Wirtschaft
20.01.2012

OPEC-Generalsekretär: „100 Dollar schaden Wirtschaft nicht“

Der aktuelle Ölpreis sei für Produzenten wie auch Konsumenten durchaus fair, sagt OPEC-Generalsekretär Abdalla El-Badri.

Im Büro von OPEC-Generalsekretär Abdalla El-Badri hängt ein Gemälde. Es zeigt das mittelalterliche Wien. „Wien ist eine kosmopolitische Stadt“, sagt El-Badri. Eine Stadt, die er wegen ihrer Sicherheit und Sauberkeit schätze. Und von der aus der Libyer die Geschicke der Organisation Erdöl-exportierender Länder lenkt. Die OPEC ist der zentrale Player im internationalen Ölgeschäft und bedient ein Drittel der weltweiten Rohölnachfrage.

El-Badri ist gefragt, einflussreich, man kennt ihn auf der ganzen Welt. Spüren lässt er dies sein Gegenüber aber nie, er übt sich in vornehmer Zurückhaltung. Dem KURIER gab der OPEC-Generalsekretär eines seiner raren Interviews und sprach über die hohen Treibstoffpreise in Österreich, die Lage in seiner Heimat Libyen und die schwelende Krise am Persischen Golf.

KURIER: Herr El-Badri, sind die Spritpreise in Österreich Ihrer Meinung nach zu hoch?

Abdalla El-Badri: Wenn man sich den Preis aus Sicht der Produzentenländer ansieht, würde ich sagen: Ja. Der reine Produktpreis macht ja nur rund 50 Prozent von dem aus, was an der Tankstelle zu zahlen ist. Der Rest sind Steuern. Österreich ist zwar nicht Teil der G7, aber nur zur Veranschaulichung: Die G7 generieren mehr Einnahmen aus Ölprodukten als die Produzentenländer selbst.

Faktum ist, dass die Spritpreise 2011 auf ein Rekordniveau geklettert sind – was auch für die durchschnittlichen Erdölpreise gilt. Wie lautet Ihre Prognose für 2012?

Wir nehmen an, dass der Ölpreis bei rund 100 Dollar pro Barrel (zu je 159 Liter, Anm.) liegen wird. Außer, wenn etwas wirklich Unerwartetes passiert. Von dieser Preisannahme möchte ich vor allem isolieren, was im Mittleren Osten passieren kann. Auch die Euro-Schuldenkrise birgt große Risiken, heuer und auch 2013. Ich hoffe, die EU löst das Problem so schnell wie möglich.

Der Chefanalyst der Internationalen Energieagentur, Fatih Birol, sagte unlängst im KURIER-Interview, dass sich der Erdölpreis in einer „Gefahren-Zone“ für die Weltwirtschaft befindet. Stimmen Sie dem zu?

100 Dollar pro Barrel schaden der Weltwirtschaft überhaupt nicht. Dieses Level ist für beide Seiten annehmbar, für die Produzenten- wie auch für die Konsumenten-Länder.

Sie haben es bereits angesprochen: Der Arabische Frühling hat große Auswirkungen auf den Ölpreis. Als Libyer and ehemaliger libyscher Politiker unter Muammar al-Gaddafi, wie beurteilen Sie die Entwicklung Ihres Landes?

Vorweg: Politiker war ich keiner, sondern Ölminister. Das letzte Mal in Libyen war ich im Februar vergangenen Jahres, ich kann die Lage also nicht unmittelbar aus erster Hand beurteilen. Ich hoffe, dass Libyen den demokratischen Wandel weiter vorantreibt. Ich bin sicher, dass es Libyen in der neuen Ära besser gehen wird.

Macht die Übergangsregierung einen guten Job?

Man muss bedenken, dass sie das Land von null aus aufbauen muss. Angesichts dessen macht sie einen sehr guten Job.

Ist Libyen stabil genug, oder befürchten Sie einen Bürgerkrieg?

Nein, einen Bürgerkrieg wird es nicht geben. Natürlich gibt es Konflikte, aber das ist durchaus normal. Diese Probleme werden gelöst werden, wenn wir weiter voranschreiten. Über Nacht kann man von dem Land nicht erwarten, komplett stabil zu werden. Aber am Ende des Tages, so hoffe ich, wird Libyen ein transparentes, demokratisches Land sein.

Planen Sie, nach Libyen zurückzukehren?

Ja, unbedingt, ich liebe dieses Land.

In die Politik?

Nein, da habe ich keine Ambitionen. Das neue Libyen sollte in die Hände der Jugend gelegt werden.

Wann wird die libysche Ölproduktion wieder auf Vorkriegsniveau kommen?

Die Branche macht wirklich gute Fortschritte. Ende Juni sollten es wieder 1,5 bis 1,6 Millionen Barrel pro Tag sein, so wie vor dem Krieg. Ich dränge aber die internationalen Konzerne, wie die OMV, uns bei der Aufbauarbeit weiter zu unterstützen.

Ein anderer Krisenherd ist der Iran. Glauben Sie, dass der Iran tatsächlich die Straße von Hormus, also jene Meerenge im Persischen Golf, durch die in etwa ein Viertel des täglichen Weltölverbrauchs transportiert wird, blockieren wird, wenn die EU kommende Woche ein Öl-Embargo gegen Teheran beschließt?

