Studie: Genmais löst in Ratten Krebs aus

APN***FILE*** Ein Landwirt zeigt am 27. Septmeber 2007 auf einem Feld im brandenburgischen Badingen zwei Kolben des umstrittenen genmanipulierten Mais MON 810 des US-Konzerns Monsanto, rechts, und zwei von Schaedlingen befallene normale Kolben, links. Das
Foto: APN Segen der Gentechnik? Ein Bauer präsentiert konventionelle, von Schädlingen befallene Maiskolben (li.) im Vergleich mit einer genmanipulierten Sorte (re.)

Durch Verfüttern von genmanipuliertem Mais eines großen Agrarkonzerns über zwei Jahre lösten französische Forscher bei Ratten Krebs aus. Paris will härtere EU-Vorschriften.

Wir erblassten, als wir diese Ergebnisse sahen. Unsere Ausgangshypothese bestätigte sich in einem dramatischem Ausmaß." Mit diesen Worten beschreibt der Professor für Molekularbiologie, Gilles-Eric Séralini, den Gemütszustand seiner Forschergruppe nach Vorliegen der Resultate ihrer zweijährigen Untersuchung der Auswirkungen von Genmais auf 200 Ratten.

Der an der Universität Caen forschende Experte für gentechnisch veränderte Organismen (GVO) hatte mit seinem Team die Ratten in drei Gruppen unterteilt: Eine wurde mit Kroketten gefüttert, die den Genmais NK603 enthielten. Eine zweite Gruppe wurde mit demselben Genmais gefüttert, der aber zuvor mit dem Pflanzenschutzmittel "Roundup" besprüht worden war. Sowohl der Genmais als auch das Pflanzenschutzmittel werden vom weltgrößten GVO-Hersteller, dem US-Konzern "Monsanto", produziert. Eine dritte Rattengruppe wurde mit GVO-freiem Mais ernährt.

Tumore doppelt so oft

Bei den mit Genmais ernährten männlichen Ratten seien Haut-, Leber- und Nierentumore doppelt so häufig aufgetreten als bei den männlichen Versuchstieren, die keine GVO-Nahrung erhalten hatten. Bei den Weibchen seien im Schnitt gar fünf Mal so viele erkrankt als bei den Männchen, wobei Brustkrebs überwog. "Einige Weibchen hatten drei Tumore gleichzeitig, die sich wie Pingpongbälle unter ihrer Haut spannten", erinnert sich Séralini. Die Genmais-ernährten Ratten seien auch in extrem höheren Ausmaß viel früher gestorben.

Dass seine Studie zu derartig anderen Ergebnissen kommt als die bisherigen Untersuchungen, auf die sich etwa die EU-Behörden bei ihren Genehmigungen stützen, führt Séralini unter anderem darauf zurück, dass die herkömmlichen Untersuchungen, darunter jene, die von "Monsanto" vorgelegt wurde, sich auf drei Monate beschränkt hätten. "Ist es ein Zufall, dass die ersten Missbildungen ausgerechnet nach drei Monaten erstmals während unserer Untersuchung auftraten?", fragt Séralini anklagend. Es sei ein "Skandal", dass man bisher keine Untersuchung der Langzeitwirkungen verlangt habe, zumal "450 Millionen Europäer GVO-Nahrungsmittel lebenslang konsumieren".

Die Studie wird umso ernster genommen, als sie von der angesehenen US-Fachzeitschrift Food and Chemical Toxicology veröffentlicht wurde. Gesponsert wurde die Studie von französischen Handelsketten, die keine GVO-Produkte führen.

In Paris reagierten gleich vier Regierungsmitglieder, darunter Stéphane Le Foll, Landwirtschaftsminister und Intimus von Staatschef François Hollande. Die Minister haben Frankreichs Behörde für Nahrungssicherheit beauftragt, unverzüglich die wissenschaftliche Haltbarkeit der Studie zu überprüfen. Sollte sich ihre Seriosität bestätigen, will Le Foll in der EU eine sofortige Aufhebung der Importgenehmigung für den Genmais NK603 erwirken.

Darüber hinaus will Frankreichs Agrarminister die Gelegenheit nützen, um strengere Genehmigungsverfahren für GVO und Pestizide in der EU zu erwirken. Frankreich hat eine Vorreiterrolle, nachdem es seit 2008, unter Berufung auf EU-Umweltschutz-Klausel, für sein Territorium ein generelles Anbauverbot für GVO-Pflanzen durchgesetzt hat. Allerdings weist Frankreichs Landwirtschaft bisher eine der höchsten Verseuchungsraten durch herkömmliche Pestizide in der EU auf.

