Wirtschaft
20.12.2011

Österreicher wird neuer "Mister Euro"

Thomas Wieser, der künftig die Euro-Finanzminister lenkt, über die Krise und ihr Ende.

Thomas Wieser ist einer der anerkanntesten Finanzexperten Europas. Anfang Februar übernimmt der Sektionschef und Mastermind von Finanzministerin Maria Fekter die Leitung der Euro-working-Group in Brüssel. Das ist jenes einflussreiche Gremium, das die Treffen der Euro-Finanzminister inhaltlich vorbereitet. Wieser wird dann „ Mister Euro“, er bestimmt maßgeblich die mächtige Euro-Gruppe. Ab 2012 leitet er auch die Verhandlungen für den neuen, bilateralen Vertrag zur Bildung einer Fiskalunion.

KURIER: Herr Sektionschef, was sind die Knackpunkte des neuen Vertrages?

Thomas Wieser: Wenn man ein hohes Maß an Solidarität innerhalb der Euro-Zone zeigen will, bedingt das auch Solidität und Stabilität im Bankensektor als auch in der Fiskalpolitik. Das wünschen und brauchen die Triple A-Länder. Länder, die weniger erfolgreich in der Fiskalpolitik sind, werden dazu verpflichtet, eine auf Stabilität ausgerichtete Fiskalpolitik zu fahren. Der Vertrag dient dazu, dass das politisch verlässlich herstellbar ist. Dann ist es umso leichter, finanzielle Solidarität zu zeigen.

Kann der bilaterale Vertrag Teil des derzeit gültigen Lissabon-Vertrages werden?

Das ist nicht undenkbar. So war es während des Europäischen Rates auch angelegt. Durch die Tatsache, dass Großbritannien partout nicht mitmachen wollte, ist Plan B, ein eigenständiges Vertragswerk, zum Tragen gekommen. Zu einem einzigen Vertrag gehört, dass alle 27 das wollen. Bei derzeitiger englischer Gemütslage scheint das die nächsten drei bis vier Jahre aber nicht der Fall zu sein.

Erwarten Sie, dass alle Nicht-Euro-Länder mittun?

Es sind alle 27 Mitglieder an diesen Vertragsverhandlungen beteiligt, das ist ein politisches Signal. Im Laufe der Verhandlungen wird den Nicht-Euro-Mitgliedern klar werden, dass man dem Vertrag ohne Weiteres beitreten kann. Viele der fiskalpolitischen Grundprinzipien werden stärker für die Euro-Zonen-Mitglieder gelten. Kroatien kommt als Beobachter dazu. Für die anderen Nicht-Euro-Staaten ist es ein tatsächliches Ziel, der Euro-Zone beizutreten.

Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte, die Krise sei noch lange nicht vorbei. Teilen Sie diese Aussage?

Die Krise wurde durch die griechische Fiskalpolitik, durch makroökonomische Ungleichgewichte in einer Reihe von Mitgliedstaaten und durch Probleme im Bankensektor ausgelöst. Wenn man die zugrunde liegenden Probleme der Krise anpackt, dann hat man die Vorbedingung dafür geschaffen, dass wir möglichst bald aus der Krise herauskommen.

Wann ist das?

Alle Probleme haben dazu geführt, dass ein großes Gefühl an Unsicherheit, Verlust an Vertrauen bei der Bevölkerung, bei Investoren und bei Unternehmungen aufgetreten ist. Erfolg werden wir erst haben, wenn ein normaler Investor sagt, eine Staatsanleihe von Spanien oder Italien ist ein risikofreies Investment. Dazu müssen wir Rahmenbedingungen schaffen. Es geht nicht, wirtschaftspolitische Maßnahmen anzukündigen, sie müssen auch umgesetzt werden. Italien unter Ministerpräsident Monti ist auf einem guten Wege.

Österreich schnürt ein Sparpaket und ringt um die verfassungsmäßige Verankerung der Schuldenbremse. Wäre das nicht eine Chance für fundamentale Reformen?

Ich bin noch österreichischer Beamter. Ich sage nichts zu Österreich.

Generell, sind Krisen ein ökonomisches und politisches Fitness-Programm?

Das ist so. Das sagen alle beteiligten Ökonomen und Politiker. Finanzpolitische Konsolidierung und gleichzeitiges Wachstum sind möglich. Wachstum geht nicht nur durch Defizitabbau, sondern auch durch strukturpolitische Maßnahmen.

Macht die EU nicht zu wenig für Wachstum und Jobs?

Das ist eine falsche Wahrnehmung. Das Konzept Europa 2020 gilt es umzusetzen. Das sind sehr brauchbare Vorschläge, wie Europa global wettbewerbsfähiger werden kann.

Sie sind als Finanzexperte sehr geschätzt. Schäuble, Juncker, alle werben um Sie. Was ist Ihr Erfolgsrezept?

Volkswirtschaft, Psychologie, Soziologie, Sprachen, Kommunikation, Humor und Stressresistenz.

Zur Person: Mister Euro und scharfer Denker

Vorfahren Die Ökonomie steckt in seinen Genen: Zwei seiner Ahnen, Eugen Böhm-Bawerk und Friedrich Wieser, waren berühmte österreichische Nationalökonomen. Geboren wurde Thomas Wieser 1954 in den USA.

Ausbildung Er absolvierte sein Wirtschaftsstudium in Innsbruck und ein Postgraduate an der University of Colorado (Fulbright-Stipendiat) und in Wien. Wieser ist seit 1989 im Finanzministerium tätig. Sein Vertrag in Brüssel läuft für vier Jahre, in dieser Zeit wird er in Wien karenziert.

Privat verheiratet, ein Sohn. Er liebt klassische Musik und Literatur. Derzeit liest er Haruki Murakamis Roman „1Q84“.

Brüssel: Fahrplan für den Euro-Fiskalpakt
Am Dienstag trat in Brüssel erstmals die Arbeitsgruppe zu den Verhandlungen über den beim EU-Gipfel beschlossenen neuen Fiskal- und Stabilitätspakt zusammen. Bis zum nächsten Gipfel im März soll ein neues Regelwerk für den Euro ausgearbeitet werden.

Die Gruppe unter Leitung von Thomas Wieser wird aus bis zu drei Vertretern jedes Mitgliedslandes bestehen, außerdem aus Vertretern der EU-Kommission, der Europäischen Zentralbank und Experten des EU-Ratssekretariats. Die Briten sind als Beobachter zugelassen, auch Kroaten. Aus dem EU-Parlament, das vehement eine Beteiligung forderte, werden der einflussreiche CDU-Abgeordnete und langjährige Merkel-Vertraute Elmar Brok, der belgische Ex-Premierminister und Fraktionschef der Liberalen Guy Verhofstadt sowie der italienische Sozialdemokrat Roberto Gualtieri entsendet.

Die zweite Sitzung des Gremiums soll bereits in der ersten Jänner-Woche stattfinden. Die Verhandlungen sollen bis Ende Jänner abgeschlossen sein und der Vertrag Anfang März unterzeichnet werden. Sobald ihn neun Euro-Staaten ratifiziert haben, tritt der Vertrag in Kraft.