Das ist wohl die schwierigste Frage, die man mir derzeit stellen kann. Und ich habe sie mir selbst schon öfter gestellt. Was wir in dieser ölreichen Region brauchen ist Stabilität, keine Konflikte. Ich hoffe, dass es zu keinem Krieg kommt. Mein Ratschlag ist, die Straße von Hormus nicht zu schließen. Das würde nur zu weiteren Problemen führen, die eskalieren könnten. Was ich den beteiligten Ländern raten kann, ist: Bitte bewahrt den Frieden.

Zu einem anderen Thema. So mancher Energieexperte konstatiert, dass der derzeit hohe Ölpreis auch eine Folge von zu geringen Investitionen in die Öl-Suche und -Förderung ist. Stimmen Sie dem zu? Investiert die OPEC genug?

Nein, dem kann ich überhaupt nicht zustimmen. Von 2011 bis 2015 investieren wir in 132 Projekte mehr als 300 Milliarden Dollar. Das wird rund sieben Millionen Fass pro Tag an zusätzlichen Öl- und Ölprodukten generieren (der Tagesverbrauch weltweit beläuft sich derzeit auf rund 90 Millionen Barrel, von dem die OPEC in etwa ein Drittel abdeckt, Anm.) . Wir wissen natürlich, dass das Erdölbusiness nicht nur bedeutet, Gewinne einzustreichen, sondern diese auch wieder zu investieren.

Würden Sie sagen, dass der Einfluss der OPEC auf die Ölpreise in den vergangen 30 Jahren zu- oder abgenommen hat.

Unser Ansinnen ist nicht, Einfluss auszuüben. Wir sind eine ökonomische Organisation. Seit rund zehn Jahren versuchen wir uns auch mehr und mehr von der Politik zu entkoppeln. Unser Ziel ist, ausreichend Öl zu produzieren, um die Weltwirtschaft damit zu versorgen und einen fairen Beitrag für unsere Mitgliedsländer daraus zu generieren.

Wie lange glauben Sie, wird die Welt noch am Erdöl-Tropf hängen? Und wie lange wird die OPEC diesen Rohstoff noch zu einem halbwegs leistbaren Preis anbieten können?

Der Primärenergiebedarf bis 2035 wird um die Hälfte steigen. Derzeit wird der Bedarf zu 34 Prozent von Öl gedeckt, 2035 werden es 28 Prozent sein. Ein bisschen weniger, aber Öl wird weiter eine entscheidende Rolle spielen. Öl wird uns erhalten bleiben, vielleicht für die nächsten 100 Jahre.

Und der Preis?

2035 sehen wir eine weltweite Nachfrage von 110 Millionen Barrel und nehmen an, dass der Preis bei 133 Dollar pro Fass liegen wird

Zur Person: Abdalla El-Badri

Der typische Heurigen-Besucher sei er nicht, lacht der seit Jänner 2007 amtierende OPEC-Generalsekretär Abdalla El-Badri – obwohl in der Nähe seines Hauses im 17. Wiener Gemeindebezirk sicher das eine oder andere entsprechende Etablissement zu finden wäre. Seine rare Freizeit verbringt der 72-jährige Libyer lieber mit ausgedehnten Spaziergängen im Wienerwald, wo er dann eineinhalb Stunden „an nichts denkt“.

Auch bei mehr oder weniger ziellosen Tramway-Fahrten lässt der verheiratete Vater von fünf Kindern bisweilen die Seele baumeln. „In Wien ist das auch ohne Bodyguard problemlos möglich“, betont der OPEC-Mann.

Karriere El-Badri studierte in Libyen und an der Universität von Florida Ökonomie. Seine Karriere im Ölgeschäft startete er Mitte der 1960er-Jahre bei Esso Standard (jetzt Exxon Mobil). 1983 übernahm er den Vorsitz der staatlichen libyschen Ölgesellschaft NOC. In dieser Funktion reiste El-Badri 1986 auch erstmals nach Wien, wo er mit der heimischen OMV einen Ölfördervertrag verhandelte.

Aber auch in der libyschen Politik war El-Badri umtriebig. Unter Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi bekleidete er ab den 1990er-Jahren die Ämter Energieminister, Öl- und Elektrizitätsminister und Vize-Premierminister, bevor er wieder an die Spitze der National Oil Company ( NOC) zurückkehrte (2004 bis 2006).

Auch das Amt des OPEC-Generalsekretärs ist für El-Badri nichts Neues. Schon 1994 übte er diese Funktion aus – allerdings nur für sechs Monate.

OPEC: Ölkartell mit Sitz in Wien

Produzenten Die Organisation Erdöl-exportierender Länder ( OPEC) wurde 1960 gegründet. Seit 1965 befindet sich das Hauptquartier in Wien. Das Ölkartell umfasst zwölf Mitgliedsländer aus dem Mittleren Osten, Afrika und Südamerika. Die OPEC-Länder produzieren derzeit rund 30 Millionen Fass Öl am Tag, was einem Drittel des weltweiten Verbrauchs entspricht. Zudem sitzt die OPEC auf rund drei Viertel der weltweiten Ölreserven. Die Förderquoten werden bei den halbjährlichen Treffen der zwölf Ölminister stets neu verhandelt. Das einflussreichste Mitglied ist Saudi-Arabien, auf das fast ein Drittel des OPEC-Öls entfällt.