Wie groß ist der ideale Landwirtschaftsbetrieb? Kleiner als China anstrebt, größer, als es in Europa üblich ist, findet der Nestlé-Agrarchef.

© REUTERS/KHAM

Agrar-Ökonom
03/02/2016

Nestlé-Agrarchef: Europäer sind "größte Landräuber"

Hans Jöhr hält schlechte Politik für fataler als den Klimawandel. Technik sichert Ernährung, findet er.

von Martina Salomon

Wie ernährt man bis 2050 neun Milliarden Menschen? Zu diesem Thema hatte die Linzer Saatgutfirma "Saatbau" Montagabend den Nestlé-Agrarchef Hans Jöhr eingeladen. Nestlé ist der weltgrößte Nahrungsmittelkonzern mit Sitz in der Schweiz.

Jöhrs zentrale Thesen: Ein weit größeres Problem als der Klimawandel ist schlechte Politik. Und: Mit Technologie (die zum Beispiel das knapper werdende Gut Wasser besser nutzt) und gut ausgebildeten Bauern werden alle satt. Für ein Problem hält Jöhr die Landflucht junger Bauern in vielen Teilen der Welt. Nestlé steuert mit Ausbildungsprogrammen in Asien und Afrika gegen.

Der Konzern setzt auf mittlere Betriebe, die für österreichische Begriffe dennoch riesig sind: Höfe mit 500 Kühen. In China habe es sogar Tendenzen zu Betrieben mit bis zu 20.000 Kühen gegeben, berichtete Jöhr. Das hält er jedoch genauso für falsch wie die entgegengesetzte europäische Entwicklung: die gezielte Verminderung landwirtschaftlicher Produktion bei gleichzeitig steigenden Zuschüssen für die Bauern.

"Wer sind die größten Landräuber weltweit?", fragte Jöhr provokant. Antwort: Die Europäer. Nirgendwo sonst werde pro Kopf mehr Land beansprucht. Die europäischen Konsumenten seien rein theoretisch sehr umweltbewegt und verteufeln Pflanzenschutz "extrem". Gleichzeitig werde Essen verschwendet, viel zu viel lande im Müll. Insgesamt gab sich der Nestlé-Agrarchef Mühe, heikle Themen für den Konzern zu umschiffen. Nebenbei merkte er an, dass der Konzern mit insgesamt 350 Nicht-Regierungsorganisationen zu tun habe.

Der KURIER fragte nach.

KURIER: Sie schreiben plötzlich Nachhaltigkeit und Entwicklung groß: Eine Folge davon, dass Nestlé bei grünen Organisationen zu den meistgehassten Konzernen der Welt zählt?

Hans Jöhr: Nein, uns geht es um nachhaltige Produktionssysteme in der Landwirtschaft: Aus welchen Systemen wollen wir einkaufen, wie vermeiden wir Rückstände, welche Pflanzenschutzmittel wollen wir haben?

Nestlé wurde von NGOs gejagt, in Filmen angeprangert. Das ist wirklich keine Reaktion darauf?

Nein, das ist kein Fall von green washing. Als ich im Jahr 2000 zum Konzern kam, wurde ich auf diese Dinge gar nicht aufmerksam gemacht. Mein Ziel war, die hochwertige Rohstoffzufuhr zu unseren Fabriken nachhaltig zu sichern.

Nestlé und andere Großkonzerne werden dafür verantwortlich gemacht, dass die bäuerliche Landwirtschaft keine oder eine schwierige Zukunft hat.

Aber das ist nicht das Problem der Lebensmittelindustrie per se. Das hat hauptsächlich damit zu tun, dass kleinbäuerliche Produktionssysteme heute nicht in der Lage sind, den Jungen ein Existenzminimum zu sichern. Sie können weder in Indien, noch in China noch in Österreich mit der Leistung von fünf milchproduzierenden Kühen überleben.

Weil Konzerne wie Sie in China helfen, Ställe mit 500 Kühen aufzubauen.

Das ist ein vollkommen falscher Schluss. Ich gebe Ihnen ein Beispiel aus Brasilien: Wenn Sie dort vor 100 Jahren fünf Säcke Kaffee produziert und verkauft haben, dann konnten Sie eine kleine Familie ein Jahr lang über Wasser halten. Heute geht das nicht mehr, weil Sie damals kein Auto hatten, keine Elektrizität, keinen Kühlschrank. Sie können mit diesen fünf Säcken also keinen Lebensstil garantieren, der mit jenen von Leuten in urbanen Zentren vergleichbar ist.

Sind Nahrungsmittel also – vor allem bei uns – zu billig?

Das ist eine zentrale Frage. Die Schweizer geben einen deutlich höheren Anteil ihres Haushaltseinkommen für Versicherungen als für Lebensmittel aus. Können Sie sich das vorstellen? Dann gibt es wiederum Länder, etwa in Afrika, wo man 80 Prozent des Haushaltseinkommens für Lebensmittel ausgibt.

Was kann ein Lebensmittelkonzern tun, um da einen Ausgleich zu schaffen?

Indem man Zugang zu hochwertigen, erschwinglichen Nahrungsmittel schafft.

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