© Franz Gruber

Wirtschaft
05/04/2012

"Raiffeisen ist ein Brückenbauer"

Hofübergabe: In der Raiffeisen-Holding NÖ-Wien folgt Vorstandschef Erwin Hameseder dem bisherigen Obmann Christian Konrad nach.

von Michael Bachner

Der neue Obmann über Sparpolitik, Mehrheitswahlrecht und soziales Engagement.

KURIER: Sie wurden mit 98,9 Prozent Zustimmung zum Obmann der Raiffeisenholding NÖ-Wien gewählt. Gratulation. Was sind Ihre vordringlichsten Aufgaben?
Erwin Hameseder:
Ich freue mich auf diese faszinierende Aufgabe und über den großen Vertrauensbeweis, den ich von den Eigentümern bekommen habe. Bis dato war ich ja als Geschäftsleiter beziehungsweise Vorstand vom Obmann bestellt und jetzt kehrt sich das um. Ich bin jetzt als gewählter Obmann der Repräsentant der Eigentümer, der ausschließlich auf der strategischen Ebene tätig sein wird. Das ist eine große Ehre und eine ganz tolle Weiterentwicklung meines beruflichen Lebens.

Sie versprechen ein Höchstmaß an Kontinuität. Was verstehen Sie darunter und – mit Verlaub – welche Fehler aus der Vergangenheit wollen Sie lieber nicht wiederholen?
Wir würden heute nicht so dastehen, wenn es wesentliche Fehler gegeben hätte. Ich habe ein großes Vorbild im bisherigen Obmann Christian Konrad, der mir vorgelebt hat, wie die Arbeit auf der strategischen Ebene funktioniert. Ich möchte über alle wesentlichen Themen, die die Strategie betreffen, informiert sein. Sonst kann man in letzter Konsequenz bei Entscheidungen auch nicht mitwirken. Die große Herausforderung, vor der wir vor allem im Bankengeschäft stehen, ist rechtzeitig auf Basel III zu reagieren – also die Themen Liquidität und Eigenmittel.

Bisher war Christian Konrad Obmann der Holding und Raiffeisen-Generalanwalt. Weshalb werden diese Positionen jetzt auf Sie und RZB-Chef Walter Rothensteiner, aufgeteilt?
Diese Frage ist eigentlich an Christian Konrad zu richten. Aber das eine hat mit dem anderen nur indirekt zu tun. Der Obmann ist verantwortlich für die strategische Führung des Konzerns, wo das Bankgeschäft das wichtigste Standbein ist. Wenn alles planmäßig verläuft, werde ich in etwa 14 Tagen auch zum Aufsichtsratschef der RZB gewählt. Walter Rothensteiner wird Generalanwalt und bleibt RZB-Chef. Wir brauchen uns also gegenseitig und agieren dabei im besten Einvernehmen. Bis auf die Ära Konrad waren die beiden Positionen immer von zwei Personen besetzt.

 

Wie steht es um die Zukunft der 740 Beteiligungen im Reich der Raiffeisen-Holding. Lässt der Zustand der Finanzmärkte einen Börsegang etwa bei Leipnik-Lundenburger zu?
Selbstverständlich gibt es in unserem Konzern die Vision von Börsegängen. Derzeit sind die Voraussetzungen auf dem Kapitalmarkt aber nicht gegeben. Bei den heutigen Kursen würden wir Unternehmen teilweise verschenken. Unsere Strategie ist auf Nachhaltigkeit ausgerichtet, das war in der Vergangenheit so und das wird auch unter meiner Obmannschaft so bleiben. Wenn sich die Rahmenbedingungen ändern sind wir darauf vorbereitet, rasch Entscheidungen für etwaige Börsegänge zu treffen. Lassen wir es auf uns zukommen. Wichtig ist, dass alle Beteiligungen über genug Eigenkapital verfügen, dass sich auch Wachstum aus eigener Kraft generieren lässt. Damit stehen wir unter keinem Zeitdruck.

Sie haben zuletzt auch von Börseplänen in der jungen Sparte erneuerbare Energie gesprochen. Dort wurde bisher Eigenkapital in Höhe von rund 50 Millionen Euro in verschiedenste Projekte investiert. Welche kritische Masse müsste erreicht sein, um eine Börsenstory erzählen zu können?
Insgesamt müsste ein Investitionsvolumen vorhanden sein, das deutlich über einer halben Milliarde Euro liegt, mit einem Eigenkapitalanteil von 150 bis 200 Millionen Euro. Das ist ein sehr interessantes Wachstumsfeld, in dem wir große Chancen nicht nur in Österreich, sondern auch in Tschechien, der Slowakei und Italien sehen.

Sind Sie mit dem Stand der Ökogesetzgebung zufrieden? Früher haben Sie öfter damit gedroht, nur noch im Ausland zu investieren.
Die letzte Novelle war ein richtiger Schritt. Aber man muss realistisch bleiben: Bei knappen öffentlichen Kassen braucht man keine weitere Förder-Aufstockung zu erwarten. Ich bin zufrieden, wenn die Rahmenbedingungen jetzt einmal so bleiben. Der Rest ist über den Markt zu regeln.

