Wirtschaft 18.12.2011

Underberg: "Frauenquoten sind Rückschritt"

Hubertine Underberg, Chefin der gleichnamigen Spirituosendynastie, hält christliche Werte hoch und Zwangsmaßnahmen für einen Rückschritt.

Hubertine Underberg hat als Einzige von vier Geschwistern von ihrem Vater das Zepter für den Spirituosenbetrieb Underberg bekommen. Wenn sie nur zwei Tage die Woche auf Geschäftsreise ist, ist das eine „ruhige Woche“, sagt sie. Weihnachten feiert sie „in unterschiedlichen Besetzungen“ mit der Familie. „Das kann sich bis Silvester ziehen“, sagt Underberg, die die christlichen Werte auch im Unternehmen hochhält.

KURIER: Hand aufs Herz: Wünschen Sie sich manchmal, dass eines Ihrer Geschwister das Unternehmen übernommen hätte und Sie ein ruhigeres Leben hätten?
Hubertine Underberg-Ruder: Nein. Unser Auftrag als Christ ist es, sich dort zu bewähren, wo es uns hinverschlägt. Ich hatte nie die Erwartungshaltung, dass es immer nur lustig oder ich immer nur glücklich sein muss.

Sie sind gläubige Katholikin. Zeigt sich das auch im Geschäftsleben?

Die christliche Weltanschauung ist die Basis unserer Unternehmensgrundsätze. Achtung steht an erster Stelle, auch die Achtung anderer Ansichten. Nehmen wir das Beispiel Bakschisch. In vielen Ländern sind Bestechungsgelder ganz normal. Das verurteilen wir nicht. In unserem Haus haben wir über diese Dinge gesprochen und festgelegt, dass das mit unseren Wertvorstellungen nicht zusammenpasst. Andere Firmen tun alles, was legal ist. So minimalistisch wollen wir nicht sein.

Ein konkretes Beispiel?
Wir haben immer wieder Anfragen von Geschäftspartnern aus anderen Kulturen beispielsweise aus afrikanischen Ländern, die wir ablehnen, weil wir mit ihren Geschäftsgebaren nicht mitkönnen. Und unsere Mitarbeiter sind ermutigt, uns auf Graubereiche aufmerksam zu machen. Und das tun sie öfter als in anderen Firmen.

Hubertine Underberg Ruder
© Bild: Kurier

Bei vielen Meetings werden Sie wohl die einzige Frau am Tisch sein. Was halten Sie von Frauenquoten?
Ich halte nichts von Zwangsmaßnahmen, die man der Wirtschaft antut. Wenn eine Frau heute entscheidet, nur Hausfrau und Mutter zu sein, hat sie meinen vollen Respekt. Genauso wie eine, die nur Karriere macht oder beides. Die große Errungenschaft der vergangenen Jahre ist die Wahlfreiheit. Frauenquoten sind daher ein Rückschritt. Es besteht die Gefahr, dass sie ein System heroisieren, in dem alle Frauen Karriere machen sollen. Zudem setzt die emanzipierte Frau den emanzipierten Mann voraus. Das wird völlig übersehen.

In der katholischen Kirche können Frauen nach wie vor nicht ins Priesteramt. Stört Sie das? Aus unserer westlichen Perspektive finde ich es schade, aber ich fordere es nicht. Der heilige Paulus war quasi der erste CEO eines weltweiten Unternehmens, der Kirche. Heute gibt es weltweit eine Milliarde Katholiken. Da gibt es auch viele Regionen bzw. Gesellschaften, die für Frauen im Priesteramt noch nicht bereit sind. Das muss man auch berücksichtigen. Ich maße mir nicht an, die Gegebenheiten in den einzelnen Kulturkreisen zu beurteilen.

Wie stehen Sie als Geschäftsfrau eigentlich zu Protest-Bewegungen wie jener von Occupy Wall Street?
Ich bin nicht so der Protesttyp, sondern eher diejenige, die was verändern will. Die Campierer stoßen aber einen Denkprozess an, das ist gut. Irgendwann muss man aber auch konzeptionell mitarbeiten, um gesellschaftlich was weiterzubringen. Wir stehen hier vor einem jahrelangen Prozess. Seit der Lehman-Pleite hat sich noch nicht genug verändert.

