Wirtschaft
16.03.2016

Nie wieder braune Äpfel: Glaubenskrieg Gentech

Früchte ohne Oxidation, Turbolachs – wie die US-Gentechfirma Intrexon die Welt verbessern will.

Ungeahnte Möglichkeiten täten sich auf. Produkte, die es so noch nicht gebe. "Einen weißen Apfel-Smoothie, ganz ohne Farbzusätze", gerät Jack Bobo im Gespräch mit dem KURIER ins Schwärmen. Für Gentechnik-Gegner ist der Amerikaner vermutlich so etwas wie das personifizierte Böse. Er ist Sprecher der 1998 gegründeten US-Firma Intrexon mit Sitz in Germantown, Maryland. Der Slogan "Better DNA" (bessere Gene) und die Webseite www.dna.com weisen die Richtung. Die börsenotierte Intrexon investiert in Gentech-Start-ups. Etwa jene Firma, die Arctic Apples herstellt: Äpfel, die nicht braun werden. Mittels Gentechnik wurde jenes Enzym ausgeschaltet, das die Früchte oxidieren lässt. Die Bäume sind in den USA gepflanzt, 2017 wird die erste Erntesaison für Gentech-Granny-Smith und Golden Delicious sein.

Europas Doppelmoral

Dann, so Bobo, gebe es endlich eine Lösung für ein Problem, das alle Eltern kennen: "Kinder wollen keine braun gewordenen Apfelspalten. Oder stellen Sie sich Saft vor, der hell und klar bleibt." Wer sollte das wollen, lautet der schüchterne Einwand? In Europa zahlt man schließlich extra einen Aufpreis für naturtrüben, direkt gepressten Bio-Apfelsaft.

Und: In Arctic Apple sind Polyphenole reduziert, die für das Braunwerden nach dem Aufschneiden verantwortlich sind. Das hat noch einen anderen, unerwünschten Nebeneffekt, erläutert Universitätsprofessor Reinhart Jarisch vom Floridsdorfer Allergiezentrums (FAZ): "Die Polyphenole zerstören die Allergene im Apfel." Deshalb sind alte Sorten mit hohem Polyphenolgehalt für die rund 200.000 Birkenpollenallergiker in Österreich genießbar, die die „weißen“ Äpfel auf Grund sogenannter Kreuzreaktionen nicht vertragen (siehe Story zur heurigen Pollensaison).

Wechselseitiges Unverständnis

"Es geht nicht um entweder Bio oder Gentech, es geht um die Wahlmöglichkeit", kontert Bobo, der – Pikanterie am Rande – zuvor 13 Jahre lang im US-Außenministerium für die Lebensmittelpolitik zuständig war.

Rasch gewinnt man den Eindruck: Wenn es um Gentechnik geht, sind die Amerikaner vom Mars und die Europäer von der Venus. Die Debatte ist geprägt von wechselseitigem Unverständnis.

Für Bobo ist grüne Gentechnik, also der Einsatz von Biotechnologie in der Landwirtschaft, die Lösung für so gut wie alle Probleme – vom Klimawandel bis zu Versorgungsengpässen: "Ab 2050 wird die Weltbevölkerung sinken, bis dahin müssen wir aber die Agrarproduktion stark steigern."

Den Europäern wirft er Doppelmoral vor. Sie würden Gentechnik ablehnen, seien aber nach China der zweitgrößte Importeur von Gensoja als Futtermittel. Die EU habe ihre Agrarproduktion quasi nach Brasilien ausgelagert. "Ausgerechnet das Land mit der größten Artenvielfalt." Sprich: Europa habe die Abholzung des Regenwaldes auf dem Gewissen.

Turbolachs aus dem Genlabor

Intrexon hat freilich noch mehr zu bieten als unverwüstliche Äpfel. Die Firma ist Hauptinvestor bei Aquabounty, jenem Start-up, dessen genmanipulierter Lachs 2015 in den USA zugelassen wurde und für Schlagzeilen sorgte. Der Fisch ("Aquadvantage"), der in riesigen Lagerhallen-Tanks in Panama herangezogen wird, wächst in nur 16 bis 18 Monaten zur Marktreife heran – statt in drei Jahren. "Franken-Fisch", lautete der Tenor in Österreich.

2015 erzielte Intrexon bei 174 Millionen Dollar Umsatz unterm Strich fast 85 Millionen Dollar Verlust. Die Aktie schlägt sich dennoch erstaunlich gut. Grund ist das Zika-Virus: Intrexon hat auch einen unfruchtbaren Gentech-Moskito im Angebot, der die Ausbreitung des Virus unterdrücken könnte.

