Wirtschaft 05.12.2011

Ökonom Otte: Staatsbankrott ist Chance

© Bild: KURIER/Vogel

Max Otte, einer der bekanntesten deutschen Wirtschaftswissenschaftler, lehrt ab jetzt in Graz - mit wie immer mutigen Thesen.

Max Otte gehört zur Mehrheit der Volkswirtschaftler, die einen Schuldenerlass für Griechenland als einzige Lösung sehen. Anders als viele Kollegen kritisiert er aber die Finanzmärkte heftigst. Das tut er nun auch in einer Streitschrift, die im Juli erscheint.

KURIER: Herr Professor Otte, Sie wettern gegen die Euro-Rettung. Wieso?
Max Otte:
Der Hauptgrund ist, dass wir gar keine Euro-Krise haben. Es ist Demagogie, wenn Jean-Claude-Juncker (Finanzminister Luxemburgs und Chef der "Euro-Gruppe") sagt, dass "ein Tag Krieg teurer als die ganze Euro-Rettung" sei. Erstens retten wir ihn nicht, zweitens denkt kein Mensch nur ansatzweise, dass wir wieder in kriegsähnliche Zustände zurückfallen. Das ist an den Haaren herbeigezogen, um ganz andere Sachen zu verschleiern.

Welche?
Wir retten weder die Griechen, noch den Euro noch Europa, sondern die Finanzakteure, die sich dort sehenden Auges engagiert haben. Wir verschleiern, dass wir damit Sozialismus für internationale Banken, Finanzdienstleister und griechische Oligarchen (denen unter anderm griechische Banken gehören) produzieren. Für deren risikofreie Gewinne zahlen nun Deutsche und Österreicher und griechische Bürger.

Letztere haben doch auch von den einst zu billigen Euro-Krediten voll profitiert: Ihre Löhne stiegen ein Drittel rascher als die deutschen und österreichischen. Muss nicht der fremdfinanzierte Wohlstand der Griechen auf das ihrer Leistung entsprechende Niveau sinken? Wenn da die eigene Politik und die der EU versagen, dann ist der Markt doch nur das letzte Korrektiv vor einer Transferunion?
Natürlich, neben den Banken, die die Kredite vergeben haben, sind auch die Griechen mitverantwortlich, die das Geld genommen und verprasst haben und die Wirtschaft durch Korruption schädigen. Der Konstruktionsfehler der Europäischen Währungsunion hat diese schädlichen Entwicklungen allerdings stark gefördert.

Otte: "Die Pleite Griechenlands ist die einzige Hoffnung. Auch unser Kaputtsparen 1930 war nicht erfolgreich"
© Bild: KURIER/Vogel

Soll man also die Griechen pleitegehen lassen?
Ja! Das wäre die einzige Hoffnung für sie. So wie es jetzt ist, sparen sie sich in der Krise kaputt, denn sie haben ihren Haushalt schon um fünf Prozent ihres BIP, der Gesamtwirtschaftsleistung, reduziert. Sie sind im vollen Absturz und treten noch auf die Vollbremse: Das kann nicht funktionieren. So eine Politik hatten wir in Deutschland 1930 bis 1932, das war nicht erfolgreich.

Das heißt Staatsbankrott...
Der ist nicht das Ende des Landes, sondern die Chance auf seinen Neuanfang: Die sich engagiert haben, erleiden Verluste, werden also in Verantwortung genommen - was jetzt nur als Kosmetik versucht wird. Natürlich wäre Griechenland dann von neuen Krediten abgeschnitten, aber nicht ewig. Nach der Umschuldung braucht es die Solidarität Europas. Mit der hat Griechenland die Hoffnung, wieder auf die Beine zu kommen.

Europas Politik fürchtet aber die unbeherrschbare Ansteckung, die letzten Tage stand schon Italien im Fokus.

Das ist doch genau diese Panikmache. Griechenland, Portugal und Irland haben zusammen weniger als ein Viertel der deutschen Wirtschaftsleistung. Zählt man Österreich, Niederlande und andere stabile Länder dazu, geht es noch besser. Auch Spanien ist da kein Problem.
Italien wäre es schon. Aber da muss man überlegen, wo das herkommt: Die Finanzoligarchie verdient daran und die Spekulanten. Die Finanzmärkte sind irrational, ineffizient und prozyklisch, also von einem ins andere Extrem fallend. Und die Politik läuft denen hinterher.

Die Eigendynamik ist jetzt schon kaum beherrschbar...

