Teurer Stress am Arbeitsplatz

dpa/Oliver BergARCHIV - ILLUSTRATION - Das Symbolfoto zeigt eine depressive Frau an ihrem Arbeitsplatz in Köln (Archivfoto mit Zoomeffekt vom 24.06.2010). Früher hätte man es vielleicht «Nervenzusammenbruch» genannt, heute ist die Rede vom «Burnout». Fach
Foto: dpa/Oliver Berg Ausgebrannt: Vor allem die Beschäftigten im personenbezogenen Dienstleistungssektor leiden öfter als andere unter Schlafstörungen, Angstzuständen oder Depressionen.

3,3 Milliarden Euro beträgt der volkswirtschaftliche Schaden durch den Vormarsch psychischer Erkrankungen in der Arbeitswelt.

Krank sein ist ziemlich teuer. Etwa 3,3 Milliarden Euro betrugen 2009 die gesamtwirtschaftlichen Kosten für Krankenstände, die durch psychische Belastungen verursacht wurden. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Donau-Universität Krems über die Folgen psychischer Belastungen in der Arbeitswelt.

Dass psychische Erkrankungen wegen der Arbeitsbelastung zunehmen, ist auch eine Folge des Strukturwandels. Die Umstellung von der Produktions- zu einer Dienstleistungsgesellschaft verschiebt die Belastungen. Die Flexibilisierung der Arbeitszeit und enge Lieferfristen reduzieren die Planbarkeit der Arbeitsprozesse. Die Folge: Körperliche Gebrechen werden seltener, dafür steigt der psychische Druck.

Während die Zahl der Arbeitsunfälle seit 1991 um fast ein Drittel gesunken ist, gibt es aus psychischen Gründen mittlerweile fast drei Mal so viele Neuzugänge bei der Invaliditätspension (siehe Artikelende) . In dreizehn Jahren haben sich die Krankenstandstage wegen psychischer Erkrankungen verdoppelt.

Alarmsignal

Grafik Foto: KURIER

"Die Steigerungsraten müssen uns zu denken geben", lautet das Resümee von Studienautorin Gudrun Biffl. Psychischer Druck führt nicht nur dazu, dass Krankenstände länger dauern, es sinkt auch die Produktivität.

Besonders gefährdet sind Ältere, vor allem mit langer Arbeitszeit sowie Nacht- und Schichtarbeiter. Qualifikation und berufliche Stellung haben dabei nur geringen Einfluss. Biffl schätzt, dass die Gesamtkosten der psychisch bedingten Arbeitsausfälle sogar über sechs Milliarden Euro ausmachen, wenn man auch jene miteinrechnet, "die unter Stress Pillen einwerfen".

Arbeiterkammer-Präsident Herbert Tumpel verlangt daher eine gesetzliche Verankerung von Arbeits- und Organisationspsychologen im Arbeitnehmerschutzgesetz. Diese sollen die Belastung am Arbeitsplatz evaluieren. Der Einsatz von 500 solcher Experten würde die Kosten für die Unternehmen um 46 Millionen Euro erhöhen, rechnet Tumpel vor. "Jeder investierte Euro kommt aber drei- bis vierfach zurück."

Martin Gleitsmann, Leiter der Abteilung Sozialpolitik in der Wirtschaftskammer, teilt zwar den Wunsch nach mehr Prävention, hält die aktuelle Gesetzeslage aber für ausreichend. "Arbeitsmediziner werden bereits jetzt auch in Arbeitspsychologie geschult, das kann aber noch verbessert werden", ergänzt Gleitsmann.

Grundsätzlich hätten viele psychische Erkrankungen gar nichts mit der Arbeit zu tun. Auch im Freizeitverhalten würden Geschwindigkeit und Intensität zunehmen und sich echte Ruhepausen verkürzen. Im EU-Schnitt fühlten sich 28 Prozent aller Beschäftigten, in Österreich aber nur 19 Prozent bei der Arbeit gestresst, zitiert Gleits­mann eine EU-Studie.

"Ausreißer" Steiermark sorgt für Zündstoff

Immer mehr Österreicher gehen vorzeitig in Pension, weil sie psychisch krank sind. Seit den 1990er-Jahren haben sich die Neuzugänge in die Berufsunfähigkeits- (Angestellte) und Invaliditätspension (Arbeiter) wegen psychischer Erkrankungen auf 35,5 Prozent oder knapp 9000 Fälle im Jahr 2010 fast verdreifacht.

Eine Analyse der Salzburger Gebietskrankenkasse brachte nun beträchtliche Bundesländer-Unterschiede in der Zuerkennung zu Tage. Demnach machten 2010 in der Steiermark bereits 47,4 Prozent aller Arbeitsunfähigen psychische Erkrankungen geltend, während es im Burgenland nur 20,7 Prozent waren. Mit 38,7 Prozent ebenfalls überdurchschnittlich waren die Zuerkennungs-Fälle in Oberösterreich. Sind die Steirer und Oberösterreicher womöglich weniger belastbar oder wird einfach anders diagnostiziert?

Bei der PVA zeigt man sich überrascht über die Unterschiede: "Das kann mannigfaltige Gründe haben", sagt PVA-Sprecherin Beatrix Böhm. Als Beispiel nennt sie etwa den unterschiedlichen Arbeitsmarkt: So waren Steiermark und Oberösterreich als Indus­trieländer 2009 stärker von Arbeitslosigkeit betroffen als die übrigen Bundesländer. Auch der Berufsschutz spiele eine Rolle. Dass steirische Ärzte psychische Erkrankungen rascher diagnostizieren, schließt man bei der PVA aus: "Das Prozedere zur Zuerkennung ist in allen Bundesländern gleich."

Aufklärung

Die Wirtschaftskammer (WKÖ) sieht das anders und fordert von der PVA eine umgehende Aufklärung der Unterschiede. WKÖ-Sozialexperte Martin Gleitsmann ortet sehr wohl Spielraum bei der Diagnose von psychischen Beschwerden. "Der Ausreißer Steiermark ist so kurios, dass er auffällt und aufgeklärt werden muss."

Invaliditätspension: 28.000 Fälle Entwicklung Im Vorjahr gab es 28.000 bewilligte Fälle von Berufsunfähigkeits- (Angestellte) und Invaliditätspension (Arbeiter), ein Minus von 5,5 Prozent gegenüber 2010. Voraussetzung ist eine Einschränkung der Leistungsfähigkeit von mindestens 50 Prozent. Mehr als 60 Prozent aller Anträge werden abgelehnt. Alter Das Durchschnittsalter der neuen I-Pensionisten beträgt bei Männern 53 und bei Frauen 49 Jahre. Die Lebenserwartung ist um rund zehn Jahre geringer als bei Alterspensionisten.

(kurier / Andreas Anzenberger, Anita Staudacher ) Erstellt am
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