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© REUTERS/LUKAS BARTH

Deutschland
03/15/2017

Staatsanwälte leiten Ermittlungen in Audi-Diesel-Skandal ein

Kurz vor der Bilanzpressekonferenz wurden Büroräume von Audi durchsucht. Für den gebeutelten Volkswagen-Konzern, zu dem Audi gehört, erreicht der Abgasskandal damit eine neue Dimension.

Die Staatsanwaltschaft München II hat wegen der Diesel-Abgasaffäre bei Audi ein Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt wegen des Verdachts des Betruges und der strafbaren Werbung eingeleitet. Kurz vor Beginn der Bilanzpressekonferenz sind Ermittler angerückt und haben seit 7.00 Uhr in der Früh die Büroräume in Ingolstadt und Neckarsulm durchsucht. "Wir kooperieren vollumfänglich", sagte ein Unternehmenssprecher.

Die Audi-Mutter Volkswagen hatte im September 2015 die Manipulation von Abgaswerten bei weltweit elf Millionen Dieselautos eingestanden. Der Konzern sieht sich mit zahlreichen Klagen und milliardenschweren Schadensersatzforderungen konfrontiert. Zuletzt hatten australische Behörden angekündigt, nach VW auch Audi zu verklagen.

Seit Längerem prüft die Staatsanwaltschaft, ob sie wegen des Dieselskandals Ermittlungen gegen Verantwortliche bei Audi aufnimmt. Bislang ermittelte nur die Staatsanwaltschaft Braunschweig gegen mehrere Dutzend Verantwortliche, vor allem aus den Reihen des Volkswagen-Managements.

Laut Recherchen der Süddeutschen Zeitung waren etwa 80 Staatsanwälte und Polizeibeamte im Einsatz. Die mutmaßlichen Straftaten bei Audi sollen ausschließlich im Zusammenhang mit den Aktivitäten von Audi auf dem amerikanischen Markt stehen. Im Kern lautet der Vorwurf, dass die Audi-Ingenieure die Abgaswerte von Dieselfahrzeugen für die USA so ähnlich manipuliert haben wie ihre Kollegen bei VW, berichtet SZ. Für den gebeutelten Volkswagen-Konzern, zu dem Audi gehört, erreicht der Abgasskandal damit eine neue Dimension.

Die Vorgeschichte des Abgas-Skandals

Volkswagen hat die lange erwartete Einigung mit der US-Justiz im Dieselskandal besiegelt. Der Konzern bezahlt 4,3 Milliarden Dollar - derzeit umgerechnet rund 4,1 Mrd. Euro - Strafe für manipulierte Abgaswerte in Hunderttausenden von in den USA verkauften Dieselautos. Im Zuge der Einigung hat VW bestimmte Ereignisse und Fakten als richtig anerkannt.

Es folgt die Entstehungsgeschichte des Skandals bis zum seinem Bekanntwerden im September 2015, inklusive einiger im sogenannten "Statement of Facts" beschriebenen Ereignisse:

2005

Volkswagen fällt die strategische Entscheidung, in den USA eine groß angelegte Dieseloffensive zu starten - trotz der dort viel strengeren Grenzwerte für Schadstoffemissionen.

2006

VW tüftelt am Zwei-Liter-Dieselmotor EA 189, Audi entwickelt die größeren Drei-Liter-Antriebe. Doch die Entwickler realisieren bald, dass die Motoren die strengeren Abgas-Regeln, die in den USA ab 2007 gelten sollen, nicht erfüllen werden. Daraufhin entwickelten VW-Mitarbeiter eine Schummelsoftware ("defeat device"), die die Emissionen in Testsituationen reduziert, um die US-Umweltbehörden zu täuschen.

17. Mai - Ein VW-Ingenieur beschreibt in einer Email an die VW-Entwickler die von Audi entwickelte Software. Er warnt vor deren Einsatz in US-Dieselmotoren, weil sie nur der Umgehung von Abgas-Tests diene.

November - Ein Manager der Entwicklungsabteilung entscheidet nach einem Treffen mit Mitarbeitern, dass das "defeat device" in US-Dieselmotoren eingesetzt werden soll. Man solle sich nur nicht erwischen lassen.

2007

5. Oktober - Es gibt immer wieder technische Probleme mit der Entwicklung der Dieselmotoren und Diskussionen in dem Team, das für die Einhaltung von Abgaswerten in den USA verantwortlich ist. Bei einem Treffen entscheidet ein Manager, dennoch mit den manipulierten Motoren weiter zu machen.

2008

VW startet die Werbekampagne "Clean Diesel" in den USA - der Jetta TDI wird auf der Automesse in Los Angeles zum "Green Car of the Year" gekürt.

