Wirtschaft 06.02.2017

Schweizer Bankgeheimnis: "Das System hat gewonnen"

Ex-Banker auf Cayman Islands: Rudolf Elmer © Bild: Kurier/Juerg Christandl

Interview mit Whistleblower Rudolf Elmer. Er kämpft seit 12 Jahren gegen Bank und Justiz – und wurde straffällig.

KURIER:Sie polarisieren sehr. Wie sehen Sie sich selbst? Als Held, Opfer, Krimineller oder einfach als Durchgeknallter? In Wien würde man sagen, Sie sind ein Gfrast.

Rudolf Elmer: Ich weiß nicht, was ein Gfrast ist, aber ich sehe mich als Aktivist, Familienvater, Opfer, Whistleblower und jemand, der gegen das Gesetz verstoßen hat.

Mit ihrer Drohung, mit Neonazis zu kooperieren und Ihrem gefälschten Brief an Angela Merkel haben Sie sich Ihre Glaubwürdigkeit genommen. Das ist absolut richtig. Aber Sie müssen die Umstände sehen. Meine Familie und ich wurden im Auftrag der Bank von bis zu zwölf Privatdetektiven gestalkt und ich erhielt Droh-Mails. Die Schweizer Polizei hat sich nicht dafür interessiert. Das Stalking ging über zwei Jahre. Meine Tochter wollte nicht mehr in den Kindergarten, sie hatte Angst. Ich wurde paranoid mit schweren posttraumatischen Belastungsstörungen. Ich wollte aus allem rauskommen. Daher habe ich diese Art von Selbstjustiz gemacht. Ich war auch soweit, Selbstmord zu begehen; wusste aber, dass ich das meiner Frau und meiner Tochter nicht antun kann.

Trotzdem, Ihr Vorgehen war kriminell.

Ich habe Fehler gemacht, dazu stehe ich. Aber das kam aus einer Notlage heraus.

Haben Sie sich an der Bank gerächt, weil Sie bei einer Beförderung übergangen wurden?

Nein. Meine Wut kam aus dem Vertrauensverlust gegenüber dem Management. Ich war Compliance und Chief Operating Officer und wusste nicht, was vor sich ging.

Sie haben mit dem Merkel-Brief auch Wikileaks geschadet.Natürlich habe ich Wikileaks geschwächt, das war ein Fehler und das würde ich heute nicht mehr machen. Wikileaks hätten die sprachlichen Fehler in dem Brief auffallen müssen, trotzdem wurde er publiziert. Wikileaks ist die einzige Organisation, die unzensuriert publiziert. Da sitzen 16-, 17-Jährige, die die Daten anschauen.

Ihren großen Auftritt hatten Sie 2011 bei der Übergabe von zwei Daten-CDs an Wikileaks-Gründer Assange. Auf den CDs war aber nur Musik?

Stimmt. Ich hatte damit gerechnet, dass die britische Polizei die CDs mitnimmt.

Haben Sie Wikileaks überhaupt jemals Daten übergeben?

Nein, die Daten sind bis heute bei meinem Vertrauten in London sichergestellt. Das sind Daten, die mir 2008 zugespielt wurden, und nicht Daten, die ich aus der Bank mitgenommen habe.

Was haben Sie aus der Bank mitgenommen?

Ein Backup (Sicherungskopie), das ich aus Sicherheitsgründen täglich mit nach Hause nehmen musste. Das war mit der Bank vereinbart und gängige Praxis. Ich sandte das Backup anonym an die Schweizer Steuerverwaltung und später namentlich an die Bundes-Staatsanwaltschaft. Zehn Tage später kam die Absage. Ich kooperierte dann mit deutschen, englischen und US-Steuerbehörden.

Mit welchem Ergebnis?

Ich weiß es nicht und will es auch nicht wissen. Es gibt das Steuergeheimnis und das ist in Ordnung so. Die Steuerbehörden in den USA untersuchen noch. Es geht um prominente Unternehmen und Personen in der Schweiz, den USA, Spanien, Griechenland und Indien. Offshore-Konstrukte sind grundsätzlich legal. Aber was damit gemacht wird, geht ins Illegale – wenn Aktiengesellschaften Geldwäsche oder Steuerbetrug betreiben und die wirtschaftlich Berechtigten verschleiern.

Dabei hat die Bank mitgeholfen?

Ja, bei Steuerbetrug aktiv. Geldwäsche kann ich nicht beurteilen.

Was haben Sie bewirkt? Ihre persönliche Bilanz ist die eines Verlierers. Kein Job, U-Haft, Druck auf die Familie und 350.000 Franken Kosten. Das Schweizer Bankgeheimnis wird in Frage gestellt, Wikileaks wurde bekannt. Mein Fall wurde zum Beispiel gemacht, was jedem Schweizer Banker passiert, wenn er an die Öffentlichkeit tritt. 12 Jahre Verfahren und der finanzielle und soziale Tod. Ich war wegen des Vorwurfs, das Schweizer Bankgeheimnis gebrochen zu haben, 217 Tage in Winterthur in Untersuchungshaft. In Isolationshaft, 23 Stunden am Tag allein in der Zelle, nur mit mir. Das System hat gewonnen. Das Bankgeheimnis besteht noch und der Strafrahmen wurde auf fünf Jahre verschärft. Auf den British Virgin Islands sind es sogar 20 Jahre.

