Wirtschaft
26.03.2017

Schelling als Top-Favorit für den Euro-Chef

Österreichs Finanzminister hat beste Chancen. Niederländer Dijsselbloem muss gehen, spanischer Konkurrent winkt überraschend ab.

Die Tage von Jeroen Dijsselbloem als Chef der Euro-Gruppe sind gezählt. Nach dem dramatischen Stimmenverlust bei der Parlamentswahl haben die niederländischen Sozialdemokraten angekündigt, in die Opposition zu gehen. Sobald die neue Regierungskoalition in den Niederlanden steht, was sich noch bis Anfang Sommer hinziehen könnte, ist der 50-Jährige seinen Job als Finanzminister los. Und damit auch den Vorsitz der Euro-Gruppe – ein Job, der seit der Schuldenkrise in Europa enorm an Bedeutung gewonnen hat.

Das Match um die Nachfolge ist eröffnet. Seit einigen Tagen wird Hans Jörg Schelling (ÖVP) in EU-Kreisen als möglicher Nachfolger gehandelt. Am Rande des EU-Jubiläumsgipfels in Rom verdichteten sich jetzt die Spekulationen, dass erstmals ein Österreicher diese einflussreiche und prestigeträchtige Position übernehmen könnte.

Bis vergangenen Dienstag galt Spaniens Finanzminister Luis de Guindos als logischer Nachfolger. Er hatte 2015 bei der Abstimmung der Euro-Minister gegen den Niederländer verloren. Doch in kleiner Runde im Vorfeld zum Ecofin ließ der konservative Spanier nun mit der überraschenden Bemerkung aufhorchen, er werde sich nicht für den Job bewerben. De Guindos spitzt angeblich auf den Vize-Gouverneur der Europäischen Zentralbank (EZB).

Schelling hat tatsächlich gute Karten. Er ist in Brüssel gut vernetzt und gilt als verlässlicher Vermittler in Krisensituationen (Stichwort Griechenland), der eine klare Stabilitäts-Linie verfolgt. Als Chef der FTT-Gruppe, die um die Einführung der Finanztransaktionssteuer kämpft, wird Schelling hervorragende Arbeit attestiert. Vor allem der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) soll Schelling kräftig unterstützen.

Doch die Konkurrenz schläft nicht. Sozialdemokraten sollen in den EU-Institutionen stärker vertreten sein und als Alternative wird der slowakische Finanzminister Peter Kazimir genannt. Der Sozialdemokrat hat allerdings wegen der harten und populistischen Haltung seiner Partei in der Flüchtlingskrise nicht allzu viele Sympathien. Als sein Name erstmals kursierte, twitterte Kazimir umgehend: "Natürlich schmeichelhaft".

Personalia in Brüssel sind sehr kompliziert und dürfen nie isoliert gesehen werden. Gegen den Euro-Gruppen-Vorsitz von Schelling könnte womöglich sprechen, dass der Österreicher Thomas Wieser, SPÖ, Chefkoordinator der Euro-Gruppe ist. Zwei Österreicher an der Spitze wären dann doch zu viel, wenden Insider ein.

Dieses Problem könnte sich allerdings lösen. Obwohl ein hervorragender Experte, dürfte Wieser nicht mehr verlängert werden. Österreichs ranghöchster Beamter in Brüssel soll es sich mit der EU-Kommission verscherzt haben. Weshalb Wieser im Poker um die Nachfolge von Nationalbank-Gouverneur Ewald Nowotny (SPÖ), die 2018 entschieden werden muss, ins Spiel kommt.

Und Schelling selbst? Kenner des Ministers meinen, dass ihn eine derartige Herausforderung durchaus reizen würde. Der Vielarbeiter hat freilich jetzt schon ein Kapazitäts-Problem. Ohne einen Staatssekretär als Unterstützung oder eine Gesetzesänderung, dass sich Schelling im Parlament vertreten lassen kann, wäre der Job schwer zu machen. Dafür bräuchte Schelling aber die Unterstützung der SPÖ.