Medien verteidigten zudem die Republikaner, für die der Milliardär angetreten ist, ihre Mehrheit im Repräsentantenhaus. Der Senat werde wohl ebenfalls in ihrer Hand bleiben. "Die Wahrscheinlichkeit eines republikanischen Erdrutsch-Siegs ist nun sehr real", sagte Brad McMillan, Chef-Anleger des Brokerhauses Commonwealth Financial. Trump hätte damit größere politische Freiheiten. "Es bleibt abzuwarten, was er damit anfängt."

84 Prozent erwarteten sich negativen Effekt von Trump-Sieg

Einer Umfrage des Vermögensverwalters NN Investment Partners zufolge erwarten 84 Prozent der befragen Profi-Anleger vom Wahlsieg Trumps einen negativen Effekt auf die weltgrößte Volkswirtschaft. 45 Prozent sagten sogar einen "ungeheuer negativen" Effekt voraus. Trump könnte zudem seinen Sieg als Mandat begreifen, einige der radikaleren Punkte seines Programms voranzubringen, warnte Nicolas Janvier, Portfoliomanager der Fondsgesellschaft Columbia Threadneedle. Trump will unter anderem die Steuern senken, die staatliche Regulierung reduzieren und die Verbündeten an den Kosten für die Präsenz von US-Truppen zur Kasse bitten.

Vor diesem Hintergrund rücke die für Dezember erwartete Zinserhöhung der US-Notenbank Fed in weite Ferne, sagte Analyst Craig Erlam vom Brokerhaus Oanda. Dies schickte die US-Währung auf Talfahrt. Der Dollar-Index, der den Kurs zu wichtigen Währungen wie Euro oder Yen widerspiegelt, fiel um bis zu zwei Prozent. Er verlor zeitweise 3,7 Prozent auf 101,20 Yen und 2,3 Prozent auf 0,9951 Franken. Der Goldpreis stieg um bis zu 4,9 Prozent auf 1.337,40 Dollar je Feinunze (31,1 Gramm).

Peso auf Rekordtief

Besonders hart traf es den mexikanischen Peso. Er reagiert besonders sensibel auf die Nachrichten rund um die Wahl im nördlichen Nachbarland USA, da Trump unter anderem Strafzölle auf mexikanische Waren plant und an der Grenze eine Mauer bauen will. Der Dollar stieg um bis zu 13,5 Prozent auf ein Rekordhoch von 20,77 Peso und steuerte damit auf den größten Tagesgewinn seit 22 Jahren zu.

Bruckbauer: Märkte könnten sich wieder schnell erholen

Nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten werde sich die Schockwelle, die die Börsen in Asien heute vorlegen, in den nächsten Tagen in Europa und den USA fortsetzen. Wie beim Brexit könnten sich die Märkte aber wieder schnell wieder in die andere Richtung bewegen, so die Einschätzung von Bank Austria-Chefökonom Stefan Bruckbauer im APA-Gespräch.

Die Schockwelle erklärt sich Bruckbauer mit dem Überraschungseffekt, weil niemand mit einem Sieg von Trump gerechnet habe. Dieser Überraschungseffekt dürfte das Bild wahrscheinlich vorerst auch überzeichnen. "Das Ereignis wurde nicht erwartet und wird auch sehr kritisch gesehen", so Bruckbauer.

Für die wirtschaftliche Entwicklung in den USA und Europa seien eigentlich keine Änderungen zu erwarten, da sich die negativen und positiven Indikatoren aufheben würden. Trumps Steuerpläne könnten starke positive Effekte auf die US-Wirtschaft haben und die negativen Folgen der Unsicherheit aufheben, meint Bruckbauer. Deshalb werde es 2017 zu keinen dramatischen Änderungen kommen, weder in Europa noch in den USA. Wenn Trump allerdings seine bisher bekannte Agenda umsetze, dann könnte es mittelfristig für das globale Wachstum allerdings schlechter aussehen.

Fairerweise müsse man dazusagen, dass vieles davon abhängen werde, wie Trump an die Sache herangehen werde, ob er seinen Stil beibehalten und seine Berater entsprechend aussuchen werde. "Wahlversprechen werden nicht immer eins zu eins umgesetzt, das gilt für negative wie für positive", so Bruckbauer.

Wie wird sich der "Outsider" verhalten?

"Man wird sehen müssen, wie er in der Lage ist, die Märkte zu überzeugen und welche Leute er sich holt, "Outsider", oder Leute, die mit der Welt kommunizieren können", meint Bruckbauer. Bei einer moderaten Entscheidung würden die Märkte wieder korrigieren und die Auswirkungen überschaubar sein. Sonst sei schon mit Problemen zu rechnen. "Viele Ansagen wären für die Weltwirtschaft schädlich". Entscheidend werde sein, welches Team er sich holt und wie er in den ersten Tagen seien Äußerungen gestaltet.

Für heute rechnet Bruckbauer mit schwachen Aktienmärkten - auch in Europa dürften sie 5 Prozent verlieren. Weiters mit steigenden Goldpreisen und sinkenden Ölpreisen. Die langfristigen Zinsen sollten nach unten gehen, die Investoren würden sichere Häfen suchen.

Die Wahrscheinlichkeit für eine im Dezember mögliche Zinserhöhung in den USA ist nunmehr laut Bruckbauer von 80 auf 50 Prozent gefallen. Ob eine kommt, werde davon abhängen, wie die Märkte in den kommenden Tagen reagieren. Wenn sie sich beruhigen, könnte eine Zinserhöhung kommen, bei nervösen Märkten eher nicht.