Was muss sich denn ändern?
Ich hab’ ein Interview von einem pakistanischen Taxifahrer in London gelesen. Der hat gesagt, dass es im Westen außer Geld keine Werte mehr gibt. Da hab ich mir gedacht, wir müssen wirklich auch vorleben, dass es nicht nur um Geld geht. Deshalb ist die kultivierte Auseinandersetzung mit der Protestbewegung wichtig, aber auch die Kirchen und ihre Symbole, seien es nun Kruzifixe oder Kopftücher.

 

"Semper data-pg-spunq--idem" (immer das selbe) lautet das Motto der Underbergs. Das Magenbitter-Rezept kennen immer nur vier Leute.
© Bild: Kurier

In Zeiten der Wirtschafts- und Finanzkrise – sind Ihre Spirituosen da eigentlich mehr oder weniger stark gefragt?
Wir sind zum Glück nicht so krisenabhängig wie andere Konsum- und Investitionsgüter. Da müsste schon mehr passieren, dass niemand mehr unsere Produkte kauft. Irgendjemand hat schließlich immer Geburtstag und will diesen feiern.

Ist Österreich eigentlich ein interessanter Spirituosenmarkt?
Kommt darauf an, wie Sie Spirituose definieren. In Österreich – wie in Italien und Deutschland – sind zum Beispiel Kräuter- und Obstbrände gefragt. Mit Österreich, Süddeutschland, Ungarn und der Schweiz decken Sie 90 Prozent der weltweiten Produktion an Obstbränden ab. In Spanien spielen diese dagegen überhaupt keine Rolle. Dort wird wie in England oder Frankreich gern Cognac, Gin oder Whiskey getrunken.

Auf Ihren Underberg-Flaschen steht nach wie vor „appetit- und verdauungsfördernd“. Wird Ihnen die EU das bald verbieten?
Die Health-Claimes-Verordnung der EU verbietet Aussagen mit spezifischem Gesundheitsbezug. Bei uns handelt es sich eindeutig um eine allgemeine Aussage, so, als würden Sie sagen, dass eine kalte Dusche an heißen Tagen „wohltuend“ ist. Ich sehe da kein Problem.

In Deutschland offensichtlich schon. Da läuft gerade ein Rechtsverfahren ...

In 26 Ländern gab es keine Beanstandungen. In Deutschland sind die Wächter vielleicht schlechte Verlierer. Aber sie werden sich schwertun, einen spezifischen Gesundheitsbezug herzustellen. In Österreich gibt es überhaupt keine Probleme.

Underberg hat kürzlich eine Anleihe für 150 Millionen Euro begeben. Wofür wird das Geld eingesetzt werden?
Wir wollen weiter wachsen, neben unseren Nachbarländern setzen wir den Schwerpunkt auf Brasilien und China. Auch das Baltikum ist ein wichtiger Markt für uns.

Spirituosendynastie Underberg „Semper idem“ (immer dasselbe) lautet das Familienmotto der Underbergs. Seit 165 Jahren stellen sie im deutschen Rheinberg ihren Magenbitter unter ihrem Familiennamen her. Immer nur vier Personen sollen die Rezeptur davon kennen – derzeit Hubertine Underberg-Ruder und ihr Vater sowie zwei Priester. Zur Spirituosen-Gruppe gehören mittlerweile zahlreiche weitere Marken wie Asbach, Pitú und die Wodkamarke Grasovka. Zudem sind die Underbergs seit den 1970er-Jahren an Schlumberger beteiligt. Das Familienunternehmen macht weltweit mit 900 Mitarbeitern 500 Millionen Umsatz im Jahr.
Die 49-jährige promovierte Mikrobiologin ist seit 1991 Verwaltungsratsspräsidentin des Spirituosenherstellers mit Sitz im Schweizer Dietlikon. Hubertine Underberg-Ruder ist zudem Aufsichtsratsvorsitzende der Schlumberger AG mit Sitz in Wien. Sie ist verheiratet und hat vier Kinder.

( Kurier ) Erstellt am 18.12.2011