2009

VW-Modelle mit den manipulierten Zwei-Liter-Dieselmotoren kommen in den USA auf den Markt. Größere VW-Modelle sowie Audi- und Porsche-Fahrzeuge werden mit dem manipulierten Drei-Liter-Motor verkauft.

2013

Februar - Die kalifornische Umweltbehörde CARB beauftragt das Forschungsinstitut International Council on Clean Transportation (ICCT) mit der Überprüfung von Abgas-Emissionen bei VW-Diesel-Fahrzeugen

Frühjahr - Getestet werden ein Jetta Baujahr 2012 und ein Passat Baujahr 2013 auf den Straßen rund um Los Angeles. Das Ergebnis: Im Normalbetrieb sind die Abgasemissionen bis zu 35 mal höher als im Labor. Die Daten werden genauer analysiert.

2014

März - VW-Mitarbeiter erfahren von den Ergebnissen der ICCT-Studie. In den folgenden Wochen bittet die CARB Volkswagen um Erläuterung der Abgasemissionen. In der VW-Entwicklungsabteilung wird eine Task Force gegründet, um Antworten auf die Fragen der Umweltbehörde zu formulieren. Es wird entschieden, scheinbar mit den US-Behörden zu kooperieren, die Existenz eines "defeat devices" aber zu leugnen.

2. April - Der US-Bundespolizei FBI zufolge schreibt Oliver S., Chef des für die Koordination mit den US-Behörden zuständigen Umwelt- und Ingenieursbüros von VW in den USA, einem Kollegen in einer Email zur ICCT-Studie: "Es sollte zuerst entschieden werden, ob wir ehrlich sind. Wenn wir nicht ehrlich sind, bleibt alles wie es ist."

23. Mai - VW zufolge wird eine Notiz über die ICCT-Studie der Wochenendpost von Konzernchef Martin Winterkorn beigelegt. Ob er diese gelesen habe, sei nicht dokumentiert.

1. Oktober - In einem Treffen mit der CARB erklären VW-Vertreter mit technischen Gründen und Fahrverhalten, das "defeat device" wird nicht erwähnt.

14. November - VW zufolge gibt es eine zweite Notiz an Winterkorn, in der von Kosten für die Diesel-Thematik in Nordamerika von etwa 20 Millionen Euro die Rede ist.

2015

27. Juli - VW zufolge beraten sich einzelne Mitarbeiter am Rande einer Routinebesprechung über die Diesel-Thematik, in Anwesenheit von Winterkorn und VW-Markenchef Herbert Diess. Laut FBI wird das leitende VW-Management (executive management) in Wolfsburg an diesem Tag von S. und anderen Mitarbeitern über das defeat device informiert und auch über den Umstand, dass die US-Behörden darüber noch nicht Bescheid wissen.

18. August - VW-Manager entscheiden, dass man bei einem für den nächsten Tag geplanten Treffen mit CARB-Vertretern weiter lügt und das "defeat device" nicht erwähnt.

19. August - Entgegen dieser Vorgabe deutet ein VW-Vertreter in dem Gespräch mit der CARB an, dass eine Software Abgaswerte in Testsituationen herunterregelt.

Ende August - VW zufolge erläutern VW-Techniker hauseigenen Juristen und den US-Anwälten die eigentliche Ursache für die Abweichungen der Abgas-Emissionen. Vorstandsmitglieder seien daraufhin zu der Erkenntnis gelangt, dass es sich um ein unzulässiges "defeat device" handle. Das solle der CARB und der US-Umweltbehörde EPA transparent kommuniziert werden.

3. September - In einer Telefonkonferenz mit CARB und EPA gesteht VW die Manipulation der Abgaswerte.

4. September - Winterkorn wird darüber durch eine Notiz unterrichtet. VW zufolge erklären Berater, dass solche Verstöße in den USA bisher auf dem Vergleichswege per Bußgeldzahlung geregelt wurden, die für Unternehmen von der Größe von VW nicht besonders hoch seien. Der Konzern habe mit einem zweistelligen oder unteren dreistelligen Millionen-Betrag gerechnet.

18. September - Die EPA macht am Abend das Geständnis öffentlich: VW habe vorsätzlich Abgasvorschriften bei rund 500.000 Diesel-Fahrzeugen umgangen. Die US-Umweltbehörde beziffert eine mögliche Strafe auf bis zu 18 Milliarden Dollar.

20. September - VW räumt die Abgas-Manipulationen nun selbst öffentlich ein und kündigt eine externe Untersuchung an.

Quellen: US-Justizministerium, Volkswagen, FBI-Klageschrift, eigene Recherchen von Reuters.

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