Wirtschaft
25.09.2013

Gutes tun und Geld verdienen

Jung und selbstständig: Sie wollen nachhaltig leben und produzieren.

Im Auslagenfenster spiegelt sich der Sparkassaplatz. Der nette, heute recht ruhige Ort in Wien 15 war bisher nicht unbedingt als Tummelplatz für soziale und kulturelle Innovationen bekannt.

Philipp Blume, Gründer der Papertown, und Erika Büttner, Betreiberin der Lichtfabrik, sind gerade dabei, dies zu ändern.

Die beiden sind Vertreter einer jungen Generation, die sich nicht länger mit Praktika zum Nulltarif abspeisen lassen mag, die aber auch nicht tatenlos zusehen will, wie sich ein Teil der Welt zu Tode konsumiert. Diese Generation eint vor allem die Idee, dass man auch gut leben und gutes Geld verdienen kann, wenn man den Planeten nicht komplett zerstört.

Theater in Bogota

Büttner und Blume haben bereits einiges von der Welt gesehen. Gemeinsam sind sie durch Südamerika getrampt, zwischen Bogota und Buenos Aires haben sie Straßentheater gespielt.

„Unsere Bühne musste billig, flexibel und leicht zu transportieren sein“, erzählt die Kulturschaffende. „Die Kartons, die wir auf der Straße aufgesammelt haben, waren ideal“, ergänzt der Architekt. Schon während des Studiums ist ihm aufgefallen: „Karton ist nicht nur ein gutes Verpackungsmaterial, sondern auch ein feines, weil extrem flexibles Baumaterial.“

Zurück in Wien, hat Blume ein Jahr lang Bühnenbilder für ein Musikfestival im Ostklub gebaut. Dann kamen erste kommerzielle Anfragen. Heute baut er in der Papertown am Sparkassenplatz Messestände, Büromöbel und Dekors aus Papier.

Mit der Stadt aus Papier ist auch die Lichtfabrik verbunden. Dort bietet Erika Büttner Auftrittsmöglichkeiten für junge Künstler, denen sonst nirgendwo eine eigene Bühne geboten wird.

Wirtschaften in Wien

Blume und Büttner sind Mitglieder von The Impact Hub Vienna (siehe unten). Dort kann man auch den 24-jährigen Berliner Paul Kupfer treffen. Gemeinsam mit seinen Studienkollegen Georg Tarne und Bernardo Saorin hat er eine neue Marke, Soulbottles, kreiert. Ihre Idee: Warum cool bedruckte T-Shirts in New York bestellen und teures Mineralwasser aus PET-Flaschen konsumieren? Warum nicht besser Hochquellwasser aus coolen Glasflaschen trinken?

Über Crowdfunding haben sie im Frühjahr die erste Kleinserie finanziert – eine kleine italienische Glashütte liefert ihnen nun die souligen und doch so stabilen Flaschen. Kupfer erzählt: „Die Suche nach einem Hersteller, der in seinen Glasflaschen mehr sieht als nur Altglas, hat lange gedauert. Bis auf die Italiener hat niemand unsere Anfrage verstanden.“

Das Spektrum im Wiener Hub reicht von Industriedesignern bis hin zu Improvisationskünstlern, von ehemaligen Geschäftsführern in Konzernen und Bankern, für die Geld nicht mehr alles im Leben ist, bis hin zu jungen, sehr aktiven NGO-Aktivisten.

Spielerisch lernen

Am Nebentisch von Paul Kupfer sitzt Lena Robinson, nicht verwandt und nicht verschwägert mit dem Londoner Hub-Gründer. Robinson hat Anthropologie studiert. Auch auch sie will nicht untätig zusehen, wie die einen nur arbeiten und die anderen immer reicher werden.

Die 26-jährige Grazerin hat zuvor im Tourismus-Marketing und Kultur-Management gearbeitet. Heute ist sie für die Hub-Pressearbeit zuständig. Darüber hinaus arbeitet Robinson auch für die Three Coins GmbH.

Die Idee für die Drei-Groschen-Gesellschaft kam von einer Juristin und einem Game-Designer. So unterschiedlich deren Berufe, so eindeutig ihre Projektidee. Robinson: „Wir entwickeln ein Online-Spiel, das 14- bis 19-Jährigen den Umgang mit Geld näherbringen soll, ausgehend von der Beobachtung, dass bei immer mehr jungen Menschen allzu schnell die Schuldenfalle zuschnappt.“

Spannend auch die Geschichte von Talia Radford: Sie hat das Industrial-Design-Studio taliaysebastian mitbegründet und entwickelt ausgeklügelte Design-Konzepte, um umweltschonende und sozial verträgliche Technologien einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Ihr bisher bester Kunde: ein Leuchten-Konzern.

Ansichten von unterwegs: KURIER-Redakteur Uwe Mauch bloggt Tag für Tag, was er unterwegs erlebt.

Ausgewählte Start-ups im Hub Vienna

Papertown

Three coins

Soulbottle

Talia Radford

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Technik & Basteln

The Impact Hub Vienna in Wien 7

The Impact Hub Vienna verbirgt sich in einem Gründerzeit-Haus in Wien 7. Das Großraum-Büro ist zeitgemäß, stilsicher, gemütlich eingerichtet. Dessen ungeachtet geht es an den Tischen rundum um viel. Ums Ganze.

Dort konzipieren, kalkulieren, diskutieren in der Mehrzahl junge Leute: Social Entrepreneurs. Freier übersetzt: Findige Selbstständige, die die Überzeugung eint, dass Jammern nichts bringt und dass sich gutes Geld auch mit ökologisch nachhaltigen, sozial verträglichen Projekten verdienen lässt.

Mitten drinnen Alexis Eremia, eine top ausgebildete Bankerin, die ihren Glauben an den Gott der Gewinnmaximierung schon während ihres Studiums verloren hat. Und die mit der Umkehr der herrschenden Verhältnisse in Wien für Aufsehen sorgt.

Vor drei Jahren hat Eremia mit ihren Kollegen Matthias Reisinger, Sarah Stamatiou und Hinnerk Hansen die Wiener Hub-Filiale eröffnet. The Hub (deutsch: der Angelpunkt) ist ein weltweit aktives Netzwerk, das Jonathan Robinson im Jahr 2005 in London gegründet hat. Der Anthropologe wollte nicht zusehen, wie kluge Köpfe mit ihren Ideen isoliert voneinander vor sich brüten.

Das Netzwerk bietet allen, die der Welt Gutes tun möchten, ein Dach über dem Kopf – und Tische, an denen sie sich gegenseitig unterstützen können. Hubs gibt es heute in vielen großen Städten der Welt, auf allen fünf Kontinenten sowie in Australien.

Das Wiener Hub zählt 300 Mitglieder. Eremia blickt sich zufrieden um. Dann sagt sie: „Die Finanzkrise hat auch dazu geführt, dass sich unsere Generation aus den üblichen Zwängen befreit.“ Die Bankerin hilft bei der Budgetierung und Planung von Erfolg versprechenden Unternehmen.