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Reichtumsdebatte
05/06/2014

Finanzkasino schlägt Produktion

Echte Arbeit sei nicht so lukrativ, sagt Experte Schulmeister - und kritisiert Starautor Piketty.

von Hermann Sileitsch-Parzer

Ein unfassbares Tamtam." In fünfzig Jahren habe er noch nie so einen Wirbel erlebt, sagt Wirtschaftsforscher Stephan Schulmeister. Nicht einmal Nobelpreisträger erhielten so viel Aufmerksamkeit wie der französische Ökonom Thomas Piketty (43), der dank seines Bestsellers ("Capital in the 21st Century") herumgereicht wird wie ein Superstar. Erst seit zwei Monaten ist die englische Ausgabe seines 685-Wälzers erhältlich – und schon vergriffen.

Das Buch des "jungen Marx" hat offenkundig einen Nerv getroffen. Die Armen werden ärmer, die Reichen reicher: Piketty hält das für eine zwangsläufige Entwicklung des Kapitalismus, weil der Einsatz von Geld mehr Zinsen abwirft, als sich mit echter Arbeit erwirtschaften lässt. Seiner Analyse zufolge wächst die Wirtschaft auf Dauer nur mit 1 bis 1,5 Prozent. Wer Kapital einsetzt, kann 4 bis 5 Prozent Rendite pro Jahr erwarten. Besonders seit den 1980ern wird dadurch die Schieflage der Vermögen immer größer – Erben ist wichtiger als arbeiten geworden. Piketty empfiehlt eine noch viel stärkere Umverteilung durch Steuern auf Erbschaften, Vermögen und hohe Einkommen.

"Furchtbar antiquiert"

"Piketty ist auf eine furchtbar traditionelle Art links", kritisiert Schulmeister. Sogar Karl Marx sei im "Kapital" innovativer gewesen. Das Manko: Der Franzose unterscheide nicht, ob ein Unternehmer Geld in den güterwirtschaftlichen Kreislauf investiert oder ob ein "Finanzalchemist" im virtuellen Geldkasino spielt. Wenn Zocker, Hedgefonds oder Hochfrequenzhändler per Mausklick enorme Renditen von 15 bis 25 Prozent erzielen, würden Unternehmer, die Geld in Produktionsanlagen und Fabriken stecken, alt aussehen, sagt Schulmeister: "Deshalb gehen die Realinvestitionen zurück. Und es werden die Löhne der Arbeitnehmer gedrückt – das ist eine Spielanordnung, die sich von selbst zerstört."

Zinsen und Dividenden seien nicht das Thema – mit den einen mache man ohnehin kein Geschäft, die anderen würden in der Realwirtschaft erzielt, sagt Bauunternehmer Hans-Peter Haselsteiner. Aber: "Was bringt die Zockerei mit Derivaten oder der Hochfrequenzhandel für die Gesellschaft? Ich würde sagen: Nichts." Besteuern oder besser gleich verbieten, lautet Haselsteiners Rat.

Damit Chancengleichheit herrscht, müsse das Unternehmertum "auf allen Ebenen bessergestellt werden", fordert Schulmeister: "Das Profitstreben soll in der Realwirtschaft stattfinden, nicht im Kasino." Die Finanztransaktionssteuer wäre dafür hilfreich – diese erhalte aber soeben "ein Begräbnis erster Klasse": "Wenn Derivate ausgeklammert werden, ist das sinnlos."

Uneins über Steuern

Piketty sei ein französischer Ökonom, der "wortreich und gut verpackt" die Marktwirtschaft prügelt – das kehre alle paar Jahre wieder, sagt Barbara Kolm vom wirtschaftsliberalen Hayek-Institut in Wien: "Die Aussage ist stets dieselbe: Nehmen wir den Reichen etwas weg." Mit Umverteilung werde kein Euro Mehrwert erwirtschaftet: "Nur die Marktwirtschaft holt Menschen aus der Armut." Gäbe es gleiche Chancen für alle, dann würden sich Leistung und Einsatz auszahlen – und es ginge die Schere zwischen Arm und Reich zu, ist Kolm überzeugt.

Bei höheren Steuern scheiden sich die Geister. Kolm hält davon "gar nichts". Schulmeister begrüßt zwar alles, was die Vermögensungleichheit mildert, sieht das aber nur als Behandlung der Symptome. Haselsteiners Ideen haben in Österreich bereits mehrfach für Furore gesorgt. Davon, die Substanz des Vermögens anzuzapfen, hält er nichts – für eine Erbschaftssteuer wäre er offen: "Wenn es in der Kasse klingelt, kann man einen Teil hergeben."

Bei hohen Einkommen schlägt Piketty bis zu 80 Prozent Steuer vor. Haselsteiner geht noch weiter: "Wird die fünfzigste Million mit 95 Prozent besteuert, bleibt immer noch mehr als die meisten Österreicher im Jahr verdienen: Kein Mitleid." Und was, wenn man die Reichen vertreibt? "Soll Gerard Depardieu doch nach Russland übersiedeln. Wenn es ihm dort gefällt? Bitte schön!"

Studenten protestieren gegen ökonomische Lehre

Einseitig und wirklichkeitsfremd - so empfinden offenbar viele Ökonomiestudenten die Wirtschaftslehre. Mit einer globalen Protestaktion machten daher Studentengruppen aus 19 Ländern ihrer Unzufriedenheit Luft, indem sie am Montag ein gemeinsames Manifest für eine Reform der Ökonomenausbildung veröffentlichten.

Pluralismus lautet dabei das Zauberwort. „Wir beobachten eine besorgniserregende Einseitigkeit der Lehre, die sich in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch verschärft hat. Diese fehlende intellektuelle Vielfalt behindert uns im Umgang mit den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts – von Finanzmarktstabilität bis zum Klimawandel“, beklagen die Studenten. Die alten Theorien hätten die Krise nicht vorhergesehen und müssten durch neue Erklärungsversuche außerhalb des Mainstream ergänzt werden.

Entscheidungsträger der nächsten Generation formen

"An Ideen für neue Studienpläne mangelt es uns nicht", so eine Vertreterin. "Wir sind es leid, uns die neueren wissenschaftlichen Erkenntnisse und vom Mainstream abweichende Theorien immer in Eigenregie aneignen zu müssen". Die Lehrinhalte der Curricula formen das Denken der nächsten Generationen von EntscheidungsträgerInnen und damit die Gesellschaft, in der wir leben", so die Gesellschaft für Plurale Ökonomik Wien, die im Herbst letzten Jahres von Volkswirtschafts-Studierenden der Wirtschaftsuniversität Wien gegründet worden war.

Prominente Unterstützer

Unterstützt werden die Studierenden von über 230 ProfessorInnen und ForscherInnen, darunter Prominente, wie der US-Ökonom James Galbraith oder der linksliberale französische Erfolgsautor Thomas Piketty („Capital in the 21. Century“). Auch der Vorstand der Bank von England, Andrew Haldane, sowie der Ausbildungsdirektor des Institute of Economic Affairs, Stephen Davis, eines traditionsreichen, marktliberalen Forschungsinstituts, stehen auf der Liste.

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