Das Sorgenkind ist momentan der Medien-Bereich. Außenwerber EPAMEDIA soll verkauft werden, in der Mediaprint stimmen die Erträge nicht. Wird es Ihrerseits einen Versuch geben, die Blockade zwischen Dichand und der WAZ-Gruppe aufzulösen?
Raiffeisen war und ist ein Brückenbauer. Wir haben unsere Dienste immer wieder angeboten, weil wir als Haupteigentümer des KURIER von dieser Situation sehr negativ betroffen sind. Daher wollen wir weiter alles in unserer Macht Stehende tun, um die derzeitige Patt-Stellung aufzulösen.

Das heißt was genau?
Wir werden jede sinnvolle Lösung mittragen, damit wieder eine prosperierende Entwicklung in der Mediaprint möglich wird. Leichter ist es bei der EPAMEDIA, da sind wir Herr im eigenen Haus. Wir streben eine strategische Partnerschaft an. Der Prozess läuft und sollte heuer im Positiven – auch für die Mitarbeiter – abgeschlossen werden.

Bei Ihrer letzten Bilanz waren Sie nur vorsichtig optimistisch was die Konjunkturentwicklung anbelangt. War es ein Fehler der Bundesregierung lediglich ein Sparpaket zu schnüren und nicht auch Wachstumsimpulse mit auf den Weg zu schicken?
Die Regierung hat mit dem Sparpaket eine absolut notwendige Maßnahme und damit ein wichtiges Signal gesetzt. Aber: Ich bin sicher, dass auch an Maßnahmen gearbeitet wird, mit denen das Wachstum wieder angekurbelt wird. Wir wissen aus der Wirtschaft, dass mit Sparen allein oft keine Trendwende zum Positiven erreicht werden kann. Insgesamt muss ein dauerhaft ausgeglichenes Budget das Ziel sein. So wird Spielraum geschaffen, wenn es wieder zu negativen konjunkturellen Ausreißern nach unten kommt.

 

Frank Stronach ruft zu einer geistigen Revolution auf und kritisiert Vieles, von der Politik bis zum Euro. Sind Sie auch der Meinung, dass wir eine neue Wirtschaftspartei brauchen?
Österreich hat ein sehr gutes demokratisches Umfeld, also eine sehr bunte Parteienstruktur. Die Bevölkerung ersehnt aber klare Entscheidungen, Pattstellungen werden abgelehnt. Ich bin ein Verfechter eines klaren Mehrheitswahlrechtes im Sinne klarer, rascher Entscheidungen. Jene Partei soll ihre Vorstellungen umsetzen können, die über eine entsprechende Mehrheit verfügt. Wenn man mit dieser Arbeit nicht zufrieden ist, wird die Bevölkerung dieser Regierung dann einen entsprechenden Denkzettel verpassen.

Sie haben, abschließend gefragt, neben Ihrem Hauptberuf und zahlreichen Aufsichtsratsfunktionen auch noch viele Ehrenämter inne. Wie schaffen Sie es rein zeitlich, Beruf mit Freizeit und Familie unter einen Hut zu bekommen?
Unabhängig von meinen bisherigen Funktionen war und ist es mir immer wichtig, mich für die Menschen und das Land einzusetzen. Nur dann kann man nachhaltig wirtschaften. Beispiele dafür sind etwa mein Engagement für ein Waisenkinderprojekt in Rumänien oder für Kirchenprojekte wie die Renovierung der Basilika von Maria Taferl. Als ausgebildeter Soldat ist mir das Thema Sicherheit in einem umfassenden Sinn wichtig, daher engagiere ich mich im Kuratorium Sicheres Österreich. Die Familie ist dabei immer meine Kraftquelle und ein unverzichtbarer Eckpfeiler gewesen. Ich bin sehr froh und dankbar, dass ich eine Frau habe, die den Weg mit mir gemeinsam geht. Meine zwei Söhne sind bereits erwachsen und seit 1. Februar sind wir Großeltern von Zwillingsmädchen. Es beginnt für uns daher ein neuer Lebensabschnitt. Ich hoffe in Zukunft sogar etwas mehr Zeit für meine Familie zu haben.

"Man muss die Herren endlich ranlassen, bevor sie vergreisen"

Die offizielle Bundesregierung hat uns kurzfristig abgesagt. Aber als Kenner der österreichischen Realverfassung weiß ich, dass die eigentliche Regierung da sitzt."

Mit diesen Worten begrüßte Christian Konrad am Freitag, bei seinem Abschied aus der Obmannschaft der Raiffeisen-Holding NÖ-Wien, Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll und Wiens Bürgermeister Michael Häupl. Nachsatz: "Man müsste sie erfinden, hätten wir sie nicht." Ähnlich launig bis witzig-ironisch verliefen viele Grußworte, Danksagungen und fromme Zukunftswünsche von und an Konrad. Seine Nachfolger an den Schalthebeln der Raiffeisen-Macht gingen fast ein wenig unter.

Erwin Hameseder (Jahrgang 1956) ist ab sofort Obmann der Raiffeisen-Holding, der größten privaten Beteiligungsgesellschaft Österreichs, zu der auch der KURIER gehört.

Lagerhaus-Boss Klaus Buchleitner (Jahrgang 1964) beerbt Hameseder mit 1. Juni als operativer Chef der Holding und als Chef der Raiffeisenlandesbank NÖ-Wien.

RZB-Chef Walter Rothensteiner (Jahrgang 1953) wiederum wird Nachfolger Konrads als Generalanwalt des Raiffeisenverbandes. Konrad über seine Nachfolgerwahl: "Das ist eine Frage der Sinnhaftigkeit, Freundschaft und des Vertrauens. Und man muss die Herren endlich ranlassen, bevor sie vergreisen."

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