EU noch kein Thema

Werden Gen-Äpfel und Turbolachs demnächst Europa überrollen? Was erhofft sich Intrexon vom Freihandelsabkommen TTIP, will der KURIER wissen. "Gar nichts", antwortet Bobo: "Wir schauen nicht auf den europäischen Markt, die Nachfrage in Amerika ist groß genug." Man plane nicht, eine EU-Zulassung zu beantragen – zumindest nicht jetzt. "Der Lachs wird selbst in den USA erst in zwei Jahren erhältlich sein", sagt Bobo. "Noch viel Zeit zum Nachdenken."

Die europäischen TTIP-Verhandler betonen, das Freihandelsabkommen werde nichts an den EU-Gesetzen zur Gentechnik-Zulassung oder -Kennzeichnung ändern. "Wir wollen den Europäern nicht vorschreiben, was sie essen oder anbauen sollen", sagt auch US-TTIP-Verhandler Robert Spitzer. GVO und ihre Kennzeichnung seien in den TTIP-Verhandlungen gar kein Thema. Spitzer beklagt allerdings, wie lange die Zulassungsverfahren für genetisch veränderte Lebensmittel in der EU dauern. Wenn das als Handelshindernis eingesetzt würde, müssten sich die USA zur Wehr setzen.

US-Zankapfel Gentech-Kennzeichnung

Verpflichtende Gentech-Etiketten: Aufmüpfige US-Staaten werden entmachtet.

In den USA tobt ein heftiger Streit über die Kennzeichnung von gentechnisch veränderten Organismen (GVO) in Lebensmitteln. Der US-Staat Vermont hat 2014 ein Gesetz beschlossen, wonach GVO-Etiketten verpflichtend würden – und zwar ab 1. Juli 2016. Einige weitere Staaten wie Connecticut and Maine wollten sich der Initiative später anschließen.

Doch daraus dürfte nichts werden. Das Vorhaben rief die mächtige Lebensmittelindustrie auf den Plan. Der Branchenverband GMA (Grocery Manufacturers Association), der 300 große Produzenten vertritt, intervenierte. Ein „verwirrender Fleckerlteppich von 50 unterschiedlichen Gesetzen“ würde eine durchschnittliche US-Familie 1050 Dollar im Jahr kosten, behauptete GMA-Chefin Pamela Bailey.

Info nur aufs Handy?

Der Lobbying-Einsatz hatte Erfolg: Der republikanische Abgeordnete Pat Roberts legte im Senat einen Gegenentwurf für ein Gesetz vor, das den 50 Staaten das Recht der Gentechnik-Kennzeichnung entziehen würde. US-Agrarminister Tom Vilsack soll demnach eine bundesweite Gesetzesregelung vorlegen. Und zwar nicht verpflichtend, sondern auf freiwilliger Basis. Die Hersteller wollen überhaupt vermeiden, dass die Produkte gekennzeichnet sein müssen. Ihnen schweben „Smart Labels“ vor – der Konsument müsste vor dem Supermarktregal das Etikett abfotografieren und erhielte die Infos auf das Smartphone übermittelt.

Gentech-Kritiker in den USA sind entsetzt und sprechen von einem Vernebelungsgesetz („Dark Act“). Dennoch: Am 1. März erhielt das Gesetz im Senatsausschuss 14 Ja- und nur 6 Gegenstimmen. In beiden Kongresshäusern zeichnen sich Mehrheiten für die industriefreundliche Lösung ab.

EU-Gesetze seit 2004

In der EU müssen GVO-Lebensmittel schon seit 2004 gekennzeichnet sein. Ausgenommen sind unvermeidbare Verunreinigungen unter 0,9 Prozent und Futtermittel. Gentechnisch verändertes Soja ist in der EU-Viehzucht gang und gäbe, das Fleisch muss nicht extra gekennzeichnet werden.

Die Artikel entstanden im Rahmen einer vom U.S. Department of State organisierten USA-Reise.

Gentechnik: Es wird kräftig geschwindelt

Ob USA oder Europa: Die Gentechnik-Debatte wird auf beiden Seiten des Atlantik unehrlich geführt. Die US-Firmen pochen gerne auf „wissenschaftliche Beweise“ und sind angeblich besorgt, dass der Konsument irregeführt werde, wenn GVO-Produkte gekennzeichnet würden. In Wahrheit wissen sie natürlich genau, dass sich Lebensmittel mit Gentech-Stigma einfach schlechter verkaufen.

Allerdings sollte Europa aufhören zu suggerieren, dass Gentech-Food gesundheitsschädlich ist: Das können wir nicht beweisen. So, wie auch Bio nicht automatisch gesünder ist. Es geht vielmehr um konträre Philosophien der Agrarproduktion. Tier- und Umweltschutz, Nachhaltigkeit: All das sind gute Gründe, GVO-Lachs und -Mais abzulehnen. Die von der Gentech-Lobby behauptete Wahlfreiheit zwischen Bio und Gentech existiert nämlich in Wirklichkeit nicht. Hat man sich einmal für den Anbau entschieden, gibt es wegen der Verunreinigung kein Zurück mehr.