Wirtschaft
09.03.2012

Schweiz: Große Angst vor zu viel Ferien

In einer Volksabstimmung am Sonntag dürfte sich die Mehrheit gegen sechs Wochen Mindesturlaub entscheiden.

Zwei Wochen mehr Mindesturlaub pro Jahr, festgeschrieben in der Verfassung – eine Volksabstimmung über diese Frage wäre in vielen Ländern wohl eine klare Angelegenheit. Nicht so in der Schweiz. Dort muss die Initiative "Sechs Wochen Ferien für alle" am Sonntag mit einer Abfuhr durch die Stimmbürger rechnen. In einer Umfrage Ende Februar sprachen sich jedenfalls 63 Prozent der Befragten gegen die scheinbar unschlagbar populäre Forderung aus. Und die Gegner machen massiv Stimmung.

Dabei führen die Initiatoren vom Gewerkschaftsdachverband Travail Suisse, die mit mehr als 100.000 Unterschriften die Abstimmung erzwungen haben, sehr emotionale Gründe für ihre Forderung an: Der immer höhere Wettbewerbsdruck in der globalisierten Wirtschaftswelt mache die Arbeitnehmer körperlich und psychisch krank. Arbeitsstress und Überlastung würden jährliche Folgekosten von umgerechnet 8,3 Milliarden Euro verursachen, die sich durch mehr Ferien senken ließen. "Time-out statt Burn-out", lautet ihre Devise.

Argumentiert wird auch mit größerer Fairness: Derzeit liegt der gesetzliche Mindesturlaub in der Schweiz bei vier Wochen. Durchschnittlich werden den Arbeitnehmern zwar fünf Woche gewährt, davon profitieren aber vor allem Besserverdiener und Leute in gehobenen Positionen. Deshalb soll – so die Forderung – der Mindesturlaub für alle sofort auf fünf Wochen und dann zwischen 2013 und 2018 um einen Tag pro Jahr auf sechs Wochen angehoben werden.

Nein-Kampagne

Während Sozialdemokraten und Grüne die Initiative unterstützen, haben Arbeitgeber und alle bürgerlichen Parteien, Regierung und Parlament eine Ablehnung empfohlen. Sechs Wochen Ferien würden jährlich fünf Milliarden Euro zusätzlich kosten, die ohnehin hohen Arbeitskosten in die Höhe treiben und die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz gefährden.

"Mehr Ferien = weniger Jobs", lautet der griffige Slogan der Gegner. Sie haben Millionen Franken in eine flächendeckende Plakat-Kampagne gesteckt. Und auch wenn die Gewerkschaft gegen die "Angstmacherei" wettert, die Argumente fallen auf fruchtbaren Boden.

Zwar liegt die Arbeitslosigkeit in der Schweiz bei sensationell niedrigen 3,4 Prozent, trotzdem gehört die Angst um den Job zu den Top-3-Sorgen der Eidgenossen. Die anhaltende Stärke des Franken setzt viele Export-Betriebe unter Druck, es gab schon Entlassungen. Und so mancher Unternehmer denkt laut über eine Abwanderung ins Ausland nach.

Dazu kommt die Befürchtung vieler Arbeitnehmer, dass die zusätzlichen Ferienwochen nicht durch mehr Mitarbeiter ausgeglichen werden könnten. Dieselbe Arbeit müsste dann in weniger Zeit erledigt werden – und das erhöhe den Stress. Schon mehrmals haben die von calvinistischem Arbeitsethos geprägten Schweizer Anläufe zur Reduktion ihrer Arbeitszeit abgelehnt: 1985 stimmten sie gegen die Verlängerung der bezahlten Ferien, 1988 gegen die Herabsetzung der Arbeitszeit auf 40 Stunden, 2002 gegen die 36-Stunden-Woche. Die Folge: Europaweit haben nur die Niederländer so wenig freie Tage wie die Schweizer.

Mindesturlaub: Der Europa-Vergleich

Spitzenreiter Laut einer Studie des internationalen Beratungsunternehmens Mercer aus dem Jahr 2009, die gesetzliche Mindesturlaubs- und Feiertagsregelungen in mehr als 40 Ländern vergleicht, liegen Finnen, Franzosen und Russen mit insgesamt 40 freien Tagen pro Jahr an der Spitze. Knapp gefolgt von Österreich und Malta mit 38 sowie Griechenland mit 37 Tagen.

Schlusslichter Am Ende der Skala rangieren Rumänien, Belgien und Deutschland mit 30 Ferien- und Feiertagen, die Schweiz und Irland mit 29, die Niederlande mit nur 28 Tagen.

Sonderfall USA Es gibt keine gesetzlich festgelegte Mindestzahl von Urlaubstagen. Im Schnitt haben Angestellte 15 Tage pro Jahr frei.