Aber die Schweiz hat doch das Bankgeheimnis gelüftet. Wer 50.00 Franken anlegt, hat Angst vor dem Informationsaustausch. Aber man kann nicht alle Schlupflöcher stopfen. Die Schweiz unterwandert die Gesetze anderer Länder mit der Macht des Kapitals.

Wozu jetzt der Kino-Film?Er soll die Geschichte des Schweizer Bankgeheimnisses zeigen. Dazu braucht es ein Gesicht und dafür ist die Elmer-Geschichte gut. Es geht nicht um den Fall Elmer, sondern um den Fall ,Schweizer Bankgeheimnis’. Die Bürger sollen verstehen, wie das System funktioniert. Ich war in acht Offshore-Centers und weiß, wie es auf den Cayman Islands zugeht. Das ist eine ganz andere Welt. Da verschwinden plötzlich auch Banker.

Der Globalisierungskritiker und Autor Jean Ziegler unterstützt Sie sehr?

Er hat sich auf meine Seite gestellt. Ich finde es beeindruckend, mit welcher Weisheit dieser Mann vor 25 Jahren das Buch "Die Schweiz wäscht weißer" schrieb.

Würden Sie sich wieder mit dem System anlegen?Ja, aber ich würde es geschickter machen. Mit Blick auf meine Familie würde ich anonym handeln. Ich fühle mich meiner Tochter und meiner Frau gegenüber schuldig. Ich hatte die Wahl, aber sie hatten keine Wahl.

Offshore-Banking: Der Kino-Film über den Fall Elmer

Der ehemalige Wirtschaftsprüfer Rudolf Elmer, 61, arbeitete fast zwei Jahrzehnte für die Schweizer Privatbank Bank Julius Bär. Von 1994 bis zu seiner Entlassung 2002 jobbte er bei der Julius Baer Bank & Trust Company auf den Cayman Islands, zuletzt in leitender Funktion.

Elmer warf der Bank vor, über Offshore-Konstruktionen Millionen für ihre Kunden und das Institut selbst an der Schweizer Steuerbehörde vorbei zu schleusen. Er besaß Sicherungskopien von Kundendaten. Die Bank warf ihm "mit krimineller Absicht begangenen Diebstahl" vor. Nach seiner Entlassung sandte er Dokumenten an Medien, worauf die Bank – so seine Darstellung – Detektive auf ihn und seine Familie ansetzte. Elmer wurde wegen des Verdachtes, das Schweizer Bankgeheimnis gebrochen zu haben, 217 Tage in Untersuchungshaft genommen.

In der Schweiz galt Elmer als Nestbeschmutzer, die Wikileaks-Fans feierten ihn als Aufdecker. Der unerbittliche Rechtsstreit mit der Bank und der Schweizer Justiz dauert bis heute an.

Im Sommer 2016 wurde Elmer vom Zürcher Obergericht in zweiter Instanz vom Vorwurf freigesprochen, er habe das Schweizer Bankgeheimnis verletzt. Das Obergericht kam zum Schluss, der Offshore-Banker konnte das Schweizer Bankgeheimnis gar nicht brechen, weil er nicht Angestellter in der Schweiz, sondern auf Cayman war. Die dortigen Ermittlungen wurden eingestellt.

Wegen Drohung, versuchter Nötigung und Urkundenfälschung wurde Elmer jedoch zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 14 Monaten verurteilt. Er hatte Wikileaks einen von ihm selbst gefälschten Brief der Bank an die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel zugespielt. Beide Urteile sind nicht rechtskräftig. Von der Bank hatte Elmer 700.000 Franken in einem Vergleich erhalten, muss aber 350.000 Franken an Gerichtskosten übernehmen. Der Richter wurde in Justizkreisen kritisiert, weil er nach der Urteilsverkündung bemerkte, Elmer sei "kein Whistleblower, sondern ein ganz gewöhnlicher Krimineller".

Der Film läuft am 10. Februar in sieben österreichischen Kinos an und wurde mit 250.000 Franken vom Schweizer Bundesamt für Kultur finanziert. Sponsoren der Doku des eidgenössischen Filmemachers Werner Schweizer sind auch ein Schweizer TV-Sender und die gemeinnützige Göhner-Stiftung.

Elmer hat keinen Job, seine Frau sorgt für das Familieneinkommen. Der Ex-Banker schreibt Bücher und hält Vorträge.

Rudolf Elmer
Interview mit den Whistleblower Rudolf Elmer am 6.2. 2017 in Wien © Bild: Kurier/Juerg Christandl
( kurier.at ) Erstellt am 06.02.2017