Wirtschaft
09.01.2018

Deutschland soll seine Handelsüberschüsse teilen

Deutschland nimmt Kurs auf neue Exportrekorde. Überschüsse sollten sinken, auch andere Länder profitieren, betont Staatssekretär Matthias Machnig.

Der stärkere Euro-Kurs kann den deutschen Exporterfolgen offenkundig nichts anhaben: Das große Nachbarland hat im November 2017 Waren im Wert von 117 Mrd. Euro exportiert. Das ist um 8,2 Prozent mehr als im Vorjahresmonat - und um Vieles mehr, als Analysten erwartet hatten. "Der kräftigste Zuwachs seit fast drei Jahren", kommentierte das Statistikamt.

Nach Deutschland importiert wurden im November im Gegenzug Waren in Wert von 93 Mrd. Euro, somit betrug der Überschuss in der Handelsbilanz knapp 24 Mrd. Euro. Das ist zwar kein neuer monatlicher Rekordwert, aber es ist nahe dran. Von Jänner bis November 2017 hat Deutschland somit bereits einen Exportüberschuss von 227 Mrd. Euro angehäuft.

Die deutsche Industrie sieht das als Fortschritt, weil es unter dem Wert von 2016 (von Jänner bis November 231 Mrd. Euro) liegt und die Einfuhren zuletzt um 0,1 Prozentpunkte stärker gewachsen waren als die Ausfuhren. "Wir unterstreichen damit nicht nur unsere Rolle als Konjunkturlokomotive in Europa; der dadurch sinkende Außenhandelsüberschuss sollte auch den Kritikern Deutschlands etwas den Wind aus den Segeln nehmen", kommentierte Holger Bingmann, Präsident des Bundesverbandes Außenhandel (BGA), in Berlin.

Handlungsbedarf

Allerdings ist ein neuer Jahres-Rekord dank der starken Dezember-Konjunktur durchaus noch möglich. Die deutschen Export-Überschüsse stehen international heftig in der Kritik.

Deutschland profitiere überdurchschnittlich von den niedrigen Zinsen und dem vergleichsweise (für Deutschland zu) günstigen Eurokurs, der die Exporte zusätzlich anschiebt. Deutschlands Wettbewerbsstärke lasse dadurch schwächeren Volkswirtschaften kaum Raum zum Atmen - und treibe diese obendrein in die Verschuldung, weil die vielen Importe aus Deutschland schließlich auch finanziert werden müssten, lautet der Vorwurf.

Wirtschaftsstaatssekretär Matthias Machnig (SPD) räumte am Dienstag ein, dass es Handlungsbedarf gibt: Deutschland müsse mehr tun, um andere Länder von den deutschen Gewinnen im Außenhandel profitieren zu lassen, sagte er bei einer Globalisierungskonferenz des Ministeriums in Berlin. Mit mehr Investitionen und einer starken Binnenkonjunktur sollten die Handelsüberschüsse sinken. Es sei nämlich kein politisches Ziel, hohe Überschüsse zu produzieren, betonte Machnig. Er sieht darin aber einen Ausdurck der großen Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft sowie von Sonderfaktoren, wie den niedrigen Ölpreisen.

WTO ist wichtig

Die zunehmenden Abschottungen und Handelsbarrieren - etwa durch Trumps "USA zuerst"-Politik - sieht der Staatssekretär als Risiko für das deutsche Geschäftsmodell. Die Welthandelsorganisation WTO als Wächter über einen fairen Welthandel habe für Deutschland hohe Bedeutung.

Laut Gabriel Felbermayr, Handelsexperte am Ifo-Institut München, hängen 12 Millionen Arbeitsplätze in Deutschland direkt oder indirekt von den Exporten ab. Er erwartet, dass der Welthandel in den nächsten Jahren wieder stärker als die globale Produktionsleistung wachsen wird. Das war zuletzt mehrere Jahre lang ungewöhnlicherweise nicht der Fall.

Eine empirische Analyse des Zusammenhanges von Globalisierungsängsten mit dem Zulauf für populistische Parteien präsentierte die Züricher Professorin Stefanie Walter. Demnach hätten gar nicht vorrangig jene Menschen extreme Parteien gewählt, die tatsächlich zu den Verlierern der Globalisierung gehörten. Zentral seien vielmehr die Abstiegsängste der Mittelklasse und die Sorge vor einem Status- und Identitätsverlust. Die negativen Seiten der Globalisierung würden aktuell viel stärker wahrgenommen, die Gewinne fielen vielfach unter den Tisch.