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Agrarmarkt
02/28/2017

Preisdruck nach dem Brexit

Ex-Kommissar Fischler glaubt, dass Irland mehr Milch und Fleisch in der EU verkauft.

von Andreas Anzenberger

Der Austritt Großbritanniens aus der EU (Brexit) hat Auswirkungen auf die heimische Landwirtschaft. Da mit den Briten ein Nettozahler ausscheidet, schrumpft das EU-Budget. Es gibt also weniger Geld für Förderungen, auch im Agrarbereich.

Der frühere EU-Kommissar Franz Fischler geht außerdem davon aus, dass bei Rindfleisch, Milchprodukten und Lammfleisch "der Druck in der EU steigen wird". Es werde zu Verschiebungen am Agrarmarkt kommen. "Niemand kann heute sagen, in welchem Ausmaß."

Derzeit exportiert Irland große Mengen an Rindfleisch und Milchprodukten nach Großbritannien und Nordirland. Der Selbstversorgungsgrad mit Lebensmitteln beträgt im vereinten Königreich lediglich 62 Prozent. Der Rest wird importiert.

Überproduktion

Die irische Landwirtschaft produziert fünf Mal so viel Milch und zehn Mal so viel Rindfleisch, als im Inland verbraucht wird. Etwa 40 Prozent der Agrarexporte Irlands gehen ins Königreich. Bei Rindfleisch und Milch ist die Quote deutlich höher. Dazu kommt, dass in Irland seit mehreren Jahren ein Konzept umgesetzt wird, mit dem die Agrarexporte bis 2025 deutlich erhöht werden sollen.

Mit dem Brexit endet aber der gemeinsame Markt zwischen Irland und dem United Kingdom. Gleichzeitig verlieren die von der EU beschlossenen Importverbote für gentechnisch veränderte Lebensmittel oder Rindfleisch von Kühen, die mit Hormonen behandelt wurden, im Königreich ihre Gültigkeit. Die USA haben großes Interesse daran, ihre Agrarexporte nach Europa deutlich aufzustocken.

Ein durchaus wahrscheinliches Szenario ist die Amerikanisierung der Landwirtschaft in Großbritannien und Nordirland.

"Ich schließe nicht aus, dass die Briten nach dem Brexit US-Hormonfleisch importieren und ihren Landwirten erlauben, Rinder mit Hormonen zu behandeln", blickt Fischler in die Zukunft. Auch das berühmt-berüchtigte Chlorhuhn könnte auf der Insel zur Selbstverständlichkeit werden.

In einer Studie im Auftrag des EU-Parlaments wurde vor kurzem vor "unfairen Bedingungen" für Agrarproduzenten aus den verbliebenen EU-Staaten gewarnt. Die Iren werden dann versuchen, ihre billigen Agrarprodukte verstärkt am Kontinent abzusetzen. Deshalb geht Fischler davon aus, dass der Preisdruck in einigen Bereichen des Agrarmarktes steigen wird.

Das könnte auch bei Lammfleisch der Fall sein. Die EU hat wegen der Nachfrage in Großbritannien einst eine Importquote für Lammfleisch aus Neuseeland beschlossen. Nach dem Brexit stellt sich die Frage, was damit passiert. Fischler: "Wird die EU die Importquote beibehalten oder kündigen oder kommt eine andere politische Lösung."

Dazu kommen technische Fragen, wie etwa der Umgang mit den geschützten Herkunftsbezeichnungen für Lebensmittel wie Parma-Schinken oder Tiroler Speck. Grundlage dafür ist eine EU-Verordnung, die nach dem Brexit nicht mehr gilt. In Großbritannien gibt es 59 solcher Bezeichnungen, in der EU sind es 1150.

Höhere Förderungen

Derzeit sind die britischen Bauern in einer sehr komfortablen Position. Sie bekommen mehr Agrar-Förderungen als vor der Abstimmung über den Brexit. Die EU-Flächenprämien werden in Euro berechnet. Da der Kurs des Pfundes um rund 10 Prozent gesunken ist, bekommen die Landwirte entsprechend mehr ausbezahlt. Das wird wohl noch bis zum endgültigen Austritt aus der EU so weitergehen.

Die Verlierer sind die britischen Konsumenten. Sie bezahlen für Lebensmittel, die importiert werden, mehr als vor der Brexit-Abstimmung.

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