Wirtschaft
22.04.2017

Reisen zum Arzt führen selten nach Österreich

Weltweit wächst der Markt um jährlich 25 Prozent. Nach Österreich kommen weniger Patienten als nach München oder Berlin. Das soll sich ändern.

Die Zahl der Patienten, die sich jenseits ihrer Landesgrenzen behandeln lassen, steigt. Laut einer Studie des Kreditkartenanbieters Visa gemeinsam mit Oxford Economics ist der globale Medizintourismus-Markt mehr als 400 Milliarden Dollar schwer. Die Zuwachsraten liegen demnach bei 25 Prozent im Jahr. Österreich profitiert davon zu wenig.

Wer kommt da eigentlich? Viele Geschichten kursieren über arabische Scheichs und russische Oligarchen, die samt Entourage zu den angesehensten Ärzten der Welt jetten und für die Behandlung Unsummen auf den Tisch legen. Aber auch die Mittelschicht macht sich auf die Reise. Etwa, wenn es im eigenen Land keine Behandlungsmöglichkeit gibt, die Wartezeiten für eine Operation im regionalen Krankenhaus zu lange sind oder die Behandlungskosten deutlich höher sind als im Ausland.

Österreich haben diese Kunden aber selten am Radar, sagt David Gabriel von der Plattform Austrian Health etwas zerknirscht. Seine Plattform sucht geeignete Ärzte für die Patienten, holt Kostenvoranschläge ein, kümmert sich um die Visa-Abwicklung oder einen Dolmetscher vor Ort. 2017 plant Austrian Health sogar den Start einer privaten elektronischen Patientenakte, die die Prozesse zwischen Patienten und Ärzten stark vereinfachen soll. Gabriel kommt gerade aus Moskau, wo er Partnerschaften mit wichtigen Kliniken und Ärzten aufbaut. Wer im Medizintourismus erfolgreich sein will, braucht ein gutes Netzwerk – sprich Ärzte, die heimische Kliniken kennen und für empfehlenswert halten.

Er schätzt, dass Österreich aktuell zwischen 50 und 60 Millionen Euro mit ausländischen Patienten verdient. Etwa 10.000 Medizintouristen würden sich jedes Jahr in Österreich behandeln lassen. Zum Vergleich: In Städten wie München oder Berlin sind es jährlich rund 20.000. Die Anziehungskraft deutscher Kliniken ist weniger darin begründet, dass deutsche Ärzte und Kliniken jenen in Österreich überlegen sind, sind sich Experten einig. Es sei mehr eine Marketingleistung der Deutschen, die dieses lukrative Feld seit gut 15 Jahren erfolgreich beackern. In Österreich kommen gemeinsame Vermarktungsaktionen erst jetzt in die Gänge. "Spät, aber doch", sagt Gabriel, der das Potenzial für Österreich auf bis zu 250 Millionen Euro schätzt.

Besonders bei den kleineren Privatspitälern ist der Wunsch nach einer besseren Sichtbarkeit des Angebots im Ausland groß.

Ulrike Koscher-Preiss, Mitglied der Geschäftsführung in der Kärntner Humanomed-Gruppe, die zwei Privatkliniken betreibt, schlägt eine internationale Marke für das Tourismusland Österreich vor. Mit dieser Marke könnte man auf diversen Messen und Plattformen gemeinsam werben.

Russen kamen wieder

Schon länger auf den ausländischen Patienten eingestellt hat sich die PremiQamed Gruppe. Schon jeder fünfte Kunde in ihren Wiener Privatspitälern kommt aus dem Ausland. Auch im Rudolfinerhaus liegt die Quote bei 15 bis 20 Prozent.

Wie die deutschen Kliniken haben auch die Wiener Privatspitäler die Rubelkrise zu spüren bekommen. Vielen Russen fehlte schlicht das Geld für eine Behandlung im Ausland, eine Situation, die sich nun langsam wieder entspannt. Derzeit werden zudem mehr Rumänen registriert, sagt PremiQamed-Chef Julian Hadschieff. Grund dafür ist die unsichere politische Entwicklung in der Türkei. Statt wie bisher in Istanbuler Top-Spitäler zu gehen, lässt sich die rumänische Oberschicht nun lieber in Wien behandeln.

