Wirtschaft
14.12.2017

Reichtum: In Europa ist das Gefälle noch am geringsten

Starökonom Piketty: Ungleichheit nimmt weltweit zu - aber unterschiedlich rasch. Der US-Trend ist dramatisch.

Die Schere zwischen Reichen und Menschen mit wenig Einkommen ist einer aktuellen Studie zufolge in den vergangenen Jahren weitweit fast überall weiter aufgegangen. Seit 1980 haben die reichsten ein Prozent der Weltbevölkerung ihre Einkünfte mehr als verdoppelt. Das geht aus einer Untersuchung von Forschern rund um den bekannten französischen Ökonomen Thomas Piketty hervor, die am Donnerstag in Paris vorgestellt wurde.

Bericht zur weltweiten Ungleichheit 2018: Deutsche Kurzfassung (20 Seiten), Link zur Langfassung (300 Seiten, englisch)

Die Mittelklasse habe dagegen kaum profitiert, auch wenn das Wachstum statistisch allen Menschen zu Gute gekommen sei. Regional gibt es allerdings Unterschiede.

Am geringsten ist das Gefälle demnach in Europa. Dort verfügten 2016 die oberen zehn Prozent über 37 Prozent des nationalen Einkommens, in Nordamerika waren es 47 Prozent, im Nahen Osten sogar 61 Prozent. „Seit 1980 ist die Einkommensungleichheit in Nordamerika, China, Indien und Russland rasant gestiegen. In Europa verlief der Anstieg moderat“, heißt es in der Studie. Ausgewertet wurden unter anderem Einkommensteuerdaten.

Deutschland relativ stabil

Österreich kommt in dem 300-seitigen Bericht nicht vor. In Deutschland haben die Top 10 Prozent den Angaben zufolge rund 40 Prozent am Gesamteinkommen. „Die unteren 50 Prozent haben in den letzten Jahren massiv an Anteil am Gesamteinkommen verloren. In den 60er Jahren verfügten sie noch über etwa ein Drittel, heute sind es noch 17 Prozent“, erläuterte Charlotte Bartels vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), die die deutschen Daten auswertete. „Einschließlich Sozialtransfers, die mit den Bruttoeinkommen nicht erfasst werden, sehen die Zahlen für die unteren Einkommen vermutlich aber besser aus.“

Die Mittelschicht ist nach ihren Angaben relativ stabil mit etwa 40 Prozent am Gesamteinkommen. „Insgesamt ist die Einkommensungleichheit in Deutschland heute nicht radikal höher oder radikal niedriger als vor 100 Jahren. Allerdings ist sie seit der Jahrtausendwende gestiegen.“

In Deutschland profitieren die Reichsten 0,1 Prozent Bartels zufolge vor allem vom Unternehmensbesitz. „Über 80 Prozent der deutschen Wirtschaft dürften sich in Familienhand befinden.“

Extreme Polarisierung in USA

Besonders dramatisch ist die Entwicklung in den USA: Dort ist der Anteil am Gesamteinkommen, den die Allerreichsten (ein Prozent) für sich vereinnahmen, seit 1980 von knapp 11 Prozent auf 20 Prozent gestiegen. Das ging praktisch eins zu eins zulasten der ärmsten Hälfte der Bevölkerung - für sie verlief es exakt umgekehrt.

In Westeuropa konnten die Reichsten ebenfalls einen größeren Anteil für sich beanspruchen. Der Anstieg war aber vergleichsweise moderat - von 10 auf 12 Prozent. Die unteren 50 Prozent hatten 1980 noch 24 Prozent am Gesamtkuchen, jetzt sind es 22 Prozent.

Privatisierungen treiben Ungleichheit

Eine Folgerung der Studie ist, dass Privatisierungen im großen Stil die Ungleichheit zwischen Topverdienern und Einkommensschwachen verschärft haben.

Die ungleiche Verteilung von Kapital in privater und in öffentlicher Hand sei die Hauptursache der ökonomischen Ungleichgewichte. Seit 1980 seien in fast allen Ländern riesige Mengen öffentlichen Vermögens privatisiert worden. „Dadurch verringert sich der Spielraum der Regierungen, der Ungleichheit entgegenzuwirken“, argumentieren die Wissenschafter. In den USA und Großbritannien war das öffentliche Nettovermögen - Vermögenswerte abzüglich Schulden - den Angaben zufolge zuletzt negativ. In Japan, Deutschland und Frankreich nur noch leicht positiv.

Transparenz gegen Steuerflucht

Das Forscherteam um Piketty, Autor des kapitalismuskritischen Bestsellers „Das Kapital im 21. Jahrhundert“, empfiehlt zur Bekämpfung der Ungleichheit die Einführung eines globalen Finanzregisters, um Geldwäsche und Steuerflucht zu erschweren. Kindern aus ärmeren Familien müsse der Zugang zu Bildung erleichtert werden. Weitere Instrumente seien progressive Steuersätze, die mit dem Einkommen steigen, sowie eine Verbesserung der betrieblichen Mitbestimmung und angemessene Mindestlöhne.

DIW-Chef Marcel Fratzscher (Berlin) hatte jüngst eine „Investitionsoffensive in Bildung, Qualifizierung, Teilhabe und Innovation“ für Deutschland gefordert. Die Löhne nach Inflation sowie die Einkommen der unteren 40 Prozent seien heute niedriger als vor 20 Jahren, hatte der Ökonom kritisiert.

Nach früheren Angaben von Ifo-Präsident Clemens Fuest (München) hat sich der Anteil der 10 Prozent der am besten Verdienenden und der 40 Prozent mit dem geringsten Einkommen am Gesamteinkommen der Bevölkerung seit 2005 nicht groß verändert. „Deutschland ist durch die Mittelschicht geprägt.“