Wirtschaft
24.12.2012

Rothensteiner: "Hausbank ist gut"

Raiffeisen-Boss Rothensteiner über Spekulation und die Lage in der Bankenwelt.

KURIER: Banker sind die Buhmänner der letzten vier Jahre. Wie oft müssen Sie sich wegen Ihres Berufs verteidigen?
Walter Rothensteiner: Nicht übertrieben oft. Aber ich ärgere mich über vieles, was man da hört. Deshalb rede ich lieber von der Hausbank. Weil: Bank ist böse, Hausbank ist gut. Verteilt aber die Citibank einen zu hohen Bonus an ihre Mitarbeiter, dann werden auch wir geschimpft.

Wenig verdienen auch österreichische Banker nicht.
Eh nicht, aber international verdient man viel mehr.

Auch österreichische Banken haben bei Spekulationsgeschäften Geld verloren.
Aber weniger als andere; zum Teil deswegen, weil wir das Geld für Investitionen in Osteuropa gebraucht haben. Für die Deutschen war das nicht so interessant, daher haben sie andere Möglichkeiten gesucht, Geld zu investieren. Wir hatten da Glück mit einem neuen Markt direkt vor der Haustüre.

Österreichische Banken hätten genauso aggressiv spekuliert wie die Deutsche Bank, wenn man das Geld nicht für Ost-Investments gebraucht hätte?
Nein. Wir sind da einfacher gestrickt und haben gesagt: So ein hochkomplexes Geschäft wollen wir nicht machen. Bis 2007/’08 hat ja niemand damit gerechnet, dass diese Geschäfte nicht positiv weitergehen. Damit sind dann auch Salzburg und Linz eingefahren.

Die Banken müssen wieder spießiges Kundengeschäft in den Vordergrund stellen?
Ich würde nicht sagen spießig. Wir leben seit 125 Jahren davon.

Damit verdient man im Moment aber nichts.
Wir leben normalerweise von einer Spanne zwischen Kreditzinssatz und Einlagenzinssatz, der momentan aber gegen null tendiert. Dadurch kommen alle unter Druck.

Wo verdienen Banken noch ?
Wenn einer unserer Kunden eine Anleihe auflegt, arrangieren wir das und verdienen daran. Wir müssen also schauen, dass der Kunde mehr Produkte kauft und nicht nur einen Kredit hat.

Aber die Kunden haben Sie doch in den vergangenen Jahren aus den Filialen hinaus ins Internet vertrieben. Wer schon im Netz ist, kann auch gleich zu einer Internetbank wechseln.
Es kommt der Zeitpunkt, wo jemand ein Haus finanzieren will oder mit einer Rate im Rückstand ist. Und wenn er dann der Internetbank sagt, jetzt kann ich leider nicht zahlen, dann schau’ ich mir die Reaktion an. Da ist er schnell wieder zurück bei seiner Hausbank. Internetbanking hat für uns den Vorteil, dass etwa ein Mühlviertler Student nach Wien geht, aber trotzdem sein oberösterreichisches Raiffeisen-Konto behält. Das haut schon hin.

Die Bank Austria will Filialen schließen. Sie auch?
Wir sind ja Gott sei Dank kein Konzern, wo in Mailand entschieden wird, was in Wien passiert.

Wo ist die Grenze zwischen guter und böser Spekulation?
Im Grunde geht es darum: Wo kann ich das Risiko für mich und den Kunden noch akzeptieren? Beispiel Fremdwährungskredite: Kunden mit ausreichend Geld können sich in Schweizer Franken verschulden, so viel sie wollen. Spekulation hingegen ist, wenn Leute einen Kredit in Schweizer Franken nur nehmen, weil sie ihn in Euro nicht bedienen können. Das kann aber nur der Mitarbeiter am Schalter beurteilen.

Und was ist, wenn der Kunde ein Bundesland wie Salzburg ist?
Das waren Gott sei Dank nicht wir, und über die Konkurrenz will ich nicht reden. Vier, fünf Jahre ging es ja gut – dann kam die Krise, und es ging in die Gegenrichtung. Was mich wundert, ist, dass man bis heute nicht weiß, um wie viel Euro sie unter Wasser sind. Bei manchen Geschäften hat Salzburg verdient – das sagt aber keiner. Manches war ja auch richtig veranlagt.