Vernichtende Kritiken

Klaus Ammann, em. Botanikprofessor, Uni Bern Foto: Privat Der Botaniker Klaus Ammann stellte grobe methodische und statistische Mängel fest.

"Diese Studie ist schlimm und wirklich schäbig"

In der biologischen Fachwelt wird die Studie von Gilles-Eric Séralini in der Luft zerrissen. Der Botanik-Professor an der Universität Bern, Klaus Ammann, hat die umstrittene Studie zwei Mal gelesen und nennt sie "schäbig" und "wirklich schlimm". Was den Experten für Grüne Gentechnik und Biotechnologie sowie etliche seiner Fachkollegen so auf die Palme bringt, sind unter anderem die folgenden Kritikpunkte.

- Offene Fragen Nach eingehender Lektüre der Untersuchungsergebnisse seien viele Fragen offen geblieben: "Die sind deshalb offen, weil die Autoren die Dosis nicht genau angeben." Es sei zu vermuten, dass das Pflanzengift wesentlich höher dosiert wurde, als bei vergleichbaren Experimenten.

- Tumorsensible Ratten Auch die Wahl der Versuchstiere selbst gibt Anlass für Skepsis. Die verwendeten Ratten seien nämlich besonders tumoranfällig. In groß angelegten Studien mit 10.000 Ratten habe man herausgefunden, dass bei dieser bestimmten Rasse 71,8 Prozent Tumore entwickeln.

- Exotische Statistik Die Arbeitsgruppe von Séralini an der Universität Caen für gentechnisch veränderte Organismen (GVO) in Nahrungsmitteln hat 200 Ratten über einen Zeitraum von zwei Jahren beobachtet. Die geringe Zahl an Versuchstieren lasse keine statistisch eindeutigen Ergebnisse zu, sagte die Molekularbiologin Andrea Barta von den Max Perutz Labs zum Standard. Eine viel zu kleine Kontrollgruppe (Tiere, an die kein Genmais verfüttert wurde, Anm.) bemängelt auch der Zellbiologe Anthony Trewavas (Universität Edinburgh) in einer Presseaussendung von Science Media. "Diese Gruppe umfasst nur je zehn männliche und weibliche Tiere, und einige von ihnen entwickelten auch Tumore." Risikoforscher David Spiegelhalter (Universität Cambridge, U.K.) wundert sich, dass die Studie trotz ihrer Mängel von der Fachzeitschrift Food and Chemical Toxicology überhaupt akzeptiert wurde.

Wissenschaftlicher Substandard hin oder her, für Global-2000-Gentechnik-Kritikerin Heidemarie Porstner ist das Ergebnis "erschütternd": Der untersuchte Gentech-Mais NK 603 von Monsanto sei in den USA als Nahrungsmittel zugelassen. Nach Europa werde er als Futtermittel für die Fleischproduktion importiert. Gesundheitsminister Alois Stöger ("Wir werden die Studie selbstverständlich analysieren") und Landwirtschaftsminister Nikolaus Berlakovich ("Wir werden die Ergebnisse, sobald sie detailliert vorliegen, eingehend analysieren") schickten fast wortgleiche Statements aus.

Und wo steht Österreich? Das Maisland ist laut Auskunft der Landwirtschaftskammer Selbstversorger, es werde kein Mais ex- oder importiert, "und Genmais schon gar nicht", hieß es. Gegen den Anbau von GVO wehrt sich Österreich seit Jahren erfolgreich.

Grüne Gentechnik: Saatgut nach Maß

GM-Pflanzen Transgene oder gentechnisch veränderte Pflanzen enthalten Einzelteile des Ergbuts anderer Organismen und haben dadurch neue Eigenschaften, etwa die Resistenz gegen Pflanzenschutzmittel (Pestizide), oder dass sie Gift für ihre Schädlinge produzieren. Einige dieser GM-Pflanzen werden rund um den Globus verwendet.

Round-up-ready Ist die durch Genmanipulation erzielte Resistenz gegen ein Pestizid der Firma Monsanto. Sie wird vor allem in Mais und Soja eingesetzt.

BT BT-Pflanzen produzieren einen Stoff, der auf sie spezialisierte Schädlinge (Insekten, Käfer) tötet. Auch hier sind die wichtigsten Arten Soja und Mais.

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(KURIER / Danny Leder/Paris, Martin Burger) Erstellt am
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