Wirtschaft
09.12.2017

Streitgespräch zu Bitcoin: "Schon ein wenig weltverschwörerisch"

Der Wert der virtuellen Währung steigt in schwindelerregendem Tempo – ein Streitgespräch.

Der Wertzuwachs der digitalen Währung Bitcoin bricht alle Rekorde: 2017 ist der Preis um 1500 Prozent gestiegen. Der KURIER lud einen Fan und einen Skeptiker zum Zwiegespräch: Ernst Tertilt, Anlageberater für Kryptowährungen, Beat Weber, Experte der Nationalbank zum Thema.

KURIER: Wie erklären Sie sich die rasanten Preissprünge?

Ernst Tertilt: Der Wertgewinn zieht natürlich viel Interesse nach sich. Hinter den Coins steckt aber etwas Werthaltiges, die Blockchain-Technologie. Da kommen erste Anwendungen gerade auf den Markt, die Entwicklung steht noch ganz am Anfang.

Beat Weber: Der Reiz des Neuen, die vielen Medienberichte – das sorgt für einen Zustrom neuer Anleger. Dabei streiten selbst die Experten noch, was Bitcoin ist. Es ist jedenfalls eine Projektionsfläche für alles Mögliche; von der technischen Utopie bis zum Reichwerden über Nacht. Und es ist kein Zufall, dass hier zwei Männer sitzen. Der Bubentraum vom verborgenen Piratenschatz, den es zu heben gilt, spielt da auch mit.

Ist das Preishoch eine Blase, die bald platzen wird?

Weber: Zwischen null und unendlich ist alles möglich. Ob Bitcoin morgen crasht oder 50 Mal höher steigt, weiß niemand. Es gibt keinerlei Bewertungsmaßstäbe dafür. Und zur Blockchain: Ein Bitcoin ist kein Anteilsschein auf künftige Nutzungen der dahinter stehenden Technologie. Das einzige, das ich vom Besitz einer Kryptowährung habe, wenn sich kommerzielle Anwendungen der Blockchain durchsetzen sollten, ist das befriedigende Gefühl, früh einen Vorläufer benutzt zu haben. Nicht alles Neue ist relevant, das Patentamt ist voll genialer, aber unrentabler Ideen.

Tertilt: Ob Blase oder nicht, kann niemand beurteilen. Beim New Economy Boom ums Jahr 2000 sprachen viele von einer Blase. Nach der Marktbereinigung dominieren aber Technologiekonzerne wie Google und Apple den Aktienmarkt. Neben Bitcoin gibt es viele Coins, die die Technologie für Verbraucher nutzbar machen. Da gehört analysiert, welche dieser alternativen Coins gut oder schlecht sind.

Uns rufen Leser an, die dem Enkel Bitcoins unter den Christbaum legen wollen. Gute Idee?

Tertilt: Ja, definitiv. Wir spüren auch, dass das oft ein Thema für die jüngere Generation ist. Ich finde es wichtig, sich damit zu beschäftigen. Dank Blockchain ist es möglich, Werte sicher über das Netz zu transferieren. Viele Banken und vier von fünf DAX-Konzernen forschen intensiv daran.

Weber: Wir geben grundsätzlich keine Anlagetipps, warnen aber in diesem konkreten Fall vor dem hohen Risiko bis hin zum Totalverlust. Zu Ihrem Aktien-Vergleich: Dahinter steht ein Unternehmen, das hoffentlich Gewinne macht und dem Anleger daran einen Anteil auszahlt, die Dividende. Und wenn ein Unternehmen Anleihen nicht zurückzahlt, ziehe ich vor den Kadi. Bei der Kryptowährung hilft mir niemand. Dahinter steht nichts, dort ist der hoffentlich höhere Wiederverkaufswert an künftige Börsenteilnehmer der einzige Aspekt.

Dass sich jetzt schon so viele Normalbürger interessieren, ist das nicht ein Alarmsignal?

Tertilt: Wir sehen keinesfalls eine Spätphase erreicht. Bei Bezahlcoins steht natürlich außer deren Nutzbarkeit relativ wenig dahinter, deshalb ist es schwierig, den wahren Wert zu definieren. Die Zahl der Restaurants, die Bitcoins akzeptieren, mag eher klein sein, steigt aber stetig. Und über eine Kreditkarte auf Bitcoin-Basis kann ich überall zahlen.

Weber: Ich würde Ihre Begeisterung gerne etwas bremsen. Das Qualitätsmerkmal Nr. 1 einer Währung ist Preisstabilität. Beim Euro kann ich tagtäglich im Supermarkt überprüfen, ob ich die Wurstsemmel zum selben Preis erhalte. Diese Stabilität garantiert nur eine Währung, für die jemand geradesteht. Wenn ich diesen Garantiegeber entferne, weil ich Autoritäten ablehne, erhalte ich die extrem schwankenden Bitcoin-Kurse – für normale Bezahlvorgänge ist das unbrauchbar.

Viele Bitcoin-Fans misstrauen offiziellen Währungen und Notenbanken. Sie auch?

Tertilt: Die Rolle der Zentralbanken wird für die nächsten Jahre bestehen bleiben. Die Bitcoin-Idee war schon ein wenig weltverschwörerisch: Inmitten der größten Finanzkrise der letzten 100 Jahre sollte etwas geschaffen werden, das losgelöst vom alten System funktioniert. Bitcoin ist eher mit Gold vergleichbar – auch weil die Menge beschränkt ist und nichtvon der EZB nachgedruckt werden kann.