Die Landesbedienstete Monika R. hat also noch Chancen, von einer Bank wegen ihrer Begabung im Finanzgeschäft abgeworben zu werden?
Das ginge dann doch zu weit. Wie man hört, soll sie ja auch Unterschriften gefälscht haben.

Welche Schritte müsste Salzburg jetzt setzen?
Zuerst jeden einzelnen Kontrakt anschauen, wo er heute steht. Dann saldieren, was im Plus und was im Minus ist. Bei Negativem überlegen: Bleibt man drinnen, weil eine Hoffnung auf Besserung besteht. Bei düsterer Aussicht aussteigen.

Schuh-Erzeuger Heini Staudinger, der sein Geschäft nicht mit einem Bankkredit, sondern mit Kunden-Einlagen finanziert, wird als Held gefeiert. Was halten Sie davon?
Er schafft in einer wirtschaftlich schwierigen Region Arbeitsplätze und ist offenbar ein Marketing-Genie. Aber ich kenne seine Bilanz nicht. Hätte er eine Genossenschaft gegründet, hätte sich ein legaler Weg aufgetan. Ich habe für die Finanzmarktaufsicht ein gewisses Verständnis. Weil, wenn irgendetwas schief geht, steht mit Sicherheit einer von den Anlegern da und fragt: Wo war die FMA?

Aber die Menschen denken, man jagt den Staudinger und nicht die Banken, die alles falsch gemacht haben.
Dagegen muss ich mich jetzt wehren: Ungefähr sechs Prozent der österreichischen Bankbilanzsummen haben ein Problem. Und von den restlichen 94 redet keiner. Gleichzeitig kriegen wir täglich neue Vorschriften. Wenn die Unterlagen keinen Bank-Kredit rechtfertigen, kann man nicht der Bank die Schuld geben.

Raiffeisen hat derzeit selbst Probleme in Ungarn.
Wir sind in 17 Ländern Zentral- und Osteuropas – in einem oder zwei hat man immer einen Wickel. Das Hauptproblem ist, dass keine Investoren mehr nach Ungarn gehen wollen. Das Land wird dadurch immer schwächer werden.

Wie ist es möglich, dass Sie bei Raiffeisen ohne Jagdschein so weit aufsteigen konnten?
Im ganzen RBI-Vorstand hat nur einer den Jagdschein und in der RZB gar keiner.

Dann muss man zumindest katholisch sein?
Ehrlich gesagt kenne ich nicht einmal die Konfession unserer Leute. Raiffeisen ist christlich-ethisch entstanden, wir haben aber auch ein paar Damen mit Kopftuch. Wichtig ist nur: Passt jemand rein oder nicht?

Was ist Ihr stärkstes Netzwerk?
Drei Mal die Woche mit jemandem essen gehen und die Leute kennenlernen. Darum ärgere ich mich so über die neuen Korruptionsgesetze. Muss ich jetzt jedes Mal den Compliance-Officer fragen, ob ich mit einem alten Freund essen gehen darf?

Raiffeisen gilt bei Kritikern oft als „grüne Krake“.
Wenn Krake Paul etwas prophezeit, dann lieben ihn alle. Ja, wir kennen Leute, weil wir eine Menge Kunden haben. Aber institutionalisierten Einfluss von Raiffeisen sehe ich nicht.

Wie unterscheidet sich Ihr Führungsstil von dem Christian Konrads? Sie gelten als konzilianter.
Ich glaube zwar nicht wirklich an Sternzeichen, aber er ist Löwe, und ich bin ein Fisch. Am Ende des Tages geht es allerdings nur darum, ob wir etwas zusammengebracht haben.

Zur Person: Walter Rothensteiner

Karriere Walter Rothensteiner (59) hat heuer die Agenden als Raiffeisen-Generalanwalt von Christian Konrad übernommen. Dessen bisherigen Job teilt er sich mit Erwin Hameseder, der Holding-Obmann wurde. ( Raiffeisen ist auch mit 51 Prozent am KURIER beteiligt.) Seit 1995 (bis heute) ist Rothensteiner Chef der RZB. Außerdem ist er Obmann der Sparte Banken in der WKO.
Ziele Für 2013 hat sich der Banker vorgenommen, für eine Abschaffung oder zumindest Verringerung der Bankensteuer zu kämpfen. In Ungarn hat Raiffeisen Probleme, aussteigen will der Konzern dort aber nicht.
Privat Der Banker ist Technik-Freak, bei Handys und Kameras immer am neuesten Stand. Man trifft ihn auch in Konzert und Oper.