Wirtschaft
09.03.2013

"Steuer brandgefährlich für Wiener Markt"

Interview: Börse-Chef Michael Buhl über heimische Champions und Gefahren durch die neue Steuer.

KURIER: An anderen Börsen stürmen die Leitindices von einem Rekordstand zum nächsten. Von einem Rekord ist Wien meilenweit entfernt. Warum?

Michael Buhl: Kleine Märkte wie Wien verhalten sich tendenziell anders. Gegen Ende eines Zyklus steigen wir stärker. Und in der Krise sind wir stärker abgestürzt. Zu Unrecht. Die Unternehmen stehen ja gut da.

Im Vorjahr hat sich der Wiener ATX aber super entwickelt ...

Ja, er hat sogar den Frankfurter DAX geschlagen. Aber das haben viele nicht bemerkt, auch institutionelle Investoren nicht. Erst im Dezember gab es dann einen spürbaren Anstieg beim Handelsvolumen. Auch bei Präsentationen im Ausland merken wir, dass großes Interesse an österreichischen Unternehmen besteht. Das ist aber noch nicht 1 zu 1 in den Börsenumsätzen zu sehen.

Wie entwickeln sich die Handelsumsätze derzeit?

Im Vorjahr hatten wir durchschnittlich drei Milliarden Euro pro Monat. Jetzt liegen wir etwa zehn Prozent darüber.

In Wien hat es schon seit Jahren keinen Börsengang mehr gegeben. Steht jetzt, bei steigenden Kursen, einer vor der Tür?

Wir sind intensiv dran an dem Thema und warten auf den Eisbrecher. Wir hoffen aber auch auf Kapitalerhöhungen. Ein Manko der Wiener Börse ist, dass der Streubesitz meist nicht groß ist.

Etliche Firmenchefs haben aber wiederholt gesagt, dass für Kapitalerhöhungen die Kurse noch viel zu tief sind. Sie wollen ihre Aktien ja nicht verschenken ...

Dass Firmen für Kapitalerhöhungen auf bessere Kurse warten, verstehe ich. Das Pricing ist sicher noch schwierig. Aber es wäre eine große Nachfrage da, der Markt ist ausgetrocknet. Es kam schon lange nichts mehr.

Wie schätzen Sie den Boom bei Unternehmensanleihen ein?

Das sehen wir mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Ein Corporate Bond ist oft der erste Schritt an den Kapitalmarkt und eine gewisse Einstiegsdroge, das ist gut. Fremdkapital ist aber kein Ersatz für Eigenkapital.

Die Finanztransaktionssteuer wird voraussichtlich in elf Ländern, darunter Österreich, eingeführt. Wird die Wiener Börse wirklich darunter leiden?

Es wird zu massiven Wettbewerbsverzerrungen kommen. Unternehmen aus diesen elf Ländern werden an andere Börsen abwandern, etwa nach London oder Warschau. Noch dazu ist jetzt zu hören, dass die Steuersätze nicht in allen elf Ländern gleich hoch sein werden. Das ist eine zusätzliche Wettbewerbsverzerrung. In dieser Ausprägung ist das brandgefährlich für den Wiener Markt.

Wie sollte die Steuer aus Ihrer Sicht ausschauen, damit auch die Wiener Börse damit leben kann?

Zum einen muss sichergestellt sein, dass die Steuersätze in allen Ländern gleich hoch sind. Wesentlich ist aber vor allem, dass der außerbörsliche Bereich doppelt so hoch besteuert wird wie der Börsenhandel. Außerdem sollten Market Maker von der Steuer ausgenommen werden. Werden sie nicht ausgenommen, wären höhere Spannen zwischen An- und Verkaufskursen die Folge. Das alles geht zu Lasten der Anleger, zu Lasten von Wachstum und Wohlstand.

Wie würde nach Einführung der Steuer ein Katastrophenszenario für die Wiener Börse ausschauen?

Dass es zu dramatischen Verschiebungen zu anderen Handelsplätzen kommt.

Rechnen Sie wirklich damit, dass österreichische Unternehmen an die Londoner Börse wechseln?

Die kleinen Unternehmen werden bleiben. Aber die Großen werden sich vermutlich schon andere Handelsplätze suchen. Da könnte ich mir durchaus vorstellen, dass sie dabei die Börse Prag anpeilen.

In früheren Jahren wurde die Wiener Börse von der Ostfantasie beflügelt. Dann schlug das Pendel in die Gegenrichtung, Osteuropa wurde als Risiko wahrgenommen. Wo ist das Pendel jetzt?

Es ist vom extremen Ausschlag etwas zurückgekommen, dann aber stecken geblieben. Mittlerweile haben die Leute begriffen, dass die Staatsverschuldung in den zentraleuropäischen Ländern, außer in Ungarn, unter 50 Prozent des Bruttoinlandsprodukts liegt und dass das Wirtschaftswachstum viel Potenzial hat. Aber Zentraleuropa steht einfach nicht im Fokus der Investoren. Da müssen wir weiter die Werbetrommel rühren.

Österreichs Unternehmen sind aber nicht nur in Zentraleuropa aktiv ...

Stimmt. Wir wollen auch die Internationalität der Unternehmen stärker berücksichtigen und auf unsere Global Champions hinweisen.

Heißt das, es wird bald einen eigenen Index für unsere Global Champions geben?

Vielleicht, aber das haben Sie gesagt.

Fekter präsentiert Nachfolger von Schenz

Ende November trat der langjährige frühere OMV-Chef Richard Schenz überraschend als Kapitalmarktbeauftragter des Finanzministeriums zurück. Auslöser war der Lizenzentzug für die Alizee-Bank, an der Schenz maßgeblich beteiligt war.

Am Montag wird nun der neue Kapitalmarktbeauftragte von Finanzministerin Maria Fekter präsentiert werden. Als einer der Kandidaten gilt der frühere Chef der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich, Ludwig Scharinger. Genannt wurde in der Gerüchteküche auch der frühere Finanzchef des Verbund-Konzerns, Michael Pistauer. Andere Manager, wie Ex-OMV-General Wolfgang Ruttenstorfer, winken auf KURIER-Nachfrage ab. Kernaufgabe des ehrenamtlichen Kapitalmarktbeauftragten war bisher die Erstellung und Weiterentwicklung des Corporate Governance Kodex. Die Wiener Börse hofft auf eine Kompetenzausweitung. Man fordert Unterstützung „vor allem „im steuerlichen Bereich“.