Weber: Da wird Mengenbegrenzung mit Preisstabilität verwechselt. Gold hat einen Gebrauchswert, es gibt Industrie-Anwendungen oder ich kann es mir in die Zähne stecken. Was die Blockchain ermöglicht, sind Transfers von A nach B, die bisher nicht korrumpiert werden konnten. Bewundernswert, aber viel ist das nicht. Ein Euro-Bankkonto hingegen gibt mir das Versprechen, dass das Guthaben jederzeit 1:1 in preisstabiles Zentralbankgeld einlösbar ist (in Münzen und Banknoten). Das garantiert mir bei einer Coin kein Mensch.

Ist das Versprechen, dass es maximal 21 Mio. Bitcoins geben wird, nicht längst durch Abspaltungen gebrochen? Wer beschließt das, wenn es angeblich keine zentrale Instanz gibt?

Tertilt: Da wurde demokratisch abgestimmt – nicht von den Bitcoin-Nutzern, aber von Minern und denen, die das System am Leben erhalten.

Weber: Unter Demokratie verstehe ich: ein Wähler, eine Stimme. Bitcoin ist eine Plutokratie, wer viele Anteile hat, bestimmt mit. Das Mining ist überhaupt ein hochkonzentrierter Markt, der mit freiem Wettbewerb nicht mehr viel zu tun hat. Und dass ein Gut knapp ist, garantiert noch nicht seinen Wert. Von der Briefmarke aus 1953 mag es auch nur 50 Sonderdrucke geben. Ich werde heute trotzdem keine Käufer mehr finden.

Bitcoin-Mining verbraucht absurd viel Strom. Ist das eine technische Sackgasse?

Tertilt: Ja, Bitcoin hat einige Mängel, aber andere Coins verbessern das. Der Strombedarf der Mining-Computer halbiert sich jedes halbe Jahr.

Weber: Hohe Stromkosten sind in dem System als Hürde nötig, quasi als Vertrauensbeweis. Die Bitcoin-Blockchain wurde für eine Welt ohne Vertrauen geschaffen und ist sozial äußerst ineffizient – der Betrieb ist enorm teuer. Man kann sich das vorstellen wie ein Preisausschreiben, das alle 10 Minuten stattfindet: Wer genug Energie- und Rechenleistung hat, um als erster die Lösung zu finden, erhält einen Bitcoin-Teilbetrag geschenkt. Die gigantischen Stromkosten dieser Miner sind nur gedeckt, solange der Kurs hoch ist. Sonst hört das System auf zu funktionieren oder es muss unleistbar teure Gebühren geben.

Herr Tertilt, Sie beraten sehr wohlhabende Menschen. Ist für die Bitcoin eine Art Spielgeld?

Tertilt: Der Markt ist natürlich von sehr hohen Kursschwankungen geprägt. Ein Portfolio sollte immer mit Augenmaß erstellt werden, alles nur in Kryptowährungen zu veranlagen wäre zur Risikostreuung nicht sinnvoll.

Soll der Markt reguliert werden?

Tertilt: Absolut, wir wollen, dass dubiose Gestalten aus dem Markt verschwinden. Aber die Regulierung sollte Standards vorgeben, das sollten Leitplanken sein, die die Menschen schützen. Verbote wären absolut das Falsche.

Sind Zentralbanker gegen Bitcoins, weil ihnen diese die Geschäftsbasis entziehen?

Weber: Das stellt Notenbanken überhaupt nicht in Frage. Dem Bitcoin fehlt alles, was eine hochwertige Währung ausmacht, darum setzt er sich als Zahlungsmittel nicht durch. Als Anlageobjekt ist er von verschwindender Größe: Das Finanzvermögen österreichischer Haushalte ist fünf Mal so groß wie das weltweite Bitcoin-Marktvolumen. Das ist kein gesellschaftliches Risiko, sondern nur für jene Anleger, die drinstecken.

Es gibt Vorwürfe, Bitcoin werde von Erpressern und zur Geldwäsche verwendet. Bereitet Ihnen das keine Bauchschmerzen?

Tertilt:Wenn negativ berichtet wird, kommt der Vorwurf immer. 99 Prozent der Waffen- und Drogengeschäfte finden in US-Dollar statt. Den will auch niemand verbieten.

Weber: Die Ausgabe von Kryptowährungen könnte man gar nicht regulieren, die Schnittstelle zu den offiziellen Währungen aber schon. Mit der nächsten EU-Geldwäsche-Richtlinie müssen Bitcoin-Plattformen ihre Kunden kennen. Darauf bereiten sich viele jetzt schon vor. Dass Drogenbarone so Trilliarden-Beträge waschen, sehe ich nicht. Dazu ist der Markt zu klein.

Was bedeutet es, wenn US-Börsen bald Terminkontrakte auf Bitcoins handeln dürfen?

Weber: Diese Produkte sind zumindest erprobt und werden beaufsichtigt. Was es für den Kurs heißt, ist völlig offen. Schließlich kann man auch auf fallende Kurse wetten.

Tertilt: Ich bin sehr gespannt, ob das jemand tun wird.

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