Wirtschaft
03.12.2017

Telekom Austria: Verwicklungen am Balkan

Wüste Spekulationen rund um Übersiedlung des Headquarters: Eigentümer sollen aus Umkreis des korrupten Ex-Premiers Gruevski stammen

Übersiedlungen sind für Telekom-Unternehmen immer sehr aufwendig und kostenintensiv. Ein Standortwechsel betrifft nicht nur Büros, sondern auch die technischen Anlagen für die Infrastruktur und Versorgungssicherheit eines Landes. Ein Wechsel ist daher ein Großprojekt mit vielen Risiken.

In Wien wurde der Auszug der teilstaatlichen Telekom Austria aus der Zentrale in der Lassallestraße in den Bank-Austria-Campus im letzten Moment abgesagt.

In Mazedonien aber wird die Telekom-Tochter one. Vip Mitte 2018 ein neues Headquarter beziehen. Seit 2009 logiert die Telekom in einem Businesscenter in bester, zentraler Lage in Skopje, das der bekannten österreichischen Unternehmerfamilie Soravia gehört. Die Soravias sind im Bauträger-, Immobilien- und Beteiligungsgeschäft engagiert.

Die mazedonische Hauptstadt ist für Bauträger ein ertragreiches Pflaster. Die Telekom bzw. die Tochter one.Vip zahlt derzeit im Monat 70.000 Euro Miete, inklusive Betriebskosten.

Über die Eigentümer des neuen, nur wenige Gehminuten entfernten Gebäude-Komplexes St. Mina, der noch nicht bezugsfertig ist, wird in Skopje seit Monaten heftig spekuliert. Die offiziell ausgewiesenen Eigentümer, ein Textilhändler und ein zweiter mazedonischer Unternehmer, seien nur vorgeschoben, heißt es in der Branche. Die tatsächlichen Eigner würden sich vielmehr im Umkreis des hoch korrupten mazedonischen Ex-Premiers Nikola Gruevski bewegen.

Konkret wird etwaSaso Mijalkov genannt – Cousin von Gruevski und ehemaliger Chef der Macedonian Intelligence Agency, des nationalen Geheimdienstes. Mijalkov werden beste Beziehungen zur Telekom-Industrie nachgesagt. Im Sommer musste er auf Anordnung der Sonderstaatsanwaltschaft seinen Reisepass abgeben. Ihm wird das gesetzwidrige Abhören von mehreren Tausend Personen vorgeworfen und Amtsmissbrauch bei der Finanzierung des Wahlkampfes für Gruevski und die nationalkonservative Partei VMRO-DPMNE.

"Unser Compliance-Check hat keine Hinweise auf Unregelmäßigkeiten unter den Eigentümern ergeben", erklärt dazu Telekom-Sprecherin Barbara Grohs. Fragt sich nur, wie die Compliance-Leute mögliche familiäre Verwicklungen zwischen Politik und Business in Mazedonien überprüfen können. Im Balkan-Staat geht’s etwas anders zu als in Österreich.

Hintergrund der Gerüchte ist die im Oktober 2014 besiegelte Fusion zwischen der slowenischen Telekom-Tochter One mit der Vip der Telekom Austria. Vor wenigen Wochen gab die Telekom Slovenije ihren 45-Prozent-Anteil für 120 Millionen an die heimische Telekom ab, die nun Alleineigentümerin ist. Vip hatte zuvor blizoo Macedonia übernommen und wurde mit Abstand Marktführer. Der heutige Telekom-Boss Alejandro Plater war damals noch nicht an Bord.

Bei der Fusion in Skopje war der Konzern America Movil des mexikanischen Milliardärs Carlos Slim bereits Mehrheitsaktionär der Telekom Austria. Wie berichtet, ging Gruevskis Telekom-Minister Ivo Ivanovski unmittelbar nach der wettbewerbsrechtlichen nationalen Genehmigung des Deals für die Mexikaner als Lobbyist nach Brüssel. Dann dockte er bei der Telekom Austria an und wurde 2017 zusätzlich zum Chef für "Mergers & Acquisitions" befördert. Um Platz für den Polit-Günstling zu machen, musste ein österreichischer Manager gehen, der KURIER berichtete. Slim war höchstpersönlich Gast bei Ivanovskis Hochzeit.

Bei der Unterzeichnung der Fusionsverträge 2014 wurde auch die Übersiedlung nach St. Mina beschlossen. Vip-Mitarbeiter kolportierten, der Standortwechsel erfolge auf Druck der mazedonischen Regierung unter Gruevski. Man müsse sich für die Genehmigung der Fusion erkenntlich zeigen.

"Stimmt nicht", kontert die Telekom-Sprecherin. Durch die Fusion und den Zukauf von blizoo gebe es unterschiedliche Standorte. "Wir haben die Gelegenheit für einen passenden Firmensitz bekommen, der unseren Anforderungen entspricht und den rund 500 Mitarbeitern einen adäquaten Arbeitsplatz ermöglicht" (Grohs).

Die unmittelbaren Kosten für die Übersiedlung werden auf 1,6 Millionen Euro geschätzt. Schafft one.vip den Auszug nicht pünktlich, ist an die Soravias für jeden Tag Verzögerung die doppelte Miete als Pönale zu überweisen. Gehen Kundendaten verloren oder kommt es zu Sende-Ausfällen, droht eine behördliche Strafe von vier bis sieben Prozent des Vorjahresumsatzes (119 Millionen Euro). 2016 machte one.Vip ein Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen von 26 Millionen.

Österreichs künftiger Bundeskanzler Sebastian Kurz musste sich 2016 übrigens Wahlkampf-Hilfe für Gruevski vorwerfen lassen. Auf einer Großkundgebung in Skopje bedankte sich Kurz bei seinen "lieben Freunden" für die Hilfe bei der Schließung der Balkanroute. Kurz sei nicht als Außenminister aufgetreten, sondern nur als Vertreter der Europäischen Volkspartei, betonte man im Außenministerium. Illustration: Chrstine Karner