Wirtschaft
15.12.2017

Piketty-Bericht: Warum Europa ein Vorbild für die Welt ist

Seit 1980 ist die Ungleichheit der Einkommen in Europa nur moderat gestiegen – ganz anders in den USA.

Vor knapp vier Jahren avancierte ein unbekannter französischer Ökonom schlagartig zum Popstar seiner Zunft: Thomas Pikettys Bestseller "Das Kapital im 21. Jahrhundert" hatte einen Nerv getroffen und die ungleiche Verteilung des Wohlstandes in die Schlagzeilen gehievt.

Seither haben gut 100 Forscher weitere Statistiken zu Einkommen und Vermögen zusammengetragen und in eine Datenbank gefüttert. Jetzt liegt der erste "Bericht zur weltweiten Ungleichheit" vor, den Piketty am Donnerstag in Paris vorstellte.

Ausgewogenes Europa

Die Kernaussage lautet: Die Einkommen sind ungleicher verteilt als vor einigen Jahrzehnten – in allen Weltregionen. Die Arm-Reich-Schere innerhalb der Länder ist also weiter aufgegangen.

Diese Erkenntnis ist nicht neu. Erstaunlich ist aber, wie sehr sich Tempo und Ausmaß dieser Entwicklung unterscheiden. Und, die wahre Überraschung: Der alte Kontinent schneidet außerordentlich gut ab. "In Europa verlief der Anstieg der Einkommensungleichheit seit 1980 moderat", so Piketty.

Besonders deutlich zeigt das der Vergleich von WesteuropaDeutschland, Frankreich, England – mit den USA (Grafik). Vor knapp vierzig Jahren sei das Niveau der Ungleichheit ähnlich gewesen; heute stehe man vor "radikal anderen Verhältnissen". Denn während der Einkommensanteil des reichsten Prozents der Bevölkerung in Europa von 10 auf 12 Prozent leicht gestiegen ist, hat sich ihr Kuchenstück in den USA fast verdoppelt – zulasten der ärmeren Hälfte.

Die Reichen verdienen mehr, die Armen weniger: Das führt Piketty auf die Schieflage im US-Bildungssystem, auf die seit den 1980ern stark gestiegenen Spitzengehälter und die hohen Kapitaleinkünfte in den 2000er-Jahren zurück.

Ein wissenschaftlich erwiesenes "Idealmaß an Ungleichheit" gebe es freilich nicht. Deshalb lässt sich streiten, ob es fair ist, wenn in Europa zehn Prozent der Bevölkerung 37 Prozent des Gesamteinkommens kassieren.

Das ist aber ausgewogener als jede andere Region der Welt. Die reichsten zehn Prozent Chinesen stecken 41 Prozent in die Tasche, in den USA/Kanada sind es 47 Prozent, in Afrika 54 Prozent und in Nahost gar 61 Prozent.

Das Bild wäre noch vorteilhafter, würde die steuerliche Umverteilung berücksichtigt: In den Zahlen sind nur die Markteinkommen samt Pensionen, Arbeitslosen- und Sozialhilfe, aber keine Steuern oder Transfers inkludiert. "In Europa wurde die Ungleichheit durch eine Bildungs- und Lohnpolitik abgefedert, die eher den unteren und mittleren Einkommensgruppen zugute kam", heißt es in dem Bericht.

Die Autoren sehen darin ein Vorbild. Würden alle Länder Europas Verlauf seit 1980 folgen, könnte die Einkommensungleichheit bis 2050 weltweit verringert werden. Ganz anders, wenn die USA das Muster abgeben: Dann würden die reichsten ein Prozent 2050 statt 20 bereits 30 Prozent der gesamten Einkommen einstecken.

Pfui, Privatisierung

Kritik üben Piketty und Co, dass seit 1980 viele Länder öffentliche Vermögen in private Hände transferiert haben. Die Privatisierungen hätten den Handlungsspielraum der Regierungen verkleinert.

Österreich kommt in dem 300-Seiten-Bericht gar nicht vor. Das Deutschland-Kapitel zeigt, wie stark die Interpretationen je nach Blickwinkel variieren: Die reichsten zehn Prozent verfügten 2013 über 40 Prozent des Einkommens. "Das war schon 1913 so", schrieb das Handelsblatt. "Die soziale Kluft ist so groß wie vor 100 Jahren", titelte hingegen die Agentur dpa.

Piketty-Bericht zur weltweiten Ungleichheit 2018: Deutsche Kurzfassung (20 Seiten), Link zur Langfassung (300 Seiten, englisch)