Wenn Griechenland umgeschuldet wird, ist der ganze Spuk gestoppt. Dann ist das Doppelpass-Spiel von nachträglich reagierenden, verschärfenden Ratingagenturen und Investmentbanken zu Ende. Von diesem angelsächsischen Kartell, wie es Ihr Wirtschaftsforscher Stephan Schulmeister nennt, profitieren die USA, also die Wirtschaft, die wirklich am Abgrund steht, wie Irland und Großbritannien auch. Italien steht besser da.

Sind die USA nicht wettbewerbsfähiger als die Euro-Schuldnerländer?

Nur durch ihr Hightech, ihre Monopole und Waffen. Noch schützt die USA ihre politische Dominanz im westlichen System mit dem Dollar als Leitwährung - nicht ihre Wirtschaftsstärke.

Was schlagen Sie vor?

Den Schuldenschnitt Griechenlands zwischen 40 und 60 Prozent, das stoppt die Spirale. Die Banken, die dadurch in Schwierigkeiten kommen, müssen wir retten, da hilft
nichts. Diesen drohenden Flächenbrand können wir stoppen, wie wir in der Krise 2008 gelernt haben. Ich plädiere auch für den Austritt Griechenlands und anderer Randstaaten aus der Euro-Zone, damit könnten sie ihre Wettbewerbsfähigkeit ohne das Diktat von Brüssel wiederherstellen.

Sie glauben, Europas Politik ließe diese Niederlage zu?
Wenn die Steuerzahler als Wähler streiken, dann geht es für die Politik nicht mehr weiter. Finnland und Österreich sind Beispiele für diese Stimmung. Noch ist das Machtverhältnis von Politik und Wirtschaft aber umgedreht.

Für Sie ist Merkel wieder die Geisel der Finanzmärkte?
Merkel ist mir - außer in ihrer gut entwickelten Machttechnik - ein Rätsel. Ihr Finanzminister Schäuble sendet den Märkten unklare und wechselnde Signale. Wenn sich aber was grundsätzlich ändern soll, muss das vom Stärksten ausgehen, von Deutschland. Noch sind die deutschen und österreichischen Steuerzahler etwas leidensfähig, aber irgendwann kommt es. Bis dahin werfen wir deren gutes Geld dem schlechten nach.

Sie sind auch erfolgreicher Investor. Was raten Sie nun?
Gar nicht so viel. Das Problem ist, dass man nicht reagieren kann, man muss sich weit vorher Gedanken machen. Und dann Kurs halten. Generell sage ich: Sachwert schlägt Geldwert. Lebensversicherung und Anleihen würde ich dem Normalanleger nicht empfehlen, sondern gute Immobilien, Gold - das noch lange nicht zu teuer ist -, und Aktien hoher Qualität, also Versorger mit stabilen Erträgen. Ich halte etwa die Flughafen-Wien-Aktie trotz des Politik-Einflusses für interessant, die ist extrem billig, und die verlässliche Voest. Am sichersten sind große Markennamen: Procter & Gamble, Nestle, Beiersdorf. Die bringen inflationsgeschützte Dividenden und sind Anteile an Realwerten, auch wenn die schwanken.

Sie wurden in Deutschland bekannt, weil Sie den letzten Crash vorhergesagt haben. Kommt bald wieder einer?

Wir haben eine binäre Situation: Inflation oder Deflation, und die ist immer noch nicht entschieden. Ich hoffe auf Inflation, denn die ist leichter beherrschbar. Deflation wäre bei den hohen Staatsschulden heute noch dramatischer als 1930. Einen Crash wie 2008 halte ich trotz der Unsicherheit für weniger wahrscheinlich. Auch wenn man sich immer klar sein muss, wie wenig man eigentlich weiß.

Zur Person: Ökonom Max Otte

Laufbahn Max Otte, 47, ist studierter Volkswirt, hat in Princeton promoviert und sechs Jahre auf dem US-Finanzmarkt gearbeitet. Er lehrte zuletzt an der Wirtschaftshochschule Worms und wurde gerade zum Professor an der Universität Graz bestellt, wo er ab Oktober liest. Otte ist daneben auch Chef-Manager eines erfolgreichen Fonds für "Value-Investing" (sichere Substanzwerte) und einer von ihm aufgebauten Vermögensverwaltung.

Berühmtheit
Weit über Fachkreise hinaus bekannt wurde er durch seine präzise Voraussage der Finanzkrise. Seine Bücher haben seither Rekordauflagen, Bestseller war "Der Crash kommt". Er ist häufiger Gast in Talkshows und Magazinen. Seine Vorbilder sind J. M. Keynes und Warren Buffet.

Mehr zum Thema

  • Hauptartikel

  • Hintergrund

Erstellt am 05.12.2011