Wirtschaft
08.04.2013

Sony Music Boss: „Wir sind aufgewacht“

Der Sony-Music-Boss ortet die Trendwende im Musikgeschäft, „Online funktioniert zunehmend“

Rettet die Digitalisierung den Musikmarkt? Erstmals seit 1999 wächst die weltweite Musikbranche wieder – dank der Verkäufe im Internet. Die Branche verzeichnete 2012 ein leichtes Wachstum von 0,3 Prozent auf 12,6 Milliarden Euro, der legale Verkauf von Musik über das Web macht weltweit schon 34 Prozent aus. In Indien, Japan und Kanada ist der digitale Umsatz bereits größer als der physische. Sony Music-Chef Philip Ginthör über eine Branche im Umbruch.

KURIER: Die Musikbranche wächst wieder. Warum? Philip Ginthör: Eine Trendwende. Die legalen digitalen Geschäftsmodelle sind Mainstream geworden, also Downloads und Streaming.

Es ist aber immer noch sehr einfach, Musik gratis zu hören.

Es ist aber auch deutlich einfacher geworden, legal und benutzerfreundlich an Musik zu kommen und dafür zu zahlen. In Deutschland gibt es 70 legale Download-Services, in Österreich 40. Das ist der wichtigste Ansatz im Unterbinden von illegalem Musikkonsum. Und unser Beitrag zum Branchenwachstum.

Heißt, man kann Menschen mit guten Services umlenken.

Ein gutes Angebot findet seine Nutzer, das ist in der gesamten Wirtschaft so. Wir müssen die Trends forcieren: Musik ist digital, mobil, ubiquitär. Das sind Umstände, die dazu führen, dass mehr Musik denn je genutzt wird.

Zehn Jahre lang sind die Umsätze gesunken – haben Sie die Digitalisierung verschlafen?

Nein, wir sind die Ersten, die aufgewacht sind. Die Musikbranche ist die Speerspitze der digitalen Medien. Wir haben viel gelernt, uns und unser Angebot verändert.

Das Internet wurde als Totengräber des Musikgeschäfts betrachtet, jetzt soll es Retter sein.

Das Internet ist beides nicht, sondern ein Werkzeug. Wir haben gelernt, damit umzugehen – siehe wachsende Digitalzahlen.

Apple, Samsung planen Musikplattformen. Was wird Sony tun?

Wir haben eigene Plattformen, aber unser Kerngeschäft ist der Inhalt, darauf spezialisieren wir uns. Wir sind ein Plattenlabel, schaffen mit und für Künstler Angebote. Es gibt eine große Bandbreite, wie und wo Musik konsumiert wird – die nützen wir. Digital ist wichtig, die Umsätze sind in Österreich weiter um zehn Prozent angestiegen.

Glauben Sie, gibt es die CD in fünf Jahren immer noch?

Man neigt bei Formatwechseln dazu, dem alten den absoluten Tod vorauszusagen,was nicht zutrifft. Physische Produkte wird es immer geben, der Vinylmarkt wächst sogar.

Ist YouTube Fluch oder Segen?

Darum geht es gar nicht. Fluch nur, solange die Künstler nicht entlohnt werden. Das ist in unseren Märkten bisher der Fall. Es ist nicht gut, dass Verwertungsgesellschaften bisher keinen Deal für die faire Entlohnung von Urhebern und Kreativen gefunden haben.

Wer sind Ihre wichtigsten Künstler?

Wir haben ein breites Portfolio: David Bowie, Andrea Berg, Wiener Philharmoniker. 2012 waren Bruce Springsteen und P!nk sehr erfolgreich. In Österreich ist der Kiddy Contest vorn dabei.

Wie verteilen sich die Genres?

Klassik zehn Prozent, Schlager 15 Prozent, der Rest ist Pop und Rock.

Wieso braucht ein Musiker heute überhaupt noch ein Label?

Richtig ist, dass heute jeder Musik machen und veröffentlichen kann. Das heißt nicht, dass es auch erfolgreich ist. Springsteen weiß, was er gut kann, nämlich Musik machen. Den Rest überlässt er seinem Label.

Wird in Österreich Musik genug gefördert?

Es gibt zumindest eine Musikförderung, das ist im Vergleich zu anderen Ländern nicht schlecht. Österreich ist ein gutes Pflaster, nicht zuletzt, weil Musik hier eine große Geschichte hat. Wir sind immer noch die Welthauptstadt der klassischen Musik.

Sind Casting-Shows Geschichte?

Das kommt auf die Innovationskraft des Formats an. Die bestehenden Modelle haben ihren Zenit erreicht.