Araber zogen weiter

Auch für Araber galt Österreich lange Zeit als Medizin-Mekka. Doch Singapur oder Bangkok haben Wien den Rang abgelaufen. Die österreichische Medizin habe von ihrem einst führenden Ruf leider etwas verloren, sagt Hadschieff: "Nobelpreisträger werden anderswo produziert." In den globalen Rankings der Medizintourismus-Destinationen stehen jedenfalls die USA, Thailand und Singapur verlässlich ganz oben.

Gut in Krebstherapie

Womit also kann der Medizinstandort Österreich punkten? Gerne stellen sich die Kliniken als Allround-Talente dar, die einen ganzen Bauchladen von Spezialkenntnissen vor sich hertragen. Austrian Health hat aber sechs Schwerpunkte herausgearbeitet, in denen Österreichs Privatspitäler in der Top-Liga mitspielen: Onkologie, aber auch Kardiologie und Orthopädie. Spitalsbetreiber Hadschieff ergänzt, dass wir international auch einen herausragenden Ruf bei der Behandlung von Sportverletzungen und in der Lungenchirurgie haben. Aber, schränkt Hadschieff ein: "Leider gibt es halt auch selbst ernannte Weltmeister in der Medizin." Um weltweit Patienten anzuziehen, bedarf es außerdem nicht nur herausragender Ärztinnen und Ärzte, sondern auch eines perfekten Social Media-Auftritts, räumt auch Hadschieff ein (siehe Interview rechte Seite).

Übrigens muss nicht jeder Patient zum Arzt kommen. Immer mehr heimische Ärzte lassen sich für einige Behandlungswochen ins Ausland einfliegen. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

„Privatkunden entlasten das öffentliche System“

KURIER: Warum gehen Österreicher in ein Privatspital, was ist dort besser?

Julian Hadschieff: Das öffentliche System arbeitet zu wenig patientenbezogen, es gibt zu wenig Kontinuität bei der Betreuung. Diese Schwächen werden den Patienten immer bewusster. Eigentlich sollte die Politik froh sein, dass Menschen bereit sind, privat zu bezahlen. Sie wollen einen Termin und einen Behandler nach Wahl. Damit entlasten sie auch das öffentliche System.

Kritiker sagen aber, dass Privatspitäler Rosinenpickerei betreiben – also die leichten, „billigeren“ Fälle übernehmen, während die komplizierten in den öffentlichen Spitälern landen.

Studien zeigen, dass das nur mehr für extrem ausgefallene Krankheiten zutrifft, die besser in einer Uniklinik aufgehoben sind. Privatspitäler sind mittlerweile genauso gut ausgestattet wie öffentliche und für 90 Prozent aller Fälle geeignet. Leider hat die Politik eine Phobie gegen alles Private. Nur weil es sich der Staat nicht leisten kann, alles für jedermann zur Verfügung zu stellen, darf sich kein Patient ein Mehr an Betreuung wünschen? Spielen wir jetzt Nordkorea? Wer will in so einem Land leben? Es muss auch möglich sein, private Institute gründen zu können.

Man kann es ja, wenn ein Arzt mit seiner Ordination dahintersteht. Wo ist das Problem?

Für Kapitalgeber kann es schwierig sein, vom Gutdünken eines Arztes abhängig zu sein.

Wäre es nicht problematisch, wenn ein internationaler Konzern statt des Hausarztes hinter einer Ordination steht?

Die Praxis für Allgemeinmedizin hat eine immens wichtige Rolle und soll in ärztlicher Hand bleiben. Aber gerade die praktischen Ärzte verlassen mittlerweile aufgrund der zu niedrigen Tarife das Kassensystem und drängen in alternative Behandlungen, die sie privat verrechnen können. Gesprächsmedizin sollte daher von der öffentlichen Hand besser bezahlt werden.

Zur PremiQamed zählen mehrere Privatkliniken, u. a. Confraternität und Goldenes Kreuz in Wien. Die UNIQA-Tochter hat 1750 Mitarbeiter. Ergebnis vor Steuern 2016: 225,5 Millionen Euro. Für 2017 wird ein Wachstum erwartet.