Wirtschaft
18.10.2017

Samsonite Europa-Chef: "Made in Europe immer wichtiger"

Samsonite-Europa-Chef Arne Borrey erklärt, warum er ein neues Werk ausgerechnet in Ungarn gebaut hat.

Das größte Reisegepäckunternehmen der Welt, Samsonite, eröffnete unlängst ein neues Werk im Süden Ungarns. 750 Mitarbeiter stellen hier zum Teil in traditioneller Handarbeit Hartschalen-Koffer aus Polypropylen (sog. Curv, siehe Bild oben) her. Der KURIER war bei der Eröffnung der 20.000 Quadratmeter großen Fertigung mit Samsonite-Europa-Präsident Arne Borrey dabei.

KURIER: Samsonite hatte bis jetzt zwei Werke in Europa – in Belgien und Ungarn. Jetzt haben Sie ein neues Fertigungswerk in Szekszárd eröffnet. Was macht Ungarn so attraktiv für einen Weltkonzern?

Arne Borrey: Der Koffermarkt und der Reisegepäck-Markt sind im Wachstum. Und man muss sich als Unternehmen entscheiden: Entweder man investiert in neue Werke oder kauft bei Herstellern zu. Uns war wichtig, in eigenen Werken zu verarbeiten. Und wir sind auch davon überzeugt, dass wir in Europa produzieren müssen.

Warum?

"Made in Europe" wird immer wichtiger, die Konsumenten verlangen geradezu danach. Denn was "Made in Europe" ist, ist hochwertig in Kapital und Skills. Wir haben in Ungarn zudem die richtige Unterstützung von der ungarischen Regierung bekommen. Alles in allem war es eine Standort-Entscheidung, die ziemlich einfach war.

Welche Rolle spielte bei der Entscheidung das niedrige Lohnniveau?

Wir brauchen in erster Linie gute Arbeitskräfte. Ob wir unsere Kapazität erfüllen können, hängt also davon ab, ob genügend Manpower verfügbar ist. Im Moment haben wir 750 Leute, wir hätten gerne 800. Diese 50 zu finden, ist aber nicht einfach. In der Region um Szekszárd leben nicht so viele Menschen. Die ungarische Regierung hilft uns also mit verschiedenen arbeitsmarktpolitischen Initiativen dabei, geeignete Mitarbeiter zu finden. Wir sind nicht die Einzigen, die das Problem haben. Viele andere Firmen tun sich auch schwer.

Ungarn hat den niedrigsten Unternehmenssteuersatz innerhalb der EU – die Körperschaftssteuer liegt bei neun Prozent.

Sicher, auch das kann ein Grund sein, warum man sich hier niederlässt. Ich sagen Ihnen aber, warum wir das Werk nicht zum Beispiel in Österreich gebaut haben. Es gibt dort nicht das richtige Wissen, um unser Produkt herzustellen. Es gibt in Österreich niemanden, der solche Näh-Kenntnisse hat.

In Ungarn schon?

Wir haben das erste Werk in Ungarn 1989 gekauft, damals hat man hier noch Handschuhe gefertigt. Die Menschen hatten also Nähkenntnisse und beherrschten den Umgang mit ähnlichen Materialien. Wir haben somit auch Know-how einkauft. Heute ist dieses Know-how in zweiter, dritter Generation immer noch da. In Österreich ist es verschwunden.

Kommen wir zum Koffer-Markt: Nach den 9/11- Anschlägen ging der Koffer-Umsatz weltweit zurück – die Menschen hatten Angst zu reisen. Wirken sich die Anschläge unserer Zeit ebenfalls auf unser Reiseverhalten aus?

Ich glaube, die Menschen nehmen 9/11 anders wahr als das, was wir heute erleben. Leider ist in der Gesellschaft eine Art Gewöhnungseffekt eingetreten. Die asiatischen und chinesischen Besucher sind sehr empfindlich, was das Thema betrifft. Sie kommen nach Europa um einzukaufen und fahren natürlich vor allem dorthin, wo keine Gefahr besteht. Nach Wien zum Beispiel. Wir beobachten, dass Wien immer wichtiger für uns wird. Der Samsonite-Laden Neuer Markt in der Innenstadt ist einer der besten in ganz Europa.

Was ist dort gerade Ihr Bestseller?

Die "Curv"-Koffer. Das ist unser weltweites Nummer eins Produkt.

Sieht man sich Ihre Homepage an, liest man hauptsächlich von "Bleisure" – man verbindet Business und Leisure, Geschäftliches mit Freizeit. Der neue Reisetrend?

Absolut. Der Herbst ist außerdem die Return-to-Business-Zeit. Die Leute kehren nach dem Urlaub zurück und denken wieder ans Geschäft.

Vor wenigen Jahren wollten alle weiche Koffer, jetzt sieht man fast nur noch Hartschalen.

Früher waren Hartschalen kompliziert, das Material war einfach zu schwer. Durch die Innovationstechnologien ist das besser geworden. Der "Curv" etwa wiegt nur zwei Kilo – man kann also acht Kilo einpacken und ihn als Handgepäck im Flieger mitnehmen.

Die Hartschalen werden alle in Belgien und in den zwei ungarischen Werken produziert. Die weichen Koffer lassen Sie aber in Asien produzieren. Warum?

Weichgepäck haben wir komplett ausgelagert, die Produktion ist zu 100 Prozent in Asien.

Ist da "Made in Europe" nicht so wichtig?

Gute Frage. Ist schon wichtig. Aber ich komme zurück zu diesem Punkt: Gibt es in Europa noch das Know-how, um Weichgepäck herzustellen? Die Antwort ist nicht einfach. Wir suchen dieses Know-how noch.

Mehr Reisende, höhere Umsätze

Die Samsonite International S.A.-Gruppe zeigt in ihrer aktuellen Halbjahresbilanz ein beachtliches Umsatzwachstum: Zwischen Jänner und Juli 2017 waren es weltweit 1,58 Milliarden US-Dollar – das ist eine Steigerung von 31,8 Prozent zum ersten Halbjahr 2016. Verantwortlich dafür ist vor allem die Luxus-Marke Tumi, die die Verkaufszahlen im Business-Reise-Bereich hochtreibt. Erst im Mai übernahm die Gruppe um 105 Mio. Dollar „eBags“, um im E-Commerce-Bereich stärker zu werden. In das neue Werk in Ungarn investiert Samsonite sieben bis elf Mio. Euro, die ungarische Regierung unterstützt den Standort mit 2,8 Mio. Euro.