Wirtschaft 10.01.2012

Strom: Nur noch zwei Atom-Sünder

Österreichs Stromversorger meiden großteils Atomstrom – nur Verbund und Kelag nicht, kritisieren Umweltschützer.

Die heimischen Energieversorger haben ausländischen Atomstrom mehrheitlich von ihrer Einkaufsliste gestrichen: Nur mehr vier Prozent elektrische Energie aus Kernkraftwerken findet sich nach Angaben von Greenpeace und Global 2000 im österreichischen Stromnetz. 2005 waren es noch durchschnittlich 15 bis 16 Prozent.

„Das ist eine Erfolgsgeschichte. Dennoch gibt es noch einiges zu tun“, zieht Jurrien Westerhof, Energiesprecher von Greenpeace, Bilanz. Das Ziel sei, dass Österreich komplett atomstromfrei werde. Dies ist auch die zentrale Forderung der beiden Organisationen für den nächsten Atomstromgipfel der Regierung am 16. Jänner.

Verbund, Kelag

Ärger bereitet den Umweltschützern dabei vor allem der Verbund und die Kärntner Kelag. Beide würden nach wie vor nicht auf Atomstrom-Käufe verzichten, kritisieren Greenpeace und Global 2000. Diese Versorger belieferten vor allem Industriekunden mit dem billigeren AKW-Strom. 16 Prozent Atomstrom soll der Verbund und gar 23 Prozent die Kelag im Netz haben. Der Kärntner Versorger betont, er investiere lieber zu Hause in erneuerbare Energie, als Geld für Zukäufe von teurem Ökostrom auszugeben.

Der Verbund hält die Angriffe der Umweltschützer überhaupt für ungerechtfertigt. Das Unternehmen beliefere seine österreichischen Kunden mit Strom aus österreichischen Kraftwerken.

Was Greenpeace und Global 2000 beim Verbund stört, ist der fehlende Herkunftsnachweis für einen Teil des Stroms. Die über Strombörsen zugekaufte elektrische Energie wird wegen der nicht nachweisbaren Erzeugungsquelle als „Graustrom“ bezeichnet. Für dessen Herkunft wird der europäische Durchschnitt der Herkunft des Stroms angenommen, das heißt 26 Prozent Atomenergie. Auf diese Art errechnen die Umweltorganisationen den Atomstromanteil für den Verbund.

Andere Versorger wie die Energie AG Oberösterreich, die vor einem Jahr noch Atomstrom im Netz hatte, haben diesen mittlerweile verbannt. Sie kaufen über die Börse nur mehr elektrische Energie, die – mit Zertifikaten belegt – nicht aus Kernkraftwerken stammt.
Die Mehrkosten seien minimal, betont Jurrien Westerhof: 0,3 Cent je Kilowattstunde Wasserkraft-Strom und 0,01 Cent für Wärmekraft-Strom. Pro durchschnittlichem Verbraucher wären das höchstens 1,95 Euro im Jahr.

Bilanz 2011: Stromimporte gestiegen

Das abgelaufene Jahr war für Österreichs Energieversorger äußerst schwierig: Lange Trockenperioden drückten die Stromerzeugung in den Wasserkraftwerken und der hohe Gaspreis machte Wärmekraftwerke zu Verlustbringern. Aus diesem Grund schnellten die Stromimporte in den ersten elf Monaten gegenüber dem Vergleichszeitraum 2010 gleich um 22,3 Prozent auf 21.900 Gigawattstunden in die Höhe. Die Stromexporte sanken um 3,9 Prozent auf 15.297 Gigawattstunden.

Mit den Bezügen aus dem Ausland steigt grundsätzlich der Atomstromanteil im Stromnetz. Denn rund um Österreich – von Deutschland bis Slowenien – gibt es Atomkraftwerke. Rein physikalisch kann der Atomstrom nicht aus dem Netz verbannt werden. Die heimischen Versorger aber kaufen mehrheitlich durch Zertifikate abgesichert atomstromfrei ein. Damit ist sichergestellt, dass sie wenigst keine Atomkraftwerke mitfinanzieren.

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( Kurier ) Erstellt am 10.01.2012