Karsten Mühlenfeld

© APA/EPA/Patrick Pleul

Deutschland
03/06/2017

Pannen-Flughafen Berlin: Chef Mühlenfeld räumt Posten

Karsten Mühlenfeld gibt den Chefposten der Flughafengesellschaft Berlin-Brandenburg auf. Lütke Daldrup folgt ihm nach.

Der Berliner Flughafenchef Karsten Mühlenfeld verlässt vorzeitig das Unternehmen. Er habe eine Vertragsauflösung unterschrieben, erfuhr die Deutsche Presse-Agentur am Montag aus Aufsichtsratskreisen. Der Berliner Staatssekretär Engelbert Lütke Daldrup wird neuer Geschäftsführer der Berliner Flughäfen. Zudem verlässt Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) den Aufsichtsrat des Unternehmens, wie dieser am Montag ankündigte. Dies sei aus Compliance-Gründen notwendig. Lütke Daldrup sei eine gute, sachgerechte und schnelle Lösung, sagte Müller.

Mann mit Erfahrung

Mit verspäteten Großprojekten und ausufernden Kosten hat Engelbert Lütke Daldrup Erfahrung. 2003 begann in Leipzig der Bau des City-Tunnels, zweier Bahnröhren unter der Innenstadt. Lütke Daldrup war Baurat der Stadt, einer der Bauherren des Projekts, dessen Baukosten von ursprünglich anvisierten 572 Mio. Euro auf 935 Mio. Euro anschwollen. Eröffnet wurde der Tunnel 2013, vier Jahre verspätet, als Lütke Daldrup schon wieder weg war. Während seiner Amtszeit war der Bau der Werke von Porsche und BMW in der Messestadt angeschoben worden, auch das neue Bildermuseum - Leipzigs Olympiabewerbung für 2012 aber scheiterte unter seiner Führung. Nach zehn Jahren in Leipzig folgte Lütke Daldrup 2006 seinem langjährigen Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee (SPD) ins Verkehrsministerium nach Berlin.

Schlank und mit markanter Haartolle wirkt Lütke Daldrup zuweilen noch wie ein Heranwachsender, weniger wie der 60 Jahre alte Beamte und Honorarprofessor, der er ist. Der verheiratete Niederrheiner blickt auf eine lange Behördenlaufbahn zurück. Sie führte den gelernten Raumplaner zur Wendezeit schon einmal in die Berliner Senatsverwaltung, wohin er vor drei Jahren zurückkehrte. Regierungschef Michael Müller (SPD) holte den Staatssekretär in die Senatskanzlei und machte ihn zu seinem Flughafenkoordinator, den Mann für die Detailarbeit unter Flughafen-Aufsichtsratschef Müller. Beobachter schildern den Gelegenheitsraucher Lütke Daldrup als gut informiert, zum Teil aber auch als verschlossen und gelegentlich impulsiv. "Nicht so viel quatschen, nicht so viel spekulieren", entfuhr es ihm einmal, als die Mutmaßungen über den neuen Hauptstadtflughafen wieder mal ins Kraut schossen. Seine Mahnung: "Fertig bauen und die Leute, die es machen, die Seriösen, auch mal unterstützen."

Vertrauensverhältnis erschüttert

Mühlenfeld war 2015 als Nachfolger von Hartmut Mehdorn nach Berlin gekommen. Zuletzt hatte er sich mit dem Aufsichtsrat überworfen, indem er den Technikchef auf der Baustelle für den neuen Hauptstadtflughafen auswechselte, obwohl die Kontrolleure dagegen waren.

Der Bund und Berlin sahen das Vertrauensverhältnis daraufhin erschüttert. Sie waren aber in der Nacht zum vergangenen Donnerstag im Aufsichtsrat damit gescheitert, Mühlenfeld zu entlassen. Der Mit-Eigentümer Brandenburg hatte sich in der Sondersitzung noch gegen Mühlenfelds Entlassung gesperrt, signalisierte am Wochenende aber bereits Kompromissbereitschaft.

"Alle sind sich einig, dass eine zügige Inbetriebnahme des BER im Vordergrund stehen muss", hatte Regierungssprecher Florian Engels am Sonntag mitgeteilt. Einer Ablösung von Mühlenfeld könne Brandenburg nur zustimmen, "wenn es eine fachlich qualifizierte direkte Nachfolge gibt". Die Länder Berlin und Brandenburg sowie der Bund sind gemeinsam Eigentümer des Unternehmens, das den krisenbehafteten Berliner Großflughafen baut.

Die Eröffnung des Flughafens ist seit dem Baubeginn im Jahr 2006 schon fünf Mal verschoben worden. Inzwischen ist das Projekt gut fünf Jahre in Verzug. Grund sind Technikprobleme, Fehlplanungen und Baumängel. Aber auch Personalwechsel führten wiederholt zu Verzögerungen.

Vierte Flughafenchef erwartet

Mit der Ablösung Mühlenfelds gibt es nach zwei Jahren den nächsten Führungswechsel bei dem politisch umkämpften Flughafen-Projekt. Airlines hatten zuvor davor gewarnt, sich von Mühlenfeld zu trennen. Sie fürchten weitere Verzögerungen an dem Flughafen.

Mühlenfelds Nachfolger wird der vierte Flughafenchef seit dem Baubeginn des BER 2006. Rainer Schwarz hatte wegen der geplatzten Eröffnung 2012 und des Krisenmanagements danach 2013 seinen Hut nehmen müssen. Sein Nachfolger Hartmut Mehdorn blieb bis März 2015 zwei Jahre lang am BER. Er trat nach Konflikten mit dem Aufsichtsrat zurück.

Der neue Flughafen in Berlin als Personalkarussell

Auf das Personalkarussell BER sind schon viele aufgestiegen und konnten sich eines Tages nicht mehr halten. Die wichtigsten Köpfe in der Dauerkrise des neuen Hauptstadtflughafens in Berlin, der eigentlich schon seit 2011 in Betrieb sein sollte:

Die Flughafenchefs

- Rainer Schwarz: Wegen des geplatzten Eröffnung 2012 und des Krisenmanagements danach 2013 nach sieben Jahren im Unternehmen gekündigt. Leitet heute den Flughafen Münster-Osnabrück.

- Hartmut Mehdorn: Vorher Vorstandschef bei Deutscher Bahn und Air Berlin. Bis März 2015 zwei Jahre lang am BER. Kam mit Rücktritt nach Konflikten mit dem Aufsichtsrat womöglich seinem Rauswurf zuvor.

Der Architekt

- Meinhard von Gerkan: Architekt der Flughäfen Tegel und BER. Sein Büro war Generalplaner, dessen Kündigung 2012 verstärkte das Chaos. Heutige Verantwortliche sehen den Rauswurf als Fehler.

Die Bauleiter

- Manfred Körtgen: Musste wegen der geplatzten Eröffnung 2012 gehen. Für Kritik sorgte auch, dass er parallel zum Bau seine Promotion schrieb - über die Optimierung komplexer Baumaßnahmen.

- Horst Amann: Technikchef von Sommer 2012 bis November 2013, deckte tausende Mängel im Terminal auf, verlor aber einen erbitterten Machtkampf mit Mehdorn. Baut heute das Terminal 3 in Frankfurt.

- Jochen Großmann: Teilte die Brandschutzanlage auf, um sie steuerbar zu machen. Musste im Juni 2014 nach wenigen Monaten nach einer Korruptionsaffäre gehen. Wegen Bestechlichkeit verurteilt.

- Jörg Marks: Schrieb den geplatzten Zeitplan zur Eröffnung 2017. Besorgte als erster alle Genehmigungen für das Terminal. Nun nach zweieinhalb Jahren wegen fehlender Fortschritte freigestellt.

Die Aufsichtsräte

- Klaus Wowereit (SPD): Regierender Bürgermeister von Berlin (2001-2014). Wegen der Pannen 2013 Rücktritt vom Aufsichtsratsvorsitz. Dann Rückkehr, bis 2014 seine politische Karriere endet - auch wegen des BER.

- Matthias Platzeck (SPD): Brandenburgs Ministerpräsident (2002-2013) Lange Wowereits Vize im Aufsichtsrat, 2013 für ein knappes Jahr Vorsitzender. Bonmot: "Entweder das Ding fliegt oder ich fliege."

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