Wirtschaft
26.01.2015

Euro rutscht zeitweise auf Elf-Jahres-Tief

Der Sieg der Syriza hat Auswirkungen auf die Märkte, die Börse in Athen bricht ein. Keuschnigg: Griechenland-Schuldenschnitt ist unwahrscheinlich.

Der Sieg der Linkspartei Syriza im Euro-Krisenland Griechenland (mehr dazu hier) wird am Devisenmarkt gelassen aufgenommen. Der Kurs des Euro war zwar in den ersten Handelsstunden der Woche für wenige Sekunden unter 1,11 Dollar und damit auf den tiefsten Stand seit 2003 gefallen, konnte sich aber schnell wieder erholen.

Trotz des Wahlausgangs in Griechenland hat der deutsche Aktienmarkt seinen Rekordlauf am Montag fortgesetzt. Im frühen Handel kletterte der DAX bis auf 10.718,52 Punkte und damit so hoch wie noch nie. Zuletzt lag er 0,58 Prozent auf 10.711,39 Punkte im Plus. In der Vorwoche hatte das Barometer der 30 wichtigsten deutschen Aktienwerte angesichts der billionenschweren Geldspritze der Europäischen Zentralbank (EZB) bereits um fast 5 Prozent zugelegt.

Börse in Athen tiefrot

Der Athener Aktienmarkt ging unterdessen auf Talfahrt. Der Leitindex fiel zur Eröffnung am Montag um bis zu 5,5 Prozent. Der Index für die heimische Bankenbranche brach sogar um 12,3 Prozent ein.

"Um einen Schuldenschnitt für Griechenland wird man wohl kaum herumkommen", sagte ein Börsianer. Dies setze vor allem die Finanzwerte unter Druck. Der Sektor-Index für die Geldhäuser der Euro-Zone büßte zeitweise knapp zwei Prozent ein. Aber auch die Papiere des Telefon-Anbieters OTE warfen Investoren aus ihren Depots. Die Aktien des griechischen Ex-Monopolisten, der von der Deutschen Telekom kontrolliert wird, fielen um bis zu 12,4 Prozent auf ein Eineinhalb-Jahres-Tief von 7,92 Euro.

Keuschnigg: Kein Schuldenschnitt

Der ehemalige IHS-Chef Christian Keuschnigg( Bild) glaubt indes nicht an einen Schuldenschnitt für Griechenland. " Schuldenschnitt heißt schon, dass es etwas kostet", so Keuschnigg am Montag zur APA. Dies sei für die österreichische Regierung angesichts der Schwierigkeiten mit einer Steuerreform der Bevölkerung nur schwer zu kommunizieren.

"Radikaler Schuldenschnitt würde Griechen wenig bringen"

Eine einseitige Vorgehensweise der kommenden griechischen Regierung erwartet der Wirtschaftswissenschafter nicht. Aber vielleicht biete sich die Gelegenheit für einen Neustart, denn auch in der Eurozone würden die Stimmen derer mehr, dass Griechenland neben einem Spar- auch einen Wachstumskurs brauche. Bank-Austria-Chefökonom Stefan Bruckbauer schlägt in die selbe Kerbe: "Ein radikaler Schuldenschnitt, gefordert durch einen erpresserischen Akt der Griechen, würde wahrscheinlich für die Griechen wenig bringen, weil sie ja eh nicht so besonders leiden unter den hohen Schulden", so Bruckbauer am Montag.

Zuvor hatte der Chef des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther, die künftige griechische Regierung vor einem erneuten Schuldenschnitt gewarnt. Sollte Athen abermals auf Verhandlungen mit seinen Gläubigern über einen teilweisen Erlass von Schulden bestehen, verzichte das Land auf Zugang zum Kapitalmarkt, "und das auf lange Zeit", sagte Hüther am Montag der Deutschen Presse-Agentur. "Ich habe nie verstanden, wo hier die große Erleichterung liegt."

Schneider erwartet Schuldenstreckung

Der Linzer Volkswirtschaftsprofessor Friedrich Schneider( Bild)erwartet, dass die vom Wahlsieger Syriza angeführte neue griechische Regierung mit der EU bzw. der Troika Erleichterungen beim Hellas-Schuldendienst aushandeln wird - allerdings gestützt auf glaubhafte Reformen im Kampf gegen Steuerhinterziehung und Korruption im Land.

"Syriza-Chef Alex Tsipras muss da etwas aushandeln, sonst ist er weg vom Fenster - das weiß auch die EU", meinte der Ökonom am Montag im APA-Gespräch. Italien und Frankreich hätten auch Sonderkonditionen erhalten, daher werde Athen ebenfalls etwas bekommen müssen. Mit einem "Haircut", also einem Schuldennachlass durch die Gläubiger, werde die EU Griechenland nicht entgegenkommen, nimmt Schneider an, "sonst werden das Länder wie Spanien, Portugal oder Irland ebenfalls fordern".

Eurogruppe: Keine weiteren Finanzhilfen

In der Eurogruppe gibt es de facto keine Bereitschaft für weitere Finanzhilfen an Griechenland, wie am Montag in Brüsseler EU-Ratskreisen vor Beginn der Sitzung der Finanzminister der Währungsunion betont wurde. Gleichzeitig wurde erklärt, dass die Eurogruppe unmittelbar nach den Wahlen in Athen keine Entscheidungen treffen werde. Eine Verlängerung des Hilfsprogramms sei im Februar zu beschließen.

Das Rettungsprogramm für Griechenland läuft seitens der EU Ende Februar des Jahres aus. Das IWF-Programm geht noch bis 2016 weiter. Aus der EU-Hilfe sind noch 1,8 Mrd. Euro an Hilfsgeldern für Athen ausständig.

Hellas kommt nur langsam voran

Horrende Staatsverschuldung, ein aufgeblähter Staatsapparat und hohe Arbeitslosigkeit: Trotz schmerzhafter Reformen und milliardenschwerer Hilfen liegt in Griechenland noch vieles im Argen. Während Irland und Portugal den Euro-Rettungsschirm längst verlassen haben, kann Athen immer noch nicht auf eigenen Beinen stehen. Was sind die Gründe für die tiefe Krise?

"Griechenland ist noch nicht im Zeitalter der Globalisierung angekommen", sagt Klaus Schrader vom Kieler Institut für Weltwirtschaft. Der notwendigen Strukturwandel sei über Jahrzehnte verschleppt worden. Der Anteil der Landwirtschaft ist vergleichsweise hoch. Im Dienstleistungsbereich dominierten Arbeitsplätze in den Bereichen Handel und Tourismus, wo Qualifikation und Einkommen gering seien. Athen habe sich in der Vergangenheit auf Tourismus und EU-Strukturprogramme gestützt, sagt Schrader. "Das ist eine eher unproduktive Struktur."

Am 1. Jänner 2002 wurde in Hellas der Euro eingeführt und die Presse jubelte: "Endlich haben wir eine starke Währung in unserer Tasche." Doch die griechischen Regierungen, Sozialisten und Konservative, blähten den Staatsapparat auf und lösten alle Probleme mit neuen Krediten. Das Leben auf Pump breitete sich überall in der griechischen Gesellschaft aus.

Mit der Finanzkrise 2009 war die Party schlagartig zu Ende. "Die Griechen haben einen enormen Preis bezahlt für die Exzesse des vergangenen Jahrzehnts", sagte der amtierende griechische Finanzminister Gikas Hardouvelis jüngst dem Handelsblatt. "Wir haben schon eine Menge getan, aber wir müssen weitermachen."

Erste positive Signale gibt es aus dem Land, das mit Hilfspaketen von insgesamt 240 Milliarden Euro und einem Schuldenschnitt vor der Pleite gerettet werden musste. Erstmals seit 2008 wuchs die Wirtschaft im vergangenen Jahr wieder - nach vorläufigen Angaben um 0,7 Prozent. Vor allem der wieder boomende Tourismus, der inzwischen fast 20 Prozent des Bruttoinlandproduktes ausmacht, treibt die Konjunktur an.

Die Arbeitslosigkeit bleibt trotz eines leichten Rückgangs mit gut 25,5 Prozent aber dramatisch hoch. Fast jeder zweite Jugendliche ist ohne Job. Die Privatisierungen kommen nur langsam voran.

Eine weitere Baustelle: Die öffentliche Verwaltung, sie gilt als ineffizient und aufgebläht. Allein 2014 wurden rund 9.500 Staatsbedienstete entlassen. Für jeden fünften Staatsdiener, der in Rente geht, wird nur noch ein neuer eingestellt. Doch es geht nicht allein um Stellenkürzungen. So gibt es zum Beispiel nach wie vor kein flächendeckendes Grundbuch - für Investoren ein Hindernis beim Kauf und Verkauf von Immobilien. Bis 2020 soll es nach früheren Plänen aufgebaut sein.

Eine Studie der OECD kam im Jahr 2011 allerdings zu dem Ergebnis, dass die Verwaltung kaum in der Lage sei, die Reformgesetze angemessen umzusetzen. Ob sich daran viel geändert hat, bezweifelt Schrader. "Die Modernisierung ist ein langer Weg. Was man jetzt an Reformen angestoßen hat, hätte man schon beim EU-Beitritt des Landes machen müssen."