Wirtschaft
21.01.2013

David gegen Goliath

Wie sich der Fleischer ums Eck & Co. gegen mächtige Branchenriesen behaupten können.

Die Kundin ist im Glück: „Wenn mir die Staubsaugersackerln ausgehen, rufe ich den Herrn Fleischmann an und erkläre ihm die Misere. Worauf er sagt: „Kein Problem, Gnä’ Frau. Ich fahr gleich los, in zehn Minuten haben’s ihre Sackerl, ich lege sie Ihnen vor die Haustür‘“.

Willi Fleischmann ist ein Wiener Original. Der Elektrohändler auf der Sieveringer Straße sieht sich als Nahversorger, seine Kunden kennt er alle persönlich. Der Hauptgrund, warum sie nicht zu einem Elektroriesen gehen, sondern zu ihm ins kleine Geschäft kommen.

Der wirtschaftliche Winzling hat seine Nische gefunden. Wie auch die Fleischerei Lehner im 17. Bezirk oder Möbel Corso in Wien-Währing. Josef Lehner weiß genau, woher das Fleisch kommt, das er verarbeitet. Das schätzen seine Kunden. Susanne Wirths Möbel sind nicht von der Stange, ihre Kunden suchen das Besondere und finden es bei ihr. Gegen übermächtige Branchenriesen haben es die Kleinen trotzdem nicht leicht. Und nur eine Chance: persönliche Ansprache, Service und Beratung, individuelle Lösungen für Kundenwünsche. Wobei keiner der Kleinen die große Konkurrenz nicht zu spüren bekommt. Dem Elektrohändler tun die Kampfpreise der Konzerne und der Internethandel weh, „da können wir nur ganz schwer mithalten“. Der Fleischer merkt, dass viele Kunden in die Supermärkte gehen: „Das Fleischgeschäft ist in den vergangenen Jahren zurückgegangen. Aber das Wurstgeschäft bleibt stabil.“ Auch die Möbelverkäuferin spürt die Krise: „Die Kunden mit kleinerem Budget kommen weniger als vor der Krise, weil sie kein Geld mehr für Kinkerlitzchen ausgeben können “, sagt Susanne Wirth.

Aber so, wie es David nicht im direkten Kampf, sondern mithilfe von List und seiner Steinschleuder gelang, Goliath zu besiegen, so haben auch kleine Einzelgeschäfte mit der richtigen Strategie eine Chance. Wobei: Sehr viele kleine Individualgeschäfte gibt es in Wien nicht mehr, obwohl man so etwas wie eine Renaissance des Kleinen erkennen kann. Der Trend zu lokalen Produkten ist da, auch das österreichische wird wieder mehr geschätzt und die Konsumenten geben gern Geld für Produkte aus, von denen sie wissen, woher sie stammen. Ob dieser Trend von der angespannten Wirtschaftslage verstärkt oder untergraben wird, zeigt sich allerdings erst.

Er kennt jeden persönlich

Mit Hingabe. Die Elektrofirma Red Zac Willi Fleischmann gibt es seit 1945. Seit der Gründung durch den Vater hat sich viel verändert. Mitarbeiter: sieben. Willi Fleischmann sieht sich als Nahversorger. Vom Elektromaterial bis zu TV und Weißware – „wir haben nichts nicht“.

Die Kunden? „Die kenne ich alle: Buchbinder, Wrabetz, Peter Alexander war ein super Kunde, Gerd Voss, die Stumpfs, Vranitzky, der Chauffeur vom Dichand, Hörbiger. Von Thomas Bernhard haben wir eine Widmung: ‚30 zufriedene Jahre mit Fleischmann‘, aus 1988. Es vergeht kein Tag ohne unsere Kunden im TV.“

Ihr Geschäftsmodell? „Das persönliche Verhältnis ist entscheidend. Wir haben Handschlagqualität, sind ehrlich und korrekt. Wenn man die Kunden kennt, braucht man nix aufschwatzen. Wir liefern, schließen an, nehmen Altgeräte mit.“

Sie als Chef? „Ich bin ein Allrounder, werde leider schon 70, will weiter für die Kunden da sein.“

Die Konkurrenz? „Der Preiskampf ist ein Wahnsinn, den Internethandel spüren wir sehr. Wir sind bemüht, mit den Preisen der Großen mitzuhalten. Manchmal gelingt das nicht, aber bei uns gibt es Ansprechpartner, Beratung und Service.“

Besonderes für wenig Geld

Mit Fantasie. Nach nur zwei Jahren zog Susanne Wirth vom niederländischen Maastricht wieder zurück nach Wien. „Ich war eine deutschsprachige Ausländerin. Einheimische haben bei mir nie gekauft“. Zurück in der Heimat eröffnete sie das Möbel Corso in der Währinger Straße 65. 16 Jahre ist das nun her.

Die Kunden? „Von der Rucksackträgerin wegen der Nähe zum WUK, bis hin zur Frau Primaria aufgrund der Nähe zum AKH. Früher hatten wir viele Kunden mit weniger Geld. Die sind seit der Wirtschaftskrise weg, weil sie kein Geld mehr für Kinkerlitzchen haben.“

Das Geschäftsmodell? „Im Möbel Corso gibt es preisgünstige Produkte, die nach mehr aussehen. Sehr liebevoll. Viele Kunden kommen wegen der fröhlichen Farben, eine Kundin kommt immer hierher, um zu träumen.“

Sie als Chefin? „Ich bin gutmütig, kollegial und mit jedem beinahe befreundet. Aber ich bin nicht sehr beherrscht.“

Die Konkurrenz? „Es gibt nicht mehr viele kleine Möbelgeschäfte. Aber es gibt viele Kunden die nicht in ein anonymes Geschäft gehen wollen. Meine Verkäuferinnen haben ein hohes Niveau, sind intelligent und das macht das Einkaufen angenehm.“

Frisch und schnell beim Kunden

Mit Tradition. Sein Vater war ein Waisenkind, dessen Ziehvater ihm zur Wahl stellte: Fleischer oder Bäcker. Er wurde Fleischer, gründete 1950 das Geschäft im 17. Bezirk. Der Junior Josef Lehner übernahm die Fleischerei 1980, mit 27 Jahren. Seither wurde vergrößert, umgebaut, ein Imbiss eröffnet.

Die Kunden? „Wir haben 70 Prozent Stammkunden. Mir ist sehr wichtig, dass meine Kunden zufrieden sind – nur ein zufriedener Kunde kommt wieder.“

Das Geschäftsmodell? „Wir haben bestes Fleisch und machen die Wurst selbst. Der Imbiss macht auch viel aus, wir haben zum Beispiel Kümmelbraten, Hendlschnitzerln, Salate und jeden Tag ein Menü. Das Wurstgeschäft ist stabil, das Fleischgeschäft geht zurück. Der Imbiss läuft gut.“

Sie als Chef? „Ich fühle mich nicht als Chef. Wir haben zwei Angestellte und zwei Mal in der Woche eine Aushilfe. Ich muss genauso die Fliesen und die Maschinen waschen. Ich bin Fleischhauer und nicht Chef.“

Die Konkurrenz? „Wir bekommen am Samstag das Fleisch, am nächsten Tag wird es verwustet. Bei einem Industriebetrieb dauert es alleine drei Tage bis das Fleisch verwurstet ist. Bis es in der Vitrine ist, noch länger.“