Wolf D. Prix neben einem Modell der EZB-Türme. Der Stararchitekt hat mit dem Bau ein Kunstwerk geschaffen, das auch Österreich Ruhm bringt.

© © Helene Waldner

Europäische Zentralbank
01/12/2015

Stararchitekt Prix schafft neues EU-Wahrzeichen

Wiener Stararchitekt errichtete die symbolträchtigen Euro-Türme. Eröffnung ist im März.

von Margaretha Kopeinig

Die mächtige EU-Institution in Frankfurt, die Europäische Zentralbank (EZB), hat ein neues, imposantes Zuhause bekommen. Im Doppelhochhaus am Main-Ufer im Osten der Stadt liegt die Schaltstelle der EU-Krisenpolitik, das "dreidimensionale Symbol der Europäischen Gemeinschaft", sagt Wolf D. Prix zum KURIER. Mit diesem Werk erreicht der Architekt genau das, was er möchte: "Denkt man an die EU, fällt einem dieses Gebäude ein. Ich schaffe damit ein Wahrzeichen, ein Symbol der Europäischen Gemeinschaft."

Der Umzug von rund 2900 Mitarbeitern in die von Prix entworfenen und von Coop Himmelb(l)au errichteten 185 Meter hohen ineinander verschlungenen Glastürme ist in vollem Gange, im Dezember fand bereits die erste Sitzung in der wohl einzig wirklichen Kathedrale des Kapitals statt. Hier wachen die Währungshüter mit EZB-Präsident Mario Draghi über den Euro, dem Realität gewordenen Symbol der europäischen Idee in den Portemonnaies von Millionen Bürgern.

Am 18. März wird Europas Notenbank offiziell eröffnet. "Österreich kann stolz darauf sein, dass ein Wiener Architekt dieses Gebäude entworfen und geschaffen hat", sagt ein hochrangiger EU-Diplomat.

Bilder: So sieht der neue EZB-Turm aus

EZB-Neubau in Frankfurt

EZB-Neubau in Frankfurt

Journalists stand in the council meeting room in t…

GERMANY NEW HEADQUARTERS OF ECB

GERMANY BANK ECB

GERMANY NEW HEADQUARTERS OF ECB

Letzte Baustellen-Führung vor EZB-Umzug

Letzte Baustellen-Führung vor EZB-Umzug

GERMANY NEW HEADQUARTERS OF ECB

GERMANY NEW HEADQUARTERS OF ECB

Prix jedenfalls hat allen Grund stolz zu sein. "Wenn ich das fertige Gebäude und die Menschen, die darin arbeiten und sich bewegen, sehe, dann denke ich, es ist uns gelungen, ein dreidimensionales Zeichen für die Europäische Union zu entwerfen und zu bauen."

Liebestürme

Der Künstler der Formensprache findet, dass die EU ein großes Manko hat. "Ihre Gebäude sind nicht identifizierbar. Sie schauen aus wie normale Gebäude, und die Europäische Union ist aber keine normale Sache."

Die EZB-Wolkenkratzer heben sich von allen anderen EU-Gebäuden und auch von allen anderen Bauten in der deutschen Finanzmetropole ab. Der Blick auf die Skyline von Frankfurt mit den zwei Türmen der Zentralbank ist schlicht atemberaubend. Am Abend leuchtet der Bau dann aus gut 20.000 Fenstern.

Kathedrale des Kapitals – diese Bezeichnung für sein Werk ist Prix zunächst suspekt. "Ich bin an und für sich ein Kapitalismuskritiker, aber eines habe ich gelernt: Geld bewegt die Welt. Wenn man das verleugnet, ist man hinten nach." Es gehe darum, "die Geldbewegungen zu steuern, aber sie nicht zu verteufeln".

Er weist zu Recht daraufhin, dass "die EZB sehr viel in der Krise getan und die EU zusammengehalten hat. Das war wirklich sehr wichtig. Wenn Kritiker angesichts dieser Leistung sagen, wir haben die Kathedrale des Kapitals gebaut, dann sind sie einäugig". Für Prix hat die EZB "noch mehr als das Europäische Parlament in der Krise getan". Er wäre sofort dafür, auch das Parlament neu zu bauen. "Gebäude, die man mit der EU in Verbindung bringt, sollten auch gedanklich positiv verknüpft sein."

Kathedrale des Kapitals

Der Begriff "Kathedrale des Kapitals" lässt den Architekten nicht los. "Das ist nicht so falsch, wenn man Kathedralen nicht negativ besetzt, sondern als Zeichen für ein Bekenntnis sieht." Zum Beispiel die Renaissance-Kathedralen: "Die Bauten der Renaissance waren identifizierbare Ikonen, die damals für Macht gestanden sind, und heute als Denkmäler verehrt werden."

Auch in Demokratien braucht es "Zeichen in Form von Gebäuden, die das Zusammenleben selbstbewusst spiegeln", ist Prix überzeugt.

Mit dem EZB-Gebäude ist ihm zweifelsohne gelungen, ein selbstbewusstes Zeichen zu setzen. "Es gibt eine Präsenz, einfach dadurch, dass es eine andere, nicht gewohnte Geometrie, verfolgt. Das ist im Übrigen das Zeichen von Symbolen und Ikonen, dass sie sich einer anderen geometrischen Form bedienen. Denken Sie an die gotischen Dome, an die Kuppeln der Renaissance, alles das dient dazu, dass man sich diese Gebäude merkt. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes merk-würdig."

Symbole & Architektur

Es gibt viele Kritiker und Skeptiker, die sagen, Symbole seien unnötig, erst recht in der Architektur. Prix wehrt sich gegen solchen Unsinn, er hält das "für eine Fehleinschätzung unseren gesellschaftlichen Selbstbewusstseins".

Der österreichische Stararchitekt hat nicht nur die äußere Form der Europäischen Zentralbank gestaltet, sondern auch im Inneren Hand angelegt. "Ich kann das schwer trennen, Architektur und Innenarchitektur." Die Möbel wurden zwar nicht vom Architekturbüro Coop Himmelb(l)au ausgesucht, vieles andere schon. "Die innere Hülle haben wir schon entworfen. Wände, Fußböden, Decken, das machen wir immer gerne. Die Möbeln überlassen wir gerne den Nutzern."

Das Heiligtum der EZB ist der zentrale Konferenzraum: Hier im 41. Stock des Südturms ringen die Währungshüter im dunklen Nadelstreif-Anzug ab nun über den richtigen geldpolitischen Kurs und über die Stabilität des Euro. Sie sitzen an einem Arena-artigen runden Tisch in zwei Reihen.

Landkarte Europas

Wenn die obersten Banker nach oben blicken, sehen sie an der Decke eine stilisierte Landkarte Europas, entworfen von Prix. Die Decke und die edlen Vorhänge sind markant. "Die Decke ist eine Abstraktion der europäischen Karte, sehr plastisch", schildert der Architekt. Das Interieur ist im eleganten Grau gehalten, die Möbel sind holzfarben.

Über die Kosten will der global tätige Architekt nicht öffentlich reden, das ist Sache der EZB. In Frankfurt geht man von 1,3 Milliarden Euro aus, geplant waren 850 Millionen Euro. Die Bauzeit wurde eingehalten. Bei der Grundsteinlegung im Jahr 2009 ging man von einem Umzug der Zentralbank 2014 aus.

Architekt, der brennt

Wolf D. Prix 1942 in Wien geboren; Studium der Architektur an der Technischen Universität Wien. Gründete 1968 mit anderen das Büro Coop Himmelb(l)au in Wien, das für extravagante formale Lösungen steht. Heute gehört das Büro zu den globalen Playern der Stararchitektur.

Akademische Laufbahn 1993–2012 war Prix Professor an der Universität für Angewandte Kunst in Wien. Lehrstühle und Gastprofessuren an den renommiertesten Universitäten der Welt (Harvard, UCLA, Columbia University New York).

Auszeichnungen Zahlreiche Preise, unter anderem den Annie Spink Award; Officier de l’ordre des arts et des lettres; Großer Österreichischer Staatspreis.

Großprojekte Musée des Confluences in Lyon (wurde vor Weihnachten eröffnet); Museum of Contemporary Art & Planning Exhibition in Shenzhen (China); Dawang Mountain Resort in Changsha (China).

Credo aus dem Jahr 1980 „Wir wollen Architektur, die leuchtet, die sticht, die fetzt ... Architektur muss schluchtig, feurig, glatt, hart, brutal, rund, zärtlich, farbig, obszön, geil ... sein. Wenn sie kalt ist, dann kalt wie ein Eisblock. Wenn sie heiß ist, dann so heiß wie ein Flammenflügel. Architektur